Oskar Roehler inszeniert Jud Süß als absurde Nazi-Posse

„Jud Süß – Film ohne Gewissen“ greift die Hintergründe des berüchtigten NS-Propagandafilms „Jud Süߓ auf. Und verkehrt auf infame Weise Opfer und Mittäter.

Geht es im Kino um den Nationalsozialismus, sollten dessen Opfer nicht vergessen werden. Auch Deutschlands Regieexperte für Zynismus, Oskar Roehler, weiß das. „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ beleuchtet die Hintergründe des perfektesten Antisemitismus-Films des Dritten Reichs. Da wird der Wiener Schauspieler Ferdinand Marian (Tobias Moretti) von Goebbels (Moritz Bleibtreu) höchstpersönlich in die Hauptrolle gezwungen, während dieser sich verzweifelt weigert. In einer zum Duell hochstilisierten Szene zerschmettert Marian einen gläsernen Aschenbecher vor Goebbels’ Füßen. Der Reichsminister setzt in der Folge dessen jüdische Ehefrau (Martina Gedeck) als Druckmittel ein. Am Ende, nach den gefeierten Premieren des Films in Berlin und Venedig, wird Marians Frau dennoch in das KZ deportiert, und er selbst rast, dem Alkohol verfallen, mit dem Auto suizidal gegen einen Baum.

Dramatischer Stoff über einen besonders NS-Geschädigten also. Das Problem an diesen Szenen ist nur: Nichts davon ist wahr. Marian hatte weder eine jüdische Ehefrau, noch starb diese im KZ. Die Darstellung des jüdischen Finanziers Joseph Süß Oppenheimer in „Jud Süߓ von 1940 bedeutete keineswegs das alkoholgetränkte Ende eines aufbegehrenden Schauspielers, sondern Fortgang der Karriere. Marian drehte noch elf Filme bis zu seinem Tod, darunter das NS-Propagandawerk „Ohm Krüger“ im Jahr darauf.

Was intendierten Roehler und Drehbuchautor Klaus Richter („Comedian Harmonists“) also mit diesem Film? Ging es um das Kalkül, dass Opfer sich einfach besser verkaufen? War es mangelndes Zutrauen in das Projekt? Tatsächlich reiht sich die deutsch-österreichische Koproduktion zu anderen Filmen, die es mit historischen Fakten nicht so genau nehmen. Zu „Der Baader Meinhof Komplex“ (2008) etwa oder zu „Baader“ (2002), wo der kürzlich verstorbene Frank Giering als Andreas Baader in einer ebenfalls fiktiven, inhaltlich jedoch grandios verdichteten Szene auf den obersten Antiterrorermittler Horst Herold trifft. Während „Baader“ also durch Fiktion Empathie für die Dynamiken einer Zeit zu entwickeln sucht, verhöhnt Roehlers Film geradezu die Opfer der NS-Zeit. Da wirkt sein Hinweis, es handle sich eben um einen Spielfilm, recht plump.

Unausgegoren

Möglich, dass das Projekt schon am Engagement des zeitgeistigen Roehler krankte. Doch auch abseits historischer Präzision wirkt „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ völlig unausgegoren. Der exzessive Einsatz von Farbfiltern vermittelt das Gefühl, die Welt habe schon damals, in den 1940er-Jahren, ziemlich vergilbt ausgesehen. Völlig unklar ist, warum Roehler Ausschnitte aus Veit Harlans „Jud Süߓ einmal verfremdet, dann original und dann wiederum nachgestellt in den Film montiert. So verschmilzt der Film des damals renommierten System-Regisseurs auf fahrlässige Weise mit Roehlers Werk, anstatt kritische Distanz zu erfahren.

Marians zwiespältige Rechtfertigung nach 1945, er habe die Titelfigur absichtlich sehr menschlich und nicht stereotyp jüdisch gespielt, um das Propagandaprojekt derart zu untergraben, lässt sich, so wie vieles andere auch in Roehlers Nazi-Posse, nicht erkunden. Geradezu grotesk wirkt Moritz Bleibtreu als Goebbels, er ist schauspielerisch schlicht überfordert. Wacker, trotz dick aufgetragener Maske, hält sich hingegen Tobias Moretti, während Martina Gedeck als Marians einsame Ehefrau zur einzig lebensnahen Darstellung findet. Johannes Silberschneider, nur ein Detail, lässt sich als Hans Moser selbst dann nicht identifizieren, wenn er mit diesem Namen angesprochen wird. Das gilt auch für den Film selbst. Dessen Intention bleibt völlig im Dunkeln, die Geschichte ist immerhin um eine Verklärung reicher.

– Gunnar Landsgesell

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