"Nur mehr fade G’sichter“

Wer sich mit Gustav Peichl in einem öffentlichen Lokal trifft, muss damit rechnen, dass der Mann mit der signifikanten Brille und der Bleistiftsammlung im Jackett von Fans umringt ist. Da gibt es Autogrammwünsche, Schulterklopfen und Gratulationen für den Herrn Professor zu aktuellen wie weiter zurück datierten Karikaturen.

"Ein Glück, dass ich viele der Leute gar nicht mehr so genau sehe“, lacht Gustav Peichl dazu. Der Mann wird heuer am 18. März 85 Jahre alt.

Immerhin mit ein Anlass für eine große Präsentation mit Arbeiten aus sieben Jahrzehnten im Karikaturmuseum Krems samt Katalog, für das Buch "Der Doppelgänger“ (Böhlau) über Peichls Personalunion von Architekt und Karikaturist und eine weitere Ausstellung in Reinhold Messners Lanserhaus im Südtiroler Eppan. Seine erste große Wahlkarikatur hat Peichl bereits 1949 geliefert, zwei Jahre nach seiner Matura; ehe er ab 1954 mit zittriger Linie in der Tageszeitung Die Presse - ab 1964 auch in der Süddeutschen Zeitung - unter dem Pseudonym Ironismus die politische Karikatur des Landes geprägt hat. 1971 bis 1996 gestaltete er zudem den gezeichneten Jahresrückblick im Silvesterprogramm des ORF.

FORMAT: Ihre Ausstellung in Krems nennt sich "Die Qual der Wahl“. Sie haben 11 Bundeskanzler und viele Minister erlebt. Erfreut so ein Superwahljahr wie 2013 Ihr Karikaturistenherz immer noch?

Gustav Peichl: Absolut! Ein Karikaturist, der seine Themen ernst nimmt, muss eine Freude haben mit Wahlen, vor allem mit dem Wahlkampf. Da ist er auch besonders wichtig. Wahre Aufdecker sind Sichtbarmacher, und das sind die Karikaturisten. Auch wenn die Wahlkämpfe immer komischer werden.

Worin liegen die Unterschiede zu früher?

Peichl: Die damaligen Wahlkämpfe, ob bei Figl, Raab oder Pittermann, waren nicht so straff organisiert, sie waren spontaner, aber eben auch lustiger. Heute ist alles von den Parteisekretariaten minutiös programmiert. Das lähmt die Lebendigkeit.

Sie haben Figl bis Faymann "auf Linie gebracht“ und bezeichnen Bruno Kreisky als den Karikaturistenkanzler …

Peichl: Als ich angefangen habe bei der Süddeutschen Zeitung, haben mich auch in Deutschland alle nach Kreisky-Karikaturen gefragt. Heute fragt keine deutsche Zeitung mehr nach einem österreichischen Politiker. Das sagt alles. Faymann ist sicher gebildet und nett, nur: Er hat kein Charisma. Er schafft sich eine Umgebung aus seinen eigenen Leuten, weil er denen am meisten vertraut. Aber damit hat er halt nicht die besten.

Es liegt also an Persönlichkeiten, nicht am System?

Peichl: Alles hängt von der Persönlichkeit ab. Der Julius Raab hat immer spontan reagiert, lustige Aussprüche geliefert, wie etwa auch die Hertha Firnberg. Was war das für eine tolle Person! Schiach, aber herrlich zu zeichnen! Wir leben doch alle von guten G’sichtern.

Was wären denn Ihre Top 3 der heimischen Politszene?

Peichl: Da muss ich wirklich lange nachdenken: Spindelegger auf Platz eins. Endlich wieder ein Politiker mit einer g’scheiten Nase, der gibt optisch schon viel her, sein Problem ist halt, dass er zu langweilig ist. Dazu kommt die schlechte Situation der ÖVP. Die gibt es ja streckenweise gar nicht! Auf Platz zwei rangiert für mich Josef Cap. Jetzt lässt er allerdings sehr nach. Heute werden alle schon mit 60 müde. Wenn ich da noch an Adenauer oder den Kohl denke, das waren Oldtimer mit Profil. Bei den Frauen schaut es traurig aus. Maria Fekter halte ich für eine gute Politikerin, aber sie wirkt zu unsympathisch. Platz drei wäre vielleicht Eva Glawischnig, die ist attraktiv und hat Charisma, Vizekanzlerin wird sie dennoch nie werden.

Was ist mit Neopolitiker Frank Stronach?

Peichl: Eine herrliche Figur, ähnlich wie der Lugner. Man findet sie lustig, aber als Politiker nicht brauchbar. Der Karikaturist muss auch aufpassen, dass er den, gegen dessen Politik er ist, nicht noch populärer macht: Ich könnte jeden Tag eine Strache-Karikatur liefern, der gibt viel her. Ich mach es aber nicht, weil ihm das weitere Popularität bringt. Auch den Jörg Haider haben ja die Medien groß gemacht.

Sie haben mit Ihrem "Lookalike“ Fred Sinowatz gemeinsame Streiche ausgeheckt, mit Gusenbauer oft Rotwein getrunken. Wie nahe darf man als Karikaturist dem Karikierten kommen?

