Neurosen im Bild: Mit "Umarmungen" hat Almodóvars dritte Schaffensphase begonnen

Pedro Almodóvar steht wie kein anderer für Kino der Leidenschaft. In „Zerrissene Umarmungen“ hat der spanische Starregisseur sein Melodram gewohnt schrill mit einem kriminalistischen Plot angereichert.

Lange schieden sich die Geister an Pedro Almodóvar. Provokativ-frivole Werke wie „Fessle mich“ oder „Matador“ wurden vom Publikum entweder gehasst oder geliebt. Dazwischen war wenig. Das ist Vergangenheit, seit der spanische Ausnahmeregisseur nur noch Meisterwerke produziert. Keine Ironie.

Umarmungen aus Celluloid
Auch „Zerrissene Umarmungen“ („Los abrazos rotos“), Al­mo­dóvars neueste Arbeit mit Penélope Cruz in einer der vier Hauptrollen, beeindruckt auf allen Ebenen: ausgefeilte Dramaturgie, feines Schauspiel, labyrinthische Erzählung, subjektive Bilder. Mal opulent in Öl, mal in Pastell gemalt, entwirft Almodóvar vielfach eigenständige Kunstwerke, die dennoch immer der Erzählökonomie verpflichtet sind. Leidenschaft, das ist das zentrale Thema des Films, und das ist anscheinend auch die Antriebskraft für Almodóvars kreatives Schaffen selbst. Dennoch fällt auf, dass der Inszenierung von „Abrazos“ das Erdige, die Intensität früherer Filme etwas abhanden ge­kommen ist. Oder, wie es das Fachmagazin „Variety“ treffend formuliert: „Abrazos“ besteht nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Celluloid. Hohe Ansprüche also, die der bald Sechzigjährige keineswegs enttäuscht, die aber zeigen, wie sehr der einst schrille Subversive nunmehr selbst die Standards des Weltkinos vorgibt.

Die Geliebte des Filmemachers
Woher der leichte Libidoverlust im neuen Werk rührt, daran scheiden sich nunmehr die Geister. An der vertrackten und spannenden Geschichte dürfte es nicht liegen: Ein Filme­macher (Lluis Homar) verliert bei einem mysteriösen Autounfall nicht nur sein Augenlicht, sondern auch seine Geliebte (Cruz) und mit ihr die Hauptdarstel­lerin seines Filmprojekts. Der Ehemann der Geliebten, ein monetär potenter, aber emo­tional schwächelnder Unternehmer, ist fatalerweise auch der Produzent der trashigen Komödie. Bis zu ihrem Unfall versucht Cruz ziemlich komisch die Rolle als begehrende Ehefrau durchzuhalten, bis eben „Frauen und Koffer“ – so der Titel des Films im Film – fertig­gestellt ist. Während Almodóvar den Preis dieses für alle Seiten zunehmend teurer werdenden Liebes- & Geschäftsmodells in die Höhe schraubt, baut er zugleich einen fintenreichen kriminalistischen Plot auf. Mord- und Vernichtungsfantasien müssen in dieser Geschichte von Eifersucht und Passion, von Intrigen, Rache und Selbst­betrug auch den harmlosesten Akteuren unterstellt werden. Wie Almodóvar dabei das Beziehungsgeflecht in Rückblenden für das Publikum umsichtig entwirrt, ohne es mit unnötigen Fallstricken zu behelligen, ist allein schon schön anzusehen.

Stilsicher und selbstreferenziell
Die Bildsprache weist dabei eine traumwandlerische stilistische Sicherheit und ein dramaturgisches Geschick auf, wie sie im aktuellen Kino rar sind. Vielleicht hängt diese Sicherheit aber auch mit einer zunehmenden Selbstreferenzialität Almodóvars zusammen. Viel von dem, was einem in „Abrazos“ begegnet, hat seine Ursprünge in früheren Filmen. Die Blindheit als Motiv einer Liebesbeziehung gibt es bereits in „Fick… Fick… Fick mich Tim!“ (1978), zeitliche Rückblenden als strukturierendes Element fanden sich auch in „La mala educación“ (2004), wo ebenfalls ein Filmemacher einer verblichenen Liebe nachspürt. Andererseits ist der Provokateur eindeutig zugunsten des Malers allgemein verständlicher Aquarelle in den Hintergrund getreten. Die vorwiegend heterosexuellen Charaktere in „Abrazo“ lassen fast vergessen, dass Almodóvar in „Labyrinth der Leidenschaft“ (1982) die Gender-Wahrnehmung einfach umdrehte, indem er Männer als Objekte der Begierde inszenierte und Frauen offensiv mit lüsternen Blicken durch die Straßen streifen ließ. Dialoge wie jener aus „Pepi, Luci, Bom und die anderen Mädchen vom Haufen“ (1980) zwischen zwei Frauen, die stricken, sind kaum noch vorstellbar: „Meine Eltern meinten, ich solle nun selbst für meinen Unterhalt sorgen.“ „Was wirst du machen?“ „Ich wollte meine Jungfräulichkeit verkaufen, doch dann wurde ich vergewaltigt.“ „Dann hattest du wenigstens eine schöne Zeit.“ „Mir wäre lieber gewesen, sie hätten dafür bezahlt.“ Aufregung entstand oft auch in der unerhörten Affirmation, mit der Almodóvar Gesellschafts­kritik formulierte. Eine Frau, die vom Ehemann brutal misshandelt wird und dazu lustvoll stöhnt?

Radikales Konzept
Mit „Abrazos“ hat die dritte Schaffensphase begonnen: Am Beginn, nur wenige Jahre nachdem die Filmzensur unter Franco gefallen war, standen – bis heute kaum zu sehende – Kurzfilme wie „Film politico“ (1974). Darin fäkalisiert Almodóvar auf den Boden und wischt sich in einer aktivistischen Geste mit einem Foto von US-Präsident Nixon den Hintern aus. Dann folgte die anarchische Phase der Gender-Swaps und Nervenzusammenbrüche, bis schließlich Penélope Cruz Almodóvars langjährige Schauspiel-Ikone Rossy de Palma, die Frau mit dem markanten Gesicht, aus dem Fokus gedrängt hat. Nichtsdestotrotz: Die artifiziellen Welten, mit denen Almodóvar das Kino mit jedem neuen Film um ein radikales Konzept von Wahrheit bereichert, bleiben verlässliche Konstante. Deshalb sollte es auch für Rossy de Palma wieder einen Film mit großer Rolle geben.
„Zerrissene Umarmungen“ läuft ab 7. 8. im Kino.

Von Gunnar Landsgesell

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