Anleitung: So schreiben Sie einen Popsong, der zum Megahit wird

Anleitung: So schreiben Sie einen Popsong, der zum Megahit wird

Unermesslicher Reichtum, gottgleiche Verehrung, schnelle Autos und überfüllte Konzerthallen - so mancher Österreicher träumt anlässlich des Eurovision Song Contest davon, selbst als Star auf der Bühne zu stehen. Hier lesen Sie, wie Sie in wenigen Schritten einen Megahit schreiben und produzieren.

Raubkopien und unbezahltes Streaming mögen dem Musikbusiness Steine in den Weg legen; doch das ändert nichts an der Tatsache, dass mit den schönen Klängen noch immer viel Geld verdient wird: 145,5 Millionen Euro wurden 2014 am österreichischen Musikmarkt umgesetzt; der globale Musikmarkt erreichte ein Umsatzvolumen von 15 Milliarden US-Dollar. Der große Umsatzbringer war dabei weder experimentelle noch elektronische Musik, sondern althergebrachtes: Pop und Rock machten 53 Prozent der Top100-Alben-Charts aus, Schlager und Volksmusik kamen auf 32 Prozent. Die meisten Alben wurden 2014 vom zu Jahresende verstorbenen Udo Jürgens verkauft, gefolgt von Andreas Gabalier; Schlager-Sängerin Helene Fischer kommt auf 12-fach-Platin für das meistverkaufte Album („Farbenspiel“) und hat mit „Atemlos durch die Nacht“ auch die erfolgreichste Single 2014 auf den Markt gebracht.

Schlager und Pop finden also nach wie vor ein dankbares Publikum – unter anderem auch, weil Fans modernerer Musik oft nach Gratis-Angeboten im Web suchen, während Schlager-Fans dem physischen Tonträger namens CD die Treue halten. Ein österreichischer Brancheninsider hat diese Community einst als „innovationsresistent“ bezeichnet – wohl aber mit einem glücklichen Augenzwinkern, denn mit jedem CD-Kauf wandert Geld in die Taschen der Künstler und Produzenten, während Indie-Musiker von ihren Spotify-Plays und mp3-Verkäufen nur wenige Cent sehen (DOWNLOAD: Der IFPI-Bericht zum österreichischen Musikmarkt).

Anleitung: Wir produzieren einen Popsong

Zugleich erklären manche Musiker, dass die Produktion eines Popsongs nicht viel Aufwand mit sich bringt. Dieter Bohlen schreibt etwa in seiner Autobiographie „Nichts als die Wahrheit“, dass das Schreiben seines ersten „Modern Talking“-Hits „You’re my heart, you’re my soul“ nicht viel Arbeit mit sich brachte: „Ich wusste nicht, dass wir einen Welthit haben würden, deswegen habe ich den Text mal eben in einer Minute hingekliert“, heißt es in der unverwechselbaren Bohlen-Dreistigkeit: „Popoabwischen dauert länger.“

Mittlerweile gibt es im Internet etliche Anleitungen dazu, wie man einfach einen Song a la Modern Talking schreibt; die wohl schrägste Formel bietet aber wohl nach wie vor das Buch „The Manual – How to have a Number One the easy way“ von der britischen Band „The KLF“ aus dem Jahr 1988. Nach ihrem Nummer-1-Hit „Doctorin‘ the Tardis“ schrieben sie dieses satirische Werk, in dem sie erläutern, wie man Schritt für Schritt zum Nummer-Eins-Hit-Wunder wird – inklusive dem Versprechen, dass man sein Geld zurückverlangen könne, wenn man trotz genauer Befolgung der Anleitung keinen Erfolg habe.

Das österreichische Dancefloor-Projekt „Edelweiss“ verfolgte die Anleitung der Briten bis ins letzte Detail – mit dem folgenden Ergebnis.

Edelweiss - Bring Me Edelweiss (1988)

Das Lied mag nicht jedermanns Geschmacks treffen (auch nicht jenen der Redaktion von format.at), doch das ändert nichts am kommerziellen Erfolg des Werks: 14 Wochen auf Platz 1 der österreichischen Charts, 13 Wochen Platz 1 in der Schweiz, 16 Wochen Platz 2 in Deutschland.

