Saufend, prügelnd, gescheitert, verfemt. Eine Palette aktueller Vaterbücher

Saufende & prügelnde, gescheiterte & verfemte, hilfsbedürftige & späte Väter: Diese Buchsaison wartet mit einer ganzen Palette von Vater-Büchern auf.

Während einer ziellosen Autofahrt durch den Staat New York nimmt der schottische Schriftsteller John Burnside einen Anhalter mit. Der Anhalter, Mike, ist unterwegs zu einem Besuch bei seinem Vater, zu dem er ein inniges Verhältnis pflegt: einem Mann, den er Burnside gegenüber als kompetent, gelassen, großzügig und in sich ruhend darstellt. Der ideale Vater, Unterstützer und Begleiter in allen Lebenslagen.

Und bald stellt Mike, der Burnside so vorkommt, als stamme jeder von seinen Sätzen „aus der großen Schatzkiste überlieferter Weisheiten“, die unvermeidliche Frage: „Und dein Vater, John? Erzähl mir von ihm.“ John Burnside lässt ein paar Augenblicke verstreichen, in denen er einiges Revue passieren lässt, wovon er hätte berichten können: von den verbalen Grausamkeiten seines Vaters, von den Schlägen und nächtlichen Eskapaden, von der Trunksucht, Zerstörungswut und Unberechenbarkeit und davon, dass er seinen Vater schon vor zehn Jahren „mit einer gewissen Dankbarkeit beerdigt hatte“, doch schließlich entscheidet er sich dafür, Mike das zu erzählen, „was er von mir hören wollte – Lügen über meinen Vater“.

„Lügen über meinen Vater“ lautet auch der Titel des grandiosen autobiografieschen Romans von John Burnside, der mit dieser ironischen, traurigen Auto-Szene beginnt. Der Titel ist Programm: Denn nicht nur erzählte Burnsides Vater – ein herumgeschubstes Findelkind und Hilfsarbeiter in einer schottischen Bergarbeiterstadt – zeitlebens Lügen, in denen er sich selbst immer aufs Neue eine wasserdichte Herkunftslegende erfand. Auch sein Sohn ist sich der heiklen Gratwanderung des Erzählens der Vater-Story bewusst:

„Vaterschaft ist eine Geschichte, selbst wenn man dies noch so sehr zu vermeiden sucht.“ In diesem Fall ist es Burnside selbst, der seine Sicht der Dinge erzählt: von einer Kindheit in bitterer Armut, in der das Essen, das die Mutter auf den Tisch stellte, davon abhing, ob der Vater seinen Wochenlohn im Pub versoff oder nicht. Der Vater selbst: ein Schläger und Schwadroneur, gefangen im Männerbild des harten Kerls, gefährlich, brutal und stets bereit, den Sohn der einzigen Erziehungsmethode zuzuführen, die er kannte: Erniedrigung.

Trotz seines Hasses beschreitet John Burnside den Selbstzerstörungsweg seines Vaters über weite Strecken selbst, verliert sich lange in einem leidenschaftlichen Absturz in Drogen und Alkohol und kommt erst spät zur Einsicht: „Ich kann nicht über ihn reden, ohne über mich selbst zu reden, so wie ich nie in den Spiegel sehen kann, ohne sein Gesicht zu sehen.“ Halluzinatorisch dichte Bilder von Rausch und Fall erzählen in „Lügen über meinen Vater“ von der Faszination des Vergessens durch Drogen und davon, wie sich erlebter Missbrauch von Generation zu Generation fortsetzt. In der reflexiven Psyche des Sohnes richten sich die erlebten Traumata vor allem gegen ihn selbst.

Das ist die Crux aller Vaterbücher – in ihnen sind die Kinder mindestens so präsent wie die Väter. Das beweisen auch die Väter-Bücher der Frühjahrs-Buchsaison, die dieser Tage in auffallender Dichte erschienen sind. Natürlich lässt sich daraus kein Trend konstruieren – das Abarbeiten am Vater ist in der Literatur ein so durchgängiges Motiv wie das der großen Liebe. Auffallend ist nur die Häufung.

Der Vater als literarische Figur

Dabei ist eines klar: Um einen Vater zur literarischen Figur zu erheben, braucht es Konflikte, Widerstände, erschwerende Umstände. Die Vatertags-Idylle produziert keine Vaterliteratur. Da braucht es Schlägertypen, Despoten und Alkoholiker wie in John Burnsides „Lügen über meinen Vater“ oder in „Sterben“, dem mit vielen Vorschusslorbeeren bedachten Roman des Norwegers Karl Ove Knausgård. Da braucht es reuelose Nazi-Profiteure wie Goebbels liebsten Filmemacher Veit Harlan, den Urheber des antisemitischen Hetzfilms „Jud Süߓ aus dem Jahr 1940, dem sein im Vorjahr verstorbener Sohn Thomas im letzten Buch „Veit“ ein verzweifeltes, ebenso hasserfülltes wie liebessehnsüchtiges Denkmal setzt.

