Retro de luxe: Das neue Interesse
für Musik & Design der 1960er

Retro de luxe: Das neue Interesse
für Musik & Design der 1960er

TV-Serien wie "Mad Men“ oder "The Hour“ haben ein regelrechtes Faible für Musik, Design und Mode der 1950er- und 1960er-Jahre ausgelöst.

Am Eingang des Clubs Chaya Fuera im siebenten Bezirk drängen sich top gestylte Mittzwanzigjährige bis Enddreißiger: Die Ladys tragen schwingende Petticoats oder Bleistiftröcke, dazu High Heels, Lidstrich, rote Lippen und Pferdeschwanz. Die Männer: Anzüge mit schmaler Krawatte, Hüte und gepflegtes Schuhwerk. Aus dem Inneren des Lokals tönen Hits wie You Can’t Hurry Love von The Supremes oder Ain’t Got No Home von Clarence Frogman Henry. - Als wäre man in einem Dreh zur amerikanischen Serie "Mad Men“ gelandet.

Die kultige TV-Serie über eine Werbeagentur im New York der Sixties war es auch, die die Veranstalter Hannah Wagner und Stefan Gavac zu ihrer ersten Party im Stil der 1950er und 1960er namens "Swell Time. A Mad Men Night Out“ inspiriert hat. Was im Jänner 2011 als Insidertipp im Gartenbaukino begann, ist nun ein Highlight in der Wiener Clublandschaft, zu dem alle zwei Monate über 500 Gäste strömen.

Der Spaß am Retro-Look ist nach Film und TV mittlerweile im Mainstream angekommen. Die 50er- und 60er-Jahre-Fangemeinde hat sich ausgeweitet und längst auch die Werbung erreicht. Die aktuelle Palmers-Kampagne verheißt Sanduhrsilhouetten durch Mieder und Push-up-BHs, in den Modemagazinen gibt es Schminktipps für den perfekten Lidstrich und Hochsteck-Frisuren, als wäre man als Blondine dem aktuellen "Hitchcock“-Film entstiegen. Die Lust an dieser Ästhetik sieht auch die Austro-Designerin Lena Hoschek, die aktuell auf den internationalen Laufstegen für Furore sorgt. Die Kollektionen der 33-jährigen Grazerin sind eine Hommage an die Diven der 50er-Jahre, tailliert und figurschmeichelnd.

Als Auslöser für das internationale Fifties-Sixties-Fieber, für Musik und Design der Zeit gilt die US-Fernsehserie "Mad Men“, die seit Juli 2007 sehr erfolgreich auf der ganzen Welt ausgestrahlt wird, in Deutschland u. a. auf ZDFneo. Am 7. April startet man beim Kabelsender AMC bereits in die sechste Staffel! Die TV-Serie erzählt mit Liebe zum Detail und Lust am Design über die Mitarbeiter einer Werbeagentur in der Madison Avenue und begeistert männliches wie weibliches Publikum: Die Protagonisten Don Draper oder Roger Sterling sind cool gestylte Typen mit geilen Jobs, die sich smart zwischen Nostalgie-de-luxe-Interieur-Design bewegen, ohne je einen ihrer zahlreichen Drinks zu verschütten. Geraucht wird bis zum Exitus. Und im Vorzimmer wartet eine willige Schar gut aussehender Assistentinnen, die ihre kurvenumschmeichelnden Kleider mit schlafwandlerischer Sinnlichkeit tragen und Affären mit den Chefs nicht abgeneigt sind. Auch wenn vom Frauenbild der Serien "Sex and the City“ oder "Desperate Housewives“ weit entfernt, entsprechen das Schönheitsideal und die sinnliche Opulenz von "Mad Men“ offenbar durchaus den weiblichen Sehnsüchten. Die rothaarige Christina Hendricks lassen auch Frauen als Sexsymbol gelten.

Und während im deutschen Feuilleton bereits analysiert wird, ob sich denn im Erfolg der Serie und dem Sixties-Hype eine neue Sehnsucht nach einer Zeit, als die Welt und die Rollenbilder noch in Ordnung waren, spiegelt, sieht der 34-jährige "Swell Time“-Veranstalter Stefan Gavac bei seinem Publikum keine Spur von Neokonservativismus: "Man sollte da nicht zu viel hineininterpretieren. Die Frauen, die zu uns kommen, übernehmen zwar den Stil, es gibt aber keine Affinität zu den Wertvorstellungen der damaligen Zeit. Bleistiftrock und Bluse ändern noch nichts am Weltbild. Im Gegenteil. Wir spielen ja bewusst mit den Klischees.“

Noch mehr Vintage-Flair

Nach "Mad Men“ setzt jedenfalls auch eine weitere TV-Serie auf Vintage-Flair und Zeitkolorit, wenn auch etwas kühler und unglamouröser: Die BBC-Miniserie "The Hour“ erzählt über eine Fernseh-Nachrichtenredaktion im London der Fünfzigerjahre und lief 2011 in England an. Eben waren die ersten sechs Folgen über den Produktionsalltag vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der Suezkrise auf arte zu sehen.

Auch das französische Kino hat sich der zurzeit allgegenwärtigen Stildekade angenommen und liefert mit der Sekretärinnen-Komödie "Mademoiselle Populaire“ einen opulenten Beitrag. Am 19. 4. kommt der Film in die heimischen Kinos. Schon davor machen die "Puppini Sisters“ aus London mit ihrer Retro-Show in Wien Station. Marcella Puppini hat das Gesangstrio 2004 gegründet. Seither lassen die Ladys in opulenten Bühnenshows Musik, Look und Gestus der 40er- und 50er-Jahre auferstehen. Sie liefern eigene Songs wie Coverversionen, von "True Love“ bis "Moon River“, und präsentieren Schellack-Sound in bewusstem Rückgriff auf Gesangsstil und Technik der 50er-Jahre. Als, wie das Briten-Trio betont, "Gegen-Act zu den hochtourig produzierter Hightech-Ergüssen“ der Gegenwart. Nostalgie-Reverenz, stilecht.

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