Wer sich - trotz verständlicher innerer Widerstände – das Video ein weiteres Mal anschaut und es unvoreingenommen analysiert, der findet das wieder, was The KLF in ihrem Buch als die „Goldenen Regeln“ bezeichnen: Demnach sollte ein erfolgreicher Popsong erstens einen Dance-Groove beinhalten, der für die tanzende Clubbing-Meute unwiderstehlich ist; zweitens sollte der Song nicht länger sein als 3:30 Minuten. Und drittens sollte das Lied klassisch und konventionell aufgebaut sein: Er braucht ein Intro, Strophen, einen Refrain, ein Interludum und ein Outro.

Außerdem raten die Briten dazu, sich möglichst viele erfolgreiche alte Songs anzuhören und diese schamlos zu klauen – die Hommage an Abbas „S.O.S.“ ist in „Edelweiss“ unüberhörbar. Die Ideen sollen durch den intensiven Konsum von Radio-Chartshows, der TV-Sendung „Top of the Pops“ und diverser „Best-of“-Literatur entstehen.

Selber machen oder outsourcen?

Danach, so der Vorschlag von The KLF, sollte man sich als künftiges Möchtegern-Chartwunder in ein Studio begeben und dort die Arbeit den Profis selbst überlassen, während man selbst mit Buchhaltern und Anwälten (auch wegen möglicher Urheberrechtsverletzungen) spricht und bereits seinen Auftritt in überfüllten Konzerthallen plant.

Wer diese Strategie für erfolgsversprechend hält, der kann an diesem Punkt mit dem Lesen aufhören. Es sei aber an dieser Stelle erwähnt, dass man für Studiomiete und Produzentenhonorare tief in die Tasche greifen muss – und dass die Einrichtung eines Tonstudios in den eigenen vier Wänden heutzutage nur noch wenige hundert Euro kostet: Konkret sollten Sie rund 100 Euro für eine externe Audiokarte einplanen, 100 Euro für ein passables Studiomikrofon, 100 Euro für Software und den Rest für Kabel und Stecker, um die Geräte miteinander zu verbinden (Disclaimer: Die Links führen zu jenen Geräten, mit denen der Autor von format.at sein eigenes Homestudio ausgestattet hat; Alternativen gibt es allerdings wie Sand am Meer).

Instrumente sind zum Musizieren ein nettes Add-on, aber nicht obligatorisch: Eine vernünftige Software kann heutzutage jedes Instrument aus dem Computer heraus simulieren. Nicht inkludiert in unsere Rechnung ist außerdem der Preis eines Computers. Wir gehen davon aus, dass Sie bereits einen PC besitzen – sonst könnten Sie diese Anleitung ja gar nicht lesen.

Quintenzirkel – das Pentagramm der Musik-Magier

Nun geht es also ans Schreiben ihres potenziellen Hits. Und dafür können Sie entweder nach der Anleitung von KLF vorgehen und hemmungslos klauen – oder Sie machen sich selbst ans Komponieren. Keine Sorge: Viel Hexerei ist nicht dahinter; denn die vielen Tasten auf einem Klavier sind in Wahrheit nicht mehr als sieben unterschiedliche Töne plus ihrer Halbtöne in verschiedenen Tonlagen. Schlimmer noch: Diese Töne lassen sich nur in bestimmter Form miteinander kombinieren, um für das westliche Ohr überhaupt angenehm zu klingen. Der Schummelzettel für Musik-Magier ist in dieser Hinsicht der sogenannte „Quintenzirkel“, der darstellt, wie welcher Akkord mit anderen zu kombinieren ist.

Verwendet wird der Zirkel, indem der Musiker sich einen Dur-Akkord aussucht und diesen mit dem gegenüberliegenden Moll-Akkord und den benachbarten Dur-Akkorden kombiniert – es gibt also in Wahrheit nur wenige mögliche Kombinationen in verschiedenen Tonhöhen. Wer etwa sein Lied in der Tonart C schreiben möchte, der ergänzt dies klassischerweise mit einem A-Moll, einem F-Dur und einem G-Dur.

Auf Grund der eingeschränkten Möglichkeiten ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Beiträge auf dem „Eurovision Song Contest“ wie Einheitsbrei klingen – denn Experimente möchte man hier eher nicht wagen, stattdessen setzen die meisten ESC-Komponisten auf das sichere Pferd aus Quintenzirkel-Akkorden und Texten, die von Liebe und/oder Frieden handeln.

Sie glauben nicht, dass die Welt der Musik so einfach gestrickt ist? Dann werfen Sie einen Blick auf das folgende Video der Klamauk-Gruppe „Axis of Awesome“: In ihrem „4-Chord-Song“ demonstrieren sie, wie viele erfolgreiche Popsongs auf den gleichen vier Akkorden basieren.