Da braucht es zumindest einen schwachen, gescheiterten Vater wie in Hanif Kureishis Emigranten-Schicksalsgeschichte „Mein Ohr an deinem Herzen“. Oder einen kranken, pflegebedürftigen Vater wie in Katja Thimms „Vatertage“, wo die „Spiegel“-Reporterin das Leben ihres Vaters, Jahrgang 1931, als repräsentative Schicksalsgeschichte einer ganzen Generation von Deutschen erzählt. Oder in Arno Geigers liebevoller Chronik des schwierigen Umgangs mit der väterlichen Alzheimer-Erkrankung „Der alte König in seinem Exil“.

Dass Geiger das Abdriften des Vaters in zunehmende Hilflosigkeit nicht nur als Sohn erlebt und erleidet, sondern auch über Jahre in schriftstellerischer Absicht mitnotiert, hat einige Kritiker irritiert. Aber gerade die Bloßstellung ist ein wesentlicher Teil des Schreibens über den Vater. In ihrer Nacktheit präsentiert werden dabei beide: Väter und schreibende Kinder. Geradezu splitternackt steht da Thomas Harlan vor den Lesern seines Vaterbuchs „Veit“, das vor allem ein blindwütiger, verzweifelter Abgesang ist, den der deutsche Dramatiker, Romancier und Filmemacher knapp vor seinem Tod krankheitshalber diktierte.

Als „der Riese, die Eiche meiner Kindheit“ erscheint der Nazi-Filmer-Vater darin dem Sohn, der selbst sein Leben lang gegen das Verdrängen und Vergessen gekämpft hat. „Mein Vater schämte sich nie, die Scham war den Kindern vorbehalten“, schreibt Thomas Harlan, für den das familiäre Schlangenknäuel am Ende seines Lebens ebenso giftig ist wie am Anfang. In „Veit“ ist ausschließlich von Scheitern die Rede. Anders als John Burnside oder Karl Ove Knausgård hat sich Thomas Harlan niemals freigestrampelt. Da ist es nur folgerichtig, dass er sich die unbereute Schuld des Vaters sogar auf die eigenen Schultern laden will: „Wenn du deine Verantwortung nicht trägst, ich übernehme sie an deiner statt. Vater, du Geliebter, Verstockter. Ich habe deinen Film gemacht. Ich habe ‚Jud Süߑ gemacht. Lass mich dein Sohn sein.“

Von einem sehr viel milderen Scheitern ist in Hanif Kureishis „Mein Ohr an deinem Herzen“ die Rede. Es geht um die Annäherung des britischen Bestseller-Autors an seinen Vater, einen pakistanischen Emigranten aus guter Familie, der sein Berufsleben als Angestellter der pakistanischen Botschaft in London verbrachte, während er privat das Selbstverständnis eines Schriftstellers pflegte, der Manuskript um Manuskript verfasste, aber nie einen Verlag fand.

„Sein Leben wurde gewissermaßen von den Ablehnungen der Verlage bestimmt“, schreibt Kureishi, der Jahre nach dem Tod des Vaters eines von dessen Manuskripten findet, einen autobiografischen Roman, der ihm zum Anlass des Schreibens wird. Dass er selbst darin als Teenager von seinem Vater als „ein braunhäutiger Cockney-Gammler“ porträtiert wird, berührt ihn ebenso seltsam wie der Umstand, seinen Vater lesend zur Entjungferung in ein Bordell in Bombay zu begleiten, oder die Einsicht in die ständige Konkurrenzkämpfe des Vaters mit seinen zahlreichen Brüdern. Der an seinem Schriftstellertraum gescheiterte Vater bekommt von seinem erfolgreichen Schriftstellersohn posthum die Aufmerksamkeit, die er sich für sein Schreiben immer gewünscht hat.

Dabei hat Kureishi noch viel Zeit, über seine eigene – späte – Vaterrolle nachzudenken. „Ich musste erst selbst Vater werden, um zu begreifen, dass Eltern depressiv werden oder ihre Kinder hassen können, weil diese erwachsen werden und aus dem Haus gehen; dass diese besondere Art der Freude, die Eltern und Kind füreinander bedeuten, für immer vorbei ist und durch eine andere, viel schwierige Beziehung ersetzt wird.“

Eine Einsicht, die auch dem Protagonisten von Wolf Wondratscheks neuem Buch „Das Geschenk“, langsam dämmert: Denn Chuck, der in die Jahre gekommene Held aus Wondratscheks Erfolgsband „Chuck’s Zimmer“ aus dem Jahr 1974, der hier wieder auftaucht, erlebt ebenfalls gerade die Freuden und Leiden der späten Vaterschaft, auf die er es als unabhängigkeitsbedachter Macho nie angelegt hatte. „Das Geschenk“ ist das einzige grundlegend heitere, altersmilde Vater-Sohn-Buch der Saison, in dem noch dazu die Perspektive umgedreht ist und nicht der Sohn, sondern der Vater spricht.

Chuck nämlich hat mit einem Pubertierenden zu tun und ist überrascht von der „Stärke seines Gefühls zu einem Kind, das zu haben er sich nie hatte vorstellen können“. Dem Sohn ist das alles herzlich wurscht. Er ist 14. Und, wie Chuck ironisch anmerkt: „Vierzehnjährige reagieren kaum.“

– Julia Kospach

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