Rückblick des Rohrverlegers: Der öster-
reichische Künstler Peter Kogler im MUMOK

Rohrgeflechte, Ameisenstraßen, Gehirnwindungen – das Bild­vokabular des österreichischen Künstlers Peter Kogler ist unverkennbar. FORMAT besuchte ihn im Vorfeld zu seiner Personale im MUMOK im Atelier.

Das Atelier ist ein schickes dreigeschoßiges Loft im dritten Wiener Bezirk, das jedem Werber Ehre machen würde. Hell, klar, reduzierte Materialien und technisch bestens ausgestattet. Wir sind im Zentrum des Kogler’schen Universums, wo das Œuvre des Künstlers, das zu einem hohen Anteil aus Daten besteht, akribisch ­archiviert wird (siehe hierzu auch die Bildergalerie Rohrgeflechte und Ameisenstraßen– Im Atelier von Peter Kogler ).

Ameisen und labyrinthische Röhren
Hier werden Bilder mit dem Computer gemacht, hier entsteht das Vokabular aus Ameisen, labyrinthischen Röhren und Gehirnwindungen, also jenen Grundmodulen, die Kogler zu komplexen Netzstrukturen formt, die dann gern als „die Konfrontation des Perfektionismus der neuen Technologie mit organischen Motiven“ gedeutet werden.
Seine einzigartige Formensprache hat den 49-jährigen gebürtigen Innsbrucker, der auch eine Professur für Grafik an der Akademie in München innehat, zu einem internationalen Star gemacht. Ob im MoMA New York, in Shanghai oder im Grazer Hauptbahnhof – seine raummodulierenden Arbeiten ziehen ­Besucher weltweit in ihren Bann und lassen den Betrachter gern ins Bodenlose versinken.

Frühe Technik-Affinität
Für die nun anstehende Personale im Museum Moderner Kunst hat er sein Werk aus über 25 Jahren gesichtet, selbst vieles wieder neu entdeckt, anhand dessen sich eine klare Entwicklung ablesen lässt. So hat Kogler schon in frühen Kohlezeichnungen ein spezifisches Bildvokabular entwickelt, das große Affinität zu den Oberflächen der ersten Computerprogramme hatte. Kogler hat das Potenzial der digitalen Revolution früh erkannt. Bereits der erste Apple Macintosh aus dem Jahr 1984 kam bei ihm zum Einsatz. „Meine Generation ist ja mit der Technik aufgewachsen. Ich habe als Kind ge­sehen, wie man am Mond gelandet ist.“

Gegen Malerei-Mainstream
So hat er gegen den Mainstream der neuen Malerei der frühen 1980er-Jahre seine konzeptuelle medienbasierte Kunst gesetzt. „Zu diesem Zeitpunkt gab es diesbezüglich nicht viel. Das Reizvolle war, mit einem Medium zu arbeiten, das keine Geschichte hatte, und die Chance, etwas Innovatives zu formulieren.“ Und weil Rechner auch mit Vervielfältigung zu tun haben, hat Kogler das einst von Adolf Loos verpönte Ornament zurück in die Architektur geholt, in neue Bahnen getrieben und die techni­schen Möglichkeiten von Computer, Bea­mer oder LED-Technik ausgereizt. Die große Kritikerdiskussion, ob die Arbeiten der Architektur oder dem Design zuzuordnen wären, prallt an ihm ab: „Das Wichtige ist immer das Bezugssystem, also der Kunstkontext, in dem meine Arbeit gewachsen ist.“

Die Nähe zum Dekorativem
Er hat auch keine Scheu, in die Nähe des Dekorativen gerückt zu werden. „Mich interessieren diese Abgrenzungen nicht. Dekoration oder Kunst? Das sind Begriffe, die diskutierbar sind.“ Mittlerweile ist Koglers Vokabular omnipräsent, es gibt Kogler auf Anzügen, Strümpfen, Sitzsäcken, auf der Leinwand oder in überdimensionalen Tapetenbahnen. Das Vokabular ist konstant, dennoch wird man kaum Projekte finden, die ident sind. Interpretiert wird viel. Ob es der Intention entspricht? „Ich denke, dass es keine definierte Bedeutung gibt. Die Interpretation der Arbeit ändert sich nach dem kulturellen Zeitpunkt. Aber das setzt voraus, dass die Arbeit Komplexität beinhaltet.“

Ameisen und Hirnwindungen
Ob Ameisen, Rohre oder Hirnwindun­gen, Lieblingsmotiv habe er keines, betont er. „Jedes Element spielt eine Rolle, vor allem im Kontext.“ Die Ameise ist erstmals 1980 in einem Super-8-Film aufgetaucht, der auch in der Schau zu sehen ist. Jetzt hat sich auch eine Ratte ins Kogler’sche Universum gekämpft. „Durchaus ein roter Faden“, kommt der Künstler Kritikern zuvor: „Ameisen wie Ratten leben in großen Populationen und organisierten Systemen.“ Den zwei Millionen Ratten in Wien fügt er nun in seiner Installation für die Außenfassade des MUMOK einige kunstvolle hinzu.

Kein Fünfjahresplan im Kopf
Inputs für neue Motive können von überallher kommen. Von der Kunstszene wie vom Wirtschaftsteil einer Zeitung. „Die produktivsten Zeiten für mich sind jene, wo nichts Großartiges zu tun ist.“ Da wird dann am Computer gespielt, oder es werden ­Ideen im Dialog mit dem vierköpfigen Mitarbeiterstab weitergesponnen. „Man hat da nicht die großen Visionen, ich erstelle auch keinen Fünfjahresplan. Man geht immer davon aus, dass die Künstler was zu sagen haben. Ich denke, das ist ein Missverständnis und ein völlig naives Bild vom Metier“, räumt der Pragmatiker mit Klischees auf. „Auch wenn man Kunst macht, ist das stark von Intuition und Affekt gesteuert.“

Kogler im MUMOK:
Die Retrospektive zeigt rare Arbeiten der frühen 80er und führt von Kohlezeichnungen über Siebdrucke zu Projektionen, Installationen und Objekten. In jedem Geschoß wird zudem eine große neue Installation zu sehen sein.
MUMOK, Eröffnung: 30. 10., 19 Uhr

Von Michaela Knapp

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