Roman: In Reif Larsens skurriler Abenteuer-geschichte verschränken sich Text und Bild

Mit seinem Debütroman „Die Karte meiner Träume“, einer illustrierten Story über ein zeichnendes Wunderkind, wurde Reif Larsen zum neuen Star des US-Literaturbetriebs. FORMAT besuchte den Autor in Brooklyn.

Auf das Geld, den Hype und den Ruhm kommt Reif Larsen kaum zu sprechen. Bloß wenn der 29-Jährige über die Mühen und Freuden des Schreibens erzählt, lässt sich die Furcht, bloß als hochgejubeltes One-Hit-Wonder abgestempelt zu werden, als leises Echo vernehmen. „Ich habe mich oft gefragt, warum ich 5.000 Stunden mit diesem Projekt verbringe“, sinniert der Autor, während er sich in seiner Wohnung im New Yorker Stadtteil Brooklyn in ein Sofa fallen lässt. „Du musst diese Arbeit einfach lieben. Es kann nicht nur darum gehen, dass dein Buch erscheint. Wenn das passiert, musst du schon wieder hungrig auf die Arbeit sein, sonst machst du’s aus den falschen Gründen.“

Eine Million Dollar an Vorschuss
Nichts an Larsen, der FORMAT mit ­einer Baseballmütze und löchrigen, verschiedenfarbigen Socken empfängt, lässt auf den besonderen Status des Autors in der Literaturwelt schließen: Eine knappe Million Dollar Vorschuss zahlte der Verlag Penguin Press allein für die nordamerikanischen Rechte an seinem Debütroman „The Selected Works of T. S. Spivet“, den Larsen während eines vierjährigen Creative-Writing-Studiums an der New Yorker Columbia University vollendete. Nun erscheint das Buch unter dem Titel „Die Karte meiner Träume“ auf Deutsch beim S. Fischer Verlag – der allerdings betont, eine „nicht annähernd“ so hohe Summe dafür ausgelegt zu haben.

Randnotizen als Erzählelement
Larsens Buch, eine skurrile Abenteuergeschichte um einen hochbegabten Zwölfjährigen, ist nicht zuletzt durch seine grafische Aufbereitung eine Besonderheit: Viele Stunden hat der Autor selbst zeichnend zugebracht, hat Diagramme und Landkarten sowie Darstellungen von Vögeln und Insekten auf die großzügig dimensionierten Seitenränder gebannt. Viele Details der Geschichte werden durch ­diese Randnotizen erzählt. Das Buch hat einerseits die sprunghafte, verzweigte Quali­tät eines Internet-Hypertextes, es wirkt in seiner Aufmachung zugleich aber altmodisch und ansprechend für Buchliebhaber. „Ich hatte schon als Siebenjähriger eine verrückte Geschichte geschrieben, in der alte Ägypter aus dem Welt­all auf die Erde kommen, und dazu Illustrationen gezeichnet“, erzählt Larsen, der als Sohn eines Künstlerpaares in der Universitätsstadt Cambridge, Massachusetts, aufwuchs. Dass er Jahre später noch einmal die Verschränkung von Bild und Text er­forschen würde, lag allerdings allein am Hauptcharakter seines Buchs, der vor seinem geistigen Auge ungewohnt klar Gestalt angenommen hatte. „Es war, als hätte mich jemand am Arm gepackt“, sagt er.

Mit einem Vifzack auf Reisen
T. S. Spivet heißt der hinreißend verschrobene Junge, der die Angewohnheit hat, alle Menschen, Dinge und Vorgänge in seiner Umgebung mit hochpräzisen Diagrammen darzustellen. Von seinem Vater, einem Cowboy, erntet er dafür bloß Unverständnis, doch als ein befreundeter Professor einige Zeichnungen an das Smithsonian Museum in Washington schickt, wird dem jungen Kartografen postwendend ein renommierter Preis zuerkannt und eine Forschungsstelle angeboten. Die Leser folgen dem jungen Vifzack schließlich auf einer Reise vom ländlichen Montana in die Hauptstadt der USA, auf der Larsen mit illegalen Fahrten auf Güterzügen, Autostopps, Trucks, Cowboys, obdachlosen „Hobos“ und verrückten Predigern alle Elemente amerikani­scher Roadtrip-Romantik herbeizitiert.

Sehnsucht nach der Western-Szenerie
„Ich war eigentlich schockiert, dass sich das Buch auch in anderen Ländern so gut verkaufte“, erzählt Larsen, der später nicht ohne Stolz die koreanische Ausgabe aus seinem Regal holt. „Ich dachte, es wäre ein so typisch amerikanisches Buch. Aber mein Ausgangspunkt – die Szenerie des Western, der klassischen Ranch – ist etwas, das viele Leute verführt. Europäer suchen diese weite, offene Landschaft vielleicht noch mehr, weil sie sie in dieser Form selbst nicht haben.“ Larsen, selbst Enkel eines norwegi­schen Einwanderers und laut Selbstdefinition ein „Ostküstenjunge“, lernte den Wes­ten auf mehreren Recherche-Trips kennen. Als Mitarbeiter eines Dokufilmteams reiste er in George W. Bushs Heimatort Crawford, Texas, er wühlte in den Archiven von Montana und interviewte „echte“ Cowboys, die schließlich zum Vorbild für den wortkargen Vater von T. S. Spivet im Buch wurden. „Ich war besonders angetan von den modernen Cowboys, die selbst schon so viele Westernfilme gesehen haben, dass sie ihre Identität nach diesen Vorstellungen ausrichten“, erzählt er.

Die Grenzen des wirklichen Lebens
T. S., die Hauptfigur, sieht sich dagegen allen Ernstes als „Wissenschaftler“ – doch auch er muss erkennen, dass er lediglich die literarische Figur des wagemutigen Entdeckers nachexerziert. Im „echten Leben“ stoßen seine Kartografenkünste bald an ihre Grenzen. Larsen gelingt es, Motive der klassischen Abenteuerliteratur mit der nötigen Distanz und Ironie zu durchmischen, gleichzeitig aber die bubenhafte Freude an jugendlichen Reise- und Räubergeschichten wachzurufen. „Man ist sich manchmal nicht im Klaren, in welcher Zeit die Handlung spielt“, sagt der Autor, dessen Held eigentlich mit dem Handy telefonieren könnte, anstatt mit Zirkel und Bleistift durch die Lande zu reisen. „Und ich glaube, das ist eine gute Sache für die Leser.“

Von Michael Huber

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