Neue Dynamik in der heimischen Kunstszene:
30 Galeristen laden zum Gallery Weekend

Es tut sich was in Wiens Kunstszene, aber immer noch zu wenig, wie 30 ansässige Galeristen meinen. Sie laden offensiv zu einem Gallery Weekend mit Kunst und Diskussionen.

Die Galerie Andreas Huber zieht in die Schleifmühlgasse, Junggalerist Karol Winiarzyk eröffnet seine neuen Räume im etablierten Eschenbachviertel. Und der Künstler Martin Vesely betreibt mit seinem Kunstraum Ve.Sch in der Schikanedergasse einen jener rund 20 Off-Spaces, die derzeit für neue Dynamik in der heimischen Kunstszene sorgen. Zudem geben engagierte Sammler selbst gerne den Galeristen, sei es in leer stehenden Immobilien oder im eigenen Wohnzimmer. Das deutsche Kunstmagazin „Art“ gab dieser Selbstaktivierung der jungen Szene unter dem Titel „Wien rockt“ breiten Raum

„Für mich wird es nur dann schwierig, wenn jeder Anwalt oder Schönheitschirurg seine Praxisräume für Vernissagen umgestaltet“, grenzt Galeristin Christine König die neue Lust am gesellschaftlichen Umfeld von Kunst ein. Das ist Geschäftemacherei. „Viele der neuen Einkäufer schwimmen im Sog einer Trendwelle, die zwar Gegenwartskunst heißt, doch Gesellschaftskunst meint“, analysiert das der deutsche Kunstkritiker und Marktexperte Karlheinz Schmid und setzt nach: „Kunsthandel hat nur eine Chance, wenn er professionell betrieben wird.“

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, relativieren auch die heimischen Galeristen das sich beharrlich in den Köpfen festgesetzte Klischee vom exzessiven Fun- und Partylife zwischen schrägen Atelierevents, Gesprächen mit glamourösen Sammlern auf Messen in Miami und Dubai und dem Absahnen von Sensationspreisen in der Kategorie eines Neo Rauch oder Daniel Richter. In der Tat. Von solchen Lottosechsern im Programm kann das Gros der heimischen Branche nur träumen. „Wir müssen nicht nur unsere Galeriearbeit tun, sondern das gesamte Terrain pflegen, das heißt, engagierte Aufklärungsarbeit in Bezug auf die zeitgenössische Kunst leisten, wie der berühmte Prophet im eigenen Land“, sieht Galerist Christian Meyer das aktuelle Berufsbild pragmatisch.

64 im Verband eingetragenen Galerien österreichweit stehen hierzulande über 8.000 bildende Künstler gegenüber. Eine Dynamik ist allerdings vor allem in Wien zu spüren. Denn, so Meyer, „die Kunstproduktion ist ein urbanes Phänomen“. In den Bundesländern haben sich nur vereinzelt Galerien einen internationalen Namen gemacht: Thaddaeus Ropac und Christian Ruzicska in Salzburg, Eugen Lendl in Graz oder Thoman in Innsbruck.

Imagebildende Aktion

Umso wichtiger sind die Auswahlkriterien der jeweiligen Galeristen – die Balance zwischen den Idealen der Kunst und dem Markt. Als eine Art Leistungsschau und Saisonauftakt laden nun 30 renommierte Wiener Galerien drei Tage lang zum ersten Vienna Gallery Weekend, einem Programm mit Führungen und Gesprächen. Eine Eigeninitiative vom Verband österreichischer Galerien moderner Kunst, wie Präsidentin Gabriele Senn hervorhebt. Und eine imagebildende Aktion, die auch das produktive Element der Galerien unterstreicht. „Wir sorgen dafür, dass Künstler einen Platz finden, schaffen Rahmenbedingungen und stellen die Arbeiten in einen Kontext. Wovon man morgen spricht, wird heute in den Galerien präsentiert.

Das ist etwas, was die Institutionen, deren Ankaufsbudgets zunehmend eingefroren sind, nicht leisten können. Die konzentrieren sich großteils nur mehr auf Importieren und Exportieren“, bedauert Galerist Meyer. „Uns geht es um die Zusammenarbeit mit den Künstlern und nicht um den Sekundärhandel mit Kommissionsware.“

„Natürlich will man geistige Inhalte vermitteln, die einem selber etwas wert sind“, setzt auch Christine König nach. Die gebürtige Tirolerin war von Anfang an politisch in der Auswahl ihrer Künstler – von Nancy Spero bis zu Christoph Schlingensief – und die Erste, die in Wien auf Vermittlungsarbeit wie „Lectures“ gesetzt hat. Vermittlungsarbeit, die, anders als bei Kunstvereinen, nicht staatlich gefördert wird. Abseits der üblichen Jungunternehmer-Förderung und branchenüblichen Messeförderungen gibt es, so Verbandspräsidentin Senn, keine Gelder für die Branche: „Die ehemalige Galerienförderung ist in das Ankaufsbudget der Institutionen übergegangen.“ Ein Standplatz kostet zwischen 10.000 und 50.000 Euro, die Förderungen liegen je nach Wichtigkeit der Messe zwischen 25 und 50 Prozent. „Ich weiß nicht, warum sich dieses Gerücht so hartnäckig hält, dass wir alle Unterstützungen bekommen. Eine Galerie ist ein Unternehmen. Und muss demgemäß agieren“, entrüstet sich Christine König in merkantiler Offenheit.

Making of

In der Regel sucht ein Künstler Kontakt mit der Galerie, sieht der Galerist Potenzial und ist von der Position überzeugt – König: „Der intellektuelle Diskurs ist ebenso notwendig wie das Bauchgefühl“ –, übernimmt der Galerist das Management des Künstlers, bei einer 50:50-Gewinn-Aufteilung. Bis zum sogenannten Return on Investment muss man heute bei einer durchschnittlichen Karriereentwicklung mit zehn Jahren rechnen. So lange investiert der Galerist in den Künstler.

„Man schafft eine Umgebung“, umreißt das Marktprofi Meyer. Zum einen ist es das symbolische Kapital, an dem der Künstler partizipiert, etwa der gut eingeführte Name der Galerie und deren Kontakte zu Institutionen und Sammlerschaft. Kann ein Galerist einen Künstler bei den richtigen Kuratoren und Sammlern platzieren, festigt das bekanntlich Wert und Namen des Künstlers. Zum anderen ist es das strukturelle Umfeld: die Vorfinanzierung aufwendiger Projekte wie die dazugehörige Ausstellung. Das inkludiert Miete, Strom, Einladungskarten, Katalogproduktion, Teilnahme