Peichl: Es gibt dazu zwei Denkschulen unter den Karikaturisten. Die einen sagen: Die Politiker immer nur aus der Ferne beobachten, nie persönlich anstreifen. Die anderen sagen: Man arbeitet besser, wenn man jemanden gut kennt. Meine Verbindung zu Bruno Kreisky war eine sehr gute. Ich habe eine richtige Liebe zu ihm gehabt, weil er intelligent operiert hat und auch wusste, was die Karikatur vermag. Heute gibt es definitiv keinen Politiker mehr, mit dem ich spazieren gehen oder im Kaffeehaus sitzen würde. Mir würde nicht einfallen, mit Spindelegger ein Glas Wein zu trinken.

Wie funktioniert nun die Annäherung?

Peichl: Es gibt keine Rezeptur. Wichtig ist, dass man informiert ist. Ich habe täglich um sechs Uhr früh sieben Zeitungen an der Tür hängen. Dann sondiert man, versucht den Dingen auf die Spur zu kommen.

Es wird Ironimus oft vorgeworfen, dass er zu lieb ist, zu wenig scharf.

Peichl: Es ist nicht meine Art, verletzend oder hämisch zu sein. Ich zeichne auch gerne liebenswert …

Manfred Deix sagt: "Brave Karikaturen sind fürn Hugo. “

Peichl: Ich schätze den Deix als begnadeten Zeichner wie Formulierer. Aber diesbezüglich hat er Unrecht. Aber er ist auch kein Editorial Cartoonist - Karikaturen sind manchmal gut und manchmal schlecht, aber nie fürn Hugo.

Sie haben viele Jahre den ÖVP-Anhänger feist im Steirerloden gezeichnet, den "Sozi“ mit Kapperl und drei Pfeilen. Heute sind Grenzen nicht mehr so klar ...

Peichl: Links und rechts gibt es nicht mehr in der Form. Ich kenne viele Sozialdemokraten, die bürgerlich sind, viel Geld haben und es sich gerne gut gehen lassen. Wann ist ein Linker links? Und warum ist konservativ hierzulande ein Schimpfwort? Mit solchen Unschärfen wird es für Zeichner wie Journalisten schwieriger zu arbeiten. Ich bezeichne mich ja auch nicht als Künstler, sondern als zeichnender Journalist.

Viele Ihrer Kollegen meinen ja, dass man die Realität schwer toppen kann. Wie schaut es denn mit der Nachwuchsszene in der politischen Karikatur aus?

Peichl: Österreich war immer ein begabtes Land in Sachen Karikatur. Heute sind ja auch die führendsten Karikaturisten in Deutschland Österreicher, ob Haderer oder Murschetz. Es wird auch nicht weniger gezeichnet. Als ich 1954 begonnen habe, hat keine Zeitung daran gedacht, eine Karikatur zu veröffentlichen, heute hat jede eine oder zwei Karikaturen. Und es gibt gute jüngere Karikaturisten, aber sie haben es in der Tat schwer. Wenn die Protagonisten langweiliger sind, werden auch die Karikaturen langweiliger. Thomas Wizany etwa ist Schüler von mir, ausgebildeter Architekt und ein toller Polit-Karikaturist bei den Salzburger Nachrichten, Petar Pismestrovic von der Kleinen Zeitung zählt zu den besten Zeichnern, die wir neben Gerhard Haderer aktuell haben. Und natürlich Michael Pammesberger vom Kurier.

Haben Sie je Angst vor Einfallslosigkeit?

Peichl: Im Gegenteil. Wenn ich am Morgen mit einer Linie auf einem A3-Blatt beginne, ist das ein Abenteuer für mich. Manchmal wartet schon der Chauffeur der "Presse“ vor der Tür auf die Karikatur. Aber ich bin ein Anhänger der Arbeit unter Zeitdruck. Zur Idee braucht man lange, die muss originär und, wenn es geht, humorvoll sein. Die Ausführung geht dann schnell, weil ich einen zarten Strich habe, oft in zehn Minuten.

Politiker behaupten gerne, ihre eigenen Karikaturen zu mögen. Wen haben Sie tatsächlich schon verärgert?

Peichl: Ich bin oft geklagt worden, etwa von Karl Blecha oder vom verstorbenen Fritz Marsch, den ich mit Butter am Kopf gezeichnet habe. Aber Verspottung ist nicht klagbar - da verdienen nur die Anwälte. Ich bin immer freigesprochen worden.

Wie weit darf man gehen?

Peichl: Es gibt kein Tabu. Ich habe Päpste gezeichnet, bin mit der katholischen Kirche hart ins Gericht gegangen, ich wurde als Nazi wie als Judenknecht und auch schon als Sexist bezeichnet. Aber ich verlasse mich nur auf mein Gewissen.

Karikaturmuseum Krems: Ironimus - Die Qual der Wahl, ab 27. 1.

Im Karikaturmuseum nimmt man das Superwahljahr 2013 zum Anlass, das Werk von "Ironimus“ Gustav Peichl zu würdigen. Zu sehen ist eine Auswahl der besten Karikaturen von Figl bis Faymann, von 1949 bis heute. Eröffnung: Sa., 26. 1., 11 Uhr.

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