Franziskus: Ein Papst räumt auf

Papst Franziskus hat den größten Change-Management-Prozess der Geschichte eingeleitet. Wie eine 2.000 Jahre alte Organisation mit immer noch 1,2 Milliarden Mitgliedern von einem Einzelnen ins 21. Jahrhundert geführt werden soll. Eine Fallstudie.

Franziskus: Ein Papst räumt auf
Franziskus: Ein Papst räumt auf

Papst Franziskus

Das Faszinierende an der katholischen Kirche mit ihren 1,2 Milliarden Mitgliedern sowie 500.000 Priestern und Ordensleuten ist die im Vergleich zu weltlichen Unternehmen einfache Hierarchie. Es gibt nur drei Ebenen: Ganz oben den Papst, dann kommen die Bischöfe in ihren Diözesen und auf lokaler Ebene die Pfarrer. Mit dieser Struktur hat die Kirche immerhin mehr als 2.000 Jahre überlebt.

An dieser an sich effizienten Organisation nagt aber der Zahn der Jahrhunderte. Die Themen reichen von der ständig wachsenden Kluft zwischen der Lebensrealität der Mitglieder und den Lehren der Kirche, dem dramatischen Einbruch beim Priesternachwuchs und dem Aussterben vieler Orden über die Herausforderung durch den evangelikalen Fundamentalismus in den USA und Südamerika bis hin zu den finanziellen Schwierigkeiten, die sich durch den Einbruch der zahlungswilligen Gläubigen in den reichen westlichen Ländern ständig verschärfen.

Die katholische Kirche: Revolution oder Untergang

Seit Franziskus gibt es offiziell zwei Kirchen. Die eine Kirche existiert noch in der Vorstellung des traditionellen Klerus und baut auf unveränderlichen Dogmen auf. Sie spricht italienisch, ist männlich, machtbewusst, an ihrer Spitze steht ein unfehlbarer Papst. Die andere Kirche ist dort, wo die Menschen sind. Sie bevormundet die Menschen nicht mit rigorosen Moralvorstellungen, sondern holt sie bei ihren Sorgen ab, vor allem die Benachteiligten und Armen.

Der gewaltige Erneuerungsprozess, den Papst Franziskus plant, muss klug gesteuert werden, wenn er nicht schon im Ansatz scheitern soll. Schon nach wenigen Monaten wurde er von Medien mit Michail Gorbatschow oder Barack Obama verglichen. Das waren keine wohlmeinenden Vergleiche: Gorbatschow scheiterte bekanntlich daran, ein starres, zentralistisches System von oben her zu reformieren, und Obama konnte die Mauern, die ihm seine hasserfüllten Gegner aufbauten, nicht überwinden. Das führt zur Frage: Kann ein einzelner, selbst wenn er der Papst ist, eine Organisation mit 1,2 Milliarden Menschen ins 21. Jahrhundert führen?

Die Kirche der Zukunft

Für das neue Papst-Buch "Alles oder nichts" sprachen die Autoren mit über 80 Kirchen-Insidern aus allen Kontinenten. Das Buch versteht sich als "Science-Faction“ - nicht "Science-Fiction“. Es erzählt die Geschichte der Welt von heute bis in das Jahr 2035 aus der Perspektive von Papst Franziskus und seiner Nachfolger.

Das von Andreas Salcher gemeinsam mit dem Mediziner und Theologen Johannes Huber entworfene Szenario basiert auf 80 Gesprächen mit Insidern der Kirche, darunter einflussreiche Kurienkardinäle, Bischöfe, Äbte, Theologe, Jesuitenpatres aus fünf Kontinenten, langjährige Vatikanjournalisten ebenso wie einfache Priester und Ordensschwestern. Unter der Zusicherung völliger Vertraulichkeit überraschten viele Gesprächspartner mit geradezu revolutionären Gedanken über die Zukunft der Kirche. Diese werde in 20 Jahren weiblicher, jesuitischer und spiritueller sein - oder sie werde nicht mehr sein. Universelle Weltreligion oder Minderheitenprogramm ohne Relevanz. Alles oder nichts.

Die Prognosen in dem Buch reizen zum Widerspruch: Die Reformen von Franziskus werden eine offene Revolte der Konservativen auslösen. Franziskus kann diese drohende Kirchenspaltung nur durch Mobilisierung seiner Anhänger im Volk bewältigen. Mit der "franziskanischen Wende“ verabschiedet sich die Kirche für immer vom absoluten Papsttum.

Nach dem Rücktritt von Franziskus folgt der erste amerikanische Papst. Dieser muss gegen den Fundamentalismus in der Welt, die Gotteskrise und den Verlust der Frauen kämpfen. Denn verliert die Kirche die Frauen, dann verliert sie auch die Kinder.

Wissenschaftliche Durchbrüche wie die Verdoppelung der Lebenserwartung, die Besiedelung des Mars oder die Erschaffung künstlichen Lebens zwingen die Kirche zu einer ethisch-moralischen Neupositionierung jenseits von überholten Dogmen. Im Jahr 2032 beruft der Papst aus Indien, Johannes XXIV., das Dritte Vatikanische Konzil ein. Dieses wird zur ersten echten Versammlung des Volks Gottes seit der Urkirche. Das Konzil ringt um einen Ausgleich mit den Erkenntnissen der Wissenschaft, ohne ihre Mystik und Transzendenz opfern zu müssen.

Autor Andreas Salcher und das Buch "Alles oder nichts: Der große Wurf der Päpste" | Ecowin, 256 Seiten | ISBN 3711000835 | 21,95€

Lesen Sie den ganzen Artikel "Ein Papst räumt auf" in der FORMAT Ausgabe 39/2015
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