Radfahren wird zur Selbstinszenierung. So geht es

Ein Faltrad von Moulton oder ein Fixie von Pashley, dazu das Outfit vom Kultlabel pedaled - Stil statt Schnelligkeit ist das Motto der neuen Status- & Lifestyle-Radler: Die Trendstücke des neuen Cycle-Chics.

Klappt super

Leicht und schnell. So lässt sich das "Eclipse X20“-Faltrad von Tern beschreiben. Es bringt 10,7 kg auf die Waage, und richtet sich vor allem an eine urbane Kundschaft. Die Marke wurde erst vor zwei Jahren gegründet, agiert wird aber bewusst international und auch auf Nachhaltigkeit legt man großen Wert. Die Preispalette beginnt bei € 400,-. Dieses Premium-Exemplar kostet aber € 1.900,-
ternbicycles.com

Federspiel

Räder der britischen Traditionsmarke Moulton stehen für hohe Konstruktionskunst und patentierte Federung. Bis zu 20.000 Euro bezahlt man für die kleinen Kunstwerke. Beim Einstiegsmodell "TSR 2“ (Zwei-Gang-Nabenschaltung, teilbarer Rahmen, V-Brake vorne) kommt man mit € 1.490,- noch relativ günstig davon.
www.moultonbicycles.co.uk

Die Zahl der Freaks, sagt Günther Hafner, sei wesentlich größer geworden in den letzten Jahren. Ihn stört das nicht im Geringsten. Er ist selber einer. Gemeinsam mit seinem Bruder Johannes betreibt er das Fahrrad-Spezialgeschäft "Geheimrad von Hafner“ im burgenländischen Frauenkirchen. Hafner verkauft Räder, die ihm selbst gut gefallen, er repariert und adaptiert sie. Das hat sich herumgesprochen. Aficionados reisen von weither an, um eins der schnörkellosen, handgefertigten englischen "Pashley“-Traditionsräder zu sehen, die es in Österreich nur bei "Geheimrad“ gibt. Oder um ein technisch hochgerüstetes E-Bike auszuprobieren. Haftner verbringt lange Winterabende damit, mit einzelnen Kunden stundenlang zu besprechen, wie jede Komponente ihres Fahrrads gestaltet werden soll. "Die Leute tigern sich da richtig rein“, sagt er, "es gibt sogar manche, die sich Räder aus purem Spaß kaufen - vor allem bei Elektrofahrrädern. Das hätte es vor ein paar Jahren auch nicht gegeben.“

Sattelfeste Selbstinszenierung

"Ja“, sagt Hafner, "die Fahrradszene hat sich verändert“. Räder haben neuerdings das Zeug zum Statussymbol und Lifestyle-Accessoire. Nicht nur Sporträder, bei denen das schon länger so ist. Auch Alltags- und Stadträder, ganz besonders die. Da werben neue, schicke Fahrrad-Boutiquen wie "stilrad“ mit dem Slogan "Lifestyle Fahrräder für die Stadt“ und laden zu akrobatisch-körperbetonten Lindy-Hop-Tanzevents in den todschicken "Showroom“ im ersten Wiener Bezirk. Da bringt der schwedische Modekonzern "H & M“ seine aktuelle Frühjahrs-Kollektion für Biker aus ökologisch wertvollen Bio- und Recyclingmaterialien auf den Markt, der man nicht ansieht, dass es sich um Funktionskleidung handelt. Da schweißen und löten die "Selberbruzzler“, eine Gruppe von eigentlich handwerksfernen Wiener Fahrrad-Liebhabern, in ihrer Freizeit in einer Hernalser Werkstatt an selbst gemachten Fahrradrahmen herum, und das deutsche Wochenmagazin "Der Stern“ publiziert einen Sonderteil, in dem es ausschließlich ums Radfahren und um die Frage geht, was "Mann“ beim urbanen Biken trägt. Denn, so der "Stern“, die "Selbstinszenierung auf zwei Rädern ist das neue Männerhobby“.

Zur Bibel für alle Fahrrad-Enthusiasten wird sich zweifellos Robert Penns Buch "Vom Glück auf zwei Rädern“ entwickeln, das gerade auf Deutsch erschienen ist. Es ist nicht nur eine exzellent und humorvoll geschriebene Kultur- und Technikgeschichte des Fahrrads. Vor allem berichtet der britische Anwalt und Journalist, der in seinen Zwanzigern die Welt umradelt hat, von der Verwirklichung seines großen Biker-Lebenstraums: Der Anfertigung eines maßgeschneiderten Fahrrads. Nicht dass Penn noch kein Rad hätte. Im Gegenteil. Er hat fünf. Aber: "Ich begehre mehr als ein gutes Rad“, schreibt er, "tatsächlich verlange ich ein Fahrrad, das man nicht im Internet erwerben kann, ein Rad, das man nirgendwo zu kaufen bekommt. Ich will mein Rad. Ich möchte den Prozess auskosten, es Stück für Stück zu erwerben.“ Also reiste Penn nach Portland und Vicenza, nach Mailand und Kalifornien, ins englische Stoke-on-Trent und nach Korbach in Hessen, um sich alles vom Stahlrahmen über Getriebe, Reifen und Räder bis zu Lenker, Lenkkopf und Sattel anmessen und anpassen zu lassen.

