Out of Control: In seiner Doku zeigt Dorn-
helm die Widersprüche des Udo Proksch auf

Robert Dornhelm im Gespräch über seine Dokumentation über das pralle Leben des Udo Proksch, „Out of Control“.

Das Materialkonvolut war enorm. Eine Trouvaille nach der anderen hielt ­Robert Dornhelm bei der Durchsicht der Dokumente in Händen, die ihm Peter Coeln, Chef des Wiener Fotomuseums Westlicht, über Udo Proksch (im Bild) zur Verfügung gestellt hatte. „Lieber Udo“, schreibt da etwa Helmut Zilk am 10. 3. 1972 seinem Freund ganz unverblümt zum Demel-Kauf: „Seit Kindheitstagen wollte ich das DEMEL zu ­einer Art Kneipe für mich machen. Es war mir leider immer zu teuer. Jetzt schöpfe ich Hoffnung: Wie ich Dich kenne, darf ich ab heute fressen und saufen, so viel ich will – selbstverständlich ohne zu ‚brennen‘.“

Club 45: Verein zum gegenseitigen Vorteil
Über Jahre hatte Coeln alles gesammelt und aufgekauft, was Udo Proksch betraf. Und damit ein Kompendium in Wort und Bild über den über die Grenzen bekannten Maniac von Wien zusammengestellt. Udo Proksch,1934 als Kind überzeugter Nationalsozialisten in Rostock geborenen, machte zweifellos eine der erstaunlichsten Karrieren des Landes. Ein Waffennarr mit Künstlerherz, Besitzer der Konditorei Demel, in der er seinen Verein zum gegenseitigen Vorteil, „Club 45“, etablierte, wo er als begnadeter Netzwerker und Fallensteller agierte. Hier gab sich die Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kunst die Klinke in die Hand. Von Bruno Kreisky über Karl Lütgendorf, von Helmut Qualtinger bis Helmut Zilk, von Leopold Graz bis Kardinal König – Udos Freunde waren das Who’s sho der Zweiten Republik. Mit dem „Fall Lucona“ stand er dann im Zentrum eines der größten Skandale, die je die Republik erschütterten (siehe Hans Magenschabs Sittenbild ) . 1990 wurde Udo Proksch wegen sechsfachen Mordes und Mordversuchs verurteilt und in die Strafanstalt Karlau eingeliefert. 2001 starb er an den Folgen einer Herztransplantation.

Mit dem Panzer in die Eden-Bar
Peter Coeln bat also Filmer Robert Dornhelm, das Zettelwerk zum Leben zu erwecken, und Perfektionist Dornhelm brachte damit etwas zu Ende, was er bereits vor über 30 Jahren begonnen hatte, wie er im FORMAT-Interview erzählt. Da hatte der junge Dornhelm Proksch kennen gelernt, eine Figur „larger than life“, wie er sich erinnert. „Es ging eine gewisse Faszination davon aus, dass sich da jemand über Gesetze, Verhaltensregeln und alles, was ich aus dem damals ziemlich verschlafenen Wien kannte, hinweggesetzt hat. Er hat Farbe in den ­grauen Alltag gebracht.“ Wenngleich Dornhelm nicht zum engsten Kreis der Machomännerrunde zugelassen war, hat er sich doch mit Udo angefreundet. „Ich habe damals die Grace Kelly nach Wien gebracht, das hat ihm imponiert.“ Schon damals wollte sich Dornhelm die Rechte sichern an dem prallen Leben des Militärfreaks, der mit dem Panzer durch die Innenstadt in die „Eden“ fuhr. Und schon damals hat er ein Skript namens „Blue Danube Cowboy“ entworfen. „Als ich es Udo gezeigt habe, hat er die ­Pistole gezückt und nur geschrien: ‚Mach kaan Blödsinn, Dornhelm-Bua.‘ Ich habe dann in Verzweiflung eingeworfen, dass Jack Nicholson an der Hauptrolle interessiert sei. Das ergab freie Bahn.“ Aber während Dornhelm andere Projekte realisierte, wurde Proksch verhaftet.

"Innovativer Halbwahnsinniger"
30 Jahre später also nun erneut Udo. Dornhelm entschied sich für die pure Dokumentation. „Ich wollte keinen Film über die Lucona machen, sondern einen über die Welt des Udo Proksch und die Frage, war­um er so ein Menschenfänger wurde.“ Die Doku mixt dazu Zeitzeugenaussagen, Filmausschnitte und Proksch-Zitate. Da kommen Helmut Zilk, Gerd Bacher, Peter Noever, Niki Lauda oder Fürst Schwarzenberg ebenso zu Wort wie Karl Blecha und der Staatsanwalt im Fall Lucona. „Ich war wirklich erstaunt, dass die alle so bereitwillig mitgemacht haben“, freut sich Dornhelm über die prominenten Analys­ten. „Einen Militärtrottel, von der Ornamentik des Bösen begeistert“ betitelt etwa Teddy Podgorski den einstigen Freund, ein Pracht­exemplar der Skurrilität sieht Peter Noever in ihm, als innovativen Halbwahnsinnigen tituliert Niki Lauda Proksch, der die Senkrechtbestattung propagierte und als Brillendesigner sein Modell „Gigi“ immerhin über 13 Millionen Mal verkaufte.

"Meister der Verführung"
Auch dem Phänomen des Womanizers wird auf den Grund gegangen: Von Proksch fühlten sich, wie Zilk betont, „nur hochgradige Rennpferde angezogen“. Warum, sei ein Rätsel, kontert Gerd Bacher. „Ich brauche die Frauen wie Benzin für meinen Motor“ sagt Udo Proksch selbst dazu. Und natürlich werden auch seinen Exfrauen wie Erika Pluhar oder Daphne Wagner breite Passagen eingeräumt. Für Wagner war Udo „ein Meister der Verführung, mit viel Humor“ und dann schaue man „nicht mehr so genau, ob ein Mann nur 1,50 Meter groß ist und einen Bauch hat“. Sie bestätigt in Dornhelms Dokumentation auch, dass Udo Proksch all seine Freunde, denen er für Schäferstunden Zimmer zur Verfügung gestellt hat, dabei fotografiert hat. Die Bilder habe sie allerdings, als Proksch inhaftiert wurde, gegen seine Anweisungen verbrannt. Artifiziell verbunden sind die Elemente durch Animationen von Udo-Proksch-Zeichnungen und zärtlichen Zitaten aus Briefen, die er seinen Frauen aus der Karlau schrieb.

Proksch als Spitze des Eisbergs
Dornhelms Dokumentation versucht die Widersprüche einer Person aufzuzeigen. „So wie kleine Buben Wildwest spielen, hat er Verbrecher und Unterwelt gespielt“, heißt an einer Stelle. Verharmlosung? „Die ganze Lucona-Sache stinkt, vieles ist bis heute nicht geklärt“, betont Dornhelm. Für Erika Pluhar ist Proksch „nur die Spitze eines Eisberges. Was sich hinter ihm ver­borgen hat, war viel schlimmer.“ In jedem Fall dokumentiert „Out of Control“ österreichische Kultur- wie Politikgeschichte der 1970er- und 80er-Jahre, mit der sich auch die Jugend auseinandersetzen sollte. Ab 12. 3. im Kino.

Michaela Knapp

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