Vier Akkorde - mehr braucht man nicht.

Die Magie der Prosodie

Haben Sie einmal die musikalische Grundlage geschaffen, so können Sie sich an das Verfassen des Textes machen. Eine nützliche Anleitung zum Schreiben schöner Songtexte liefert Pat Pattison, Lehrbeauftragter am „Berklee College of Music“ in seinem kostenlosen, sechs Wochen dauernden Online-Kurs – die Quintessenz seiner Vorträge: Es kommt auf die „Prosodie“, also den Satzrhythmus, des Textes an. Diese kann entweder instabil oder stabil sein: Stabile Songs vermitteln Stärke, Glück und Freude; instabile Strukturen werden hingegen verwendet, um über Herzschmerz oder verstorbene Familienmitglieder zu singen.

Differenziert wird zwischen stabilen und instabilen Strukturen über Elemente wie die unterschiedlichen Längen der Textzeilen oder die Zahl der Zeilen pro Strophe. Hat eine Strophe etwa eine gerade Zahl an Zeilen, so ist sie stabil, ansonsten ist sie instabil. Gleich lange Zeilen bringen dem Lied Stabilität, unterschiedliche Zeilenlängen bringen Instabilität. Auch hier gilt: Musik hören macht den Meister. Wer sich nun gut produzierte Songs anhört, der erkennt den Unterschied zwischen stabilen und instabilen Strukturen.

Für einen Popsong, der kommerziellen Erfolg haben will, gilt freilich: Wir wollen eine stabile Struktur haben. Denn die Menschen wünschen sich freudige Schlagerhits, die von Liebesglück und grünen Almen handeln – alles andere ist bloß ein Nischenprodukt-Material.

Das gewisse Etwas

Sind Text und Musik einmal in einer klassischen Struktur und auf einer radio-tauglichen Gesamtlänge fertiggestellt, so fehlt nur noch eines: Das gewisse Etwas. Auch hier raten The KLF wieder dazu, sich durch diverse alte Platten zu hören und einfach etablierte Inhalte zu klauen. Es reichen im Grunde schon kleine Samples einzelner Instrumente, die das Lied von der Masse abheben und Sie somit zum Star machen.

Glück hatte wohl auch Dieter Bohlen, als er an „You’re my heart, you’re my soul“ arbeitete: Der einzigartige Sound des erfolgreichen Popsongs ist seiner Autobiographie zufolge vor allem auf einen technischen Fehler bei der Aufnahme zurückzuführen, der nicht mehr repariert werden konnte.

Auch Rap-Parts, oder geflüsterte Worte können ein Lied aufwerten – an dieser Stelle sei wieder auf „Axis of Awesome“ verwiesen, die mit „How to write a love song“ Standard-Schnulzen in Bezug auf Aufbau, Sonderelemente und die produzierten Videos aufs Korn nehmen.

Schritt für Schritt: So schreibt man ein Liebeslied.

Das Leben nach dem Megahit

Nun haben wir Ihnen also im Schnelldurchlauf erklärt, wie man einen Megahit vom Kaliber eines Dieter Bohlen oder einer Helene Fischer schreibt. Sollten Sie unsere kleine Anleitung Schritt für Schritt befolgen, dann wartet vorerst viel Arbeit, im Anschluss aber hoffentlich auch der große Erfolg auf Sie – im Gegensatz zu The KLF wagen wir es allerdings nicht, Garantien abzugeben.

Gewarnt werden sollen Sie an dieser Stelle aber dennoch: Denn The KLF erwähnen zu Beginn ihres Buchs auch explizit, dass ein einmaliger Hit nicht zwingend langfristigen Erfolg mit sich bringt. Viele Einmal-Stars entwickeln sich im Nachhinein zu abschreckenden Beispielen unbeachteter Gameshow-Moderatoren auf bundesdeutschen Regionalsendern; andere sind gefangen in einem Teufelskreis aus unbezahlten Rechnungen, einem extravaganten Lebensstil und steuerlichen Nachforderungen des Finanzamts.

In dem Sinne sollten Sie vielleicht doch die Option in Betracht ziehen, ihrem Daytime-Job als Buchhalter, Verkäufer oder Abteilungsleiter treu zu bleiben – es ist die sicherere Variante. Sollten Sie sich aber doch für die Karriere als Popstar entscheiden und 2016 auf der Bühne des European Song Contest stehen, so würden wir uns wirklich freuen, wenn Sie vor den über 150 Millionen Zuschauern öffentlich Ihren Dank gegenüber format.at aussprechen.

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