Objektophilie

Mit diesem engen Liebesverhältnis zu seinem Rad liegt Penn, wenn man so will, voll im Trend. Oder noch genauer gesagt: Er bildet dessen Speerspitze. "Denn das Rad“, so der Wiener Freizeit- und Tourismusforscher Peter Zellmann, "ist etwas, das die Gesellschaft langsam, aber grundlegend verändert. Und wenn so ein Phänomen in die Breite geht, entsteht immer eine Status-Spitze, die sich absetzen will.“ Genau hierher gehören die Rad-Freaks und die Status- und Lifestyle-Radler mit ihren ganz besonderen Spezialrädern, ihren ausgeklügelten Bike-Accessoires und der dazu passenden Kleidung. Ob sie ihre Super-Räder dann tatsächlich auch leidenschaftlich verwenden oder eher nur besitzen, ist individuell ganz unterschiedlich. Eins steht fest: Es gibt Modelle, wie die voll gefederten Klappräder von "Moulton“, die mit ihrer Rennradausstattung und dem speziellen Koffer, in den man sie packen kann, flotte 17.000 Euro kosten. "Das sind“, sagt Günther Hafner von "Geheimrad“, "reine Sammlerobjekte, die in einer Vitrine hinter der Bibliothek verschwinden.“ Dass es vor allem Männer sind, die in die Extreme des allgemeinen Fahrrad-Trends hineinkippen, lässt den Eindruck entstehen, sie seien dessen Hauptträger. So ist es aber durchaus nicht. "Männer sind da einfach anfälliger“, analysiert Trendforscher Zellmann.

Radgefahren wird jedenfalls auf Teufel-komm-raus! Egal ob Männer oder Frauen, Junge oder Alte, und es werden immer mehr. Vor allem in den großen Metropolen. London, Paris, New York - lauter Städte, die Bikern als Verkehrsteilnehmern nicht gerade optimale Bedingungen bieten - haben, natürlich von einem niedrigen Niveau ausgehend, derzeit zum Teil dreistellige Zuwachsraten bei Radfahrern. In Wien gab es allein in den letzten zwei Jahren eine Steigerung von 30 Prozent. 260.000 Menschen fahren hier täglich oder mehrmals wöchentlich mit dem Rad. "Das Bild wird immer diverser“, sagt Martin Blum, seit 2011 der neue Radverkehrsbeauftragte für Wien. "Früher gab es mehr öko-angehauchte Radler. Das kann man heute nicht mehr sagen. Vor allem das Business-Radeln nimmt stark zu.“ Blum hofft, dass sich der Radverkehrsanteil am Wiener Gesamtverkehr, der derzeit bei 6,3 Prozent liegt, bis 2025 auf 15 Prozent steigern lässt.

Unrealistisch ist das nicht: Vor zehn Jahren waren es erst zwei Prozent. Spitzenreiter wäre Wien damit allerdings noch lange nicht. Zum Vergleich: In Kopenhagen liegt der Radverkehrsanteil bei 35 Prozent. Was es dazu braucht, sind Bewusstseinsbildung und Infrastrukturmaßnahmen. An beidem wird in Wien heftig gearbeitet, gerade im Jahr 2013, das die Stadt zum "Radjahr“ ausgerufen hat. Seit dieser Woche tourt etwa ein - natürlich fahrrad-gezogenes - "Fahrradhaus“ als große Infozentrale durch die Bezirke. Auch die weltweit größte Fahrrad-Konferenz "VeloCity“, bei der Radverkehrs-Experten aus aller Welt aufeinander treffen, findet heuer erstmals in Wien statt.

Mobiler Catwalk

Eines kann man mit Bestimmtheit sagen. Die Individualität des Rades und seines Fahrers spielt - vor allem in der Stadt - eine große Rolle. Dazu kommt: Die Städte wachsen. Die zunehmende Autofahrernot in den großen Ballungszentren arbeitet dem Fahrrad quasi entgegen. "Auf die Frage, was das Stadtlebensgefühl ausmacht, ist Radfahren eine gute Antwort“, sagt Martin Blum. "Man ist ideal an der Stadt dran, und es macht Spaß.“ Außerdem: "Wenn man sich zeigen will, ist man nirgends so in der Auslage wie auf dem Rad.“ Radfahren als Laufsteg- und Promenaden-Ersatz. Das ist neu. Neu ist auch, dass die Fahrrad-Präferenzen der Radfahrer in zwei Richtungen gehen: Die einen haben Sinn für den neuen Glanz von entspanntem Retro-Schick. Marken wie "Pashley“ oder "Gazelle“, die traditionelle, alt bewährte Fahrräder ohne viel Techno-Schnickschnack herstellen, haben regen Zulauf.

Gerade weil sie unprätentiös und einfach sind, sich gut mit Körben und Gepäckträgern ausstatten lassen und für ein alltagspraktisches Radeln stehen. Auf der anderen Seite boomen Hightech-Bikes - besonders auch Elektrofahrräder. "Vor allem bei Trendbewussten sind E-Bikes sehr aktuell“, sagt Günther Hafner von "Geheimrad“. "Die Topprodukte von 2012 lagen bei 2.800 Euro, heuer kosten sie schon 3.200 bis 3.500 Euro. Für viele Kunden sind solche Preise für E-Bikes akzeptabel geworden.“ Natürlich nur solange sie stylisch sind und einen schön integrierten Akku besitzen. Selbstverständlich gibt es auch so etwas wie eine Radfahrer-Etikette. Ihre derzeit wesentlichste Stil-Regel lautet - und zwar in den Worten des Dänen Mikael Colville-Andersen, dessen Fahrrad-Blog "Cycle Chic“ als die Kultplattform für Radler gilt: "Schnellfahren ist nicht mehr cool, es ist cool, auf dem Rad gesehen zu werden und die Stadt zu genießen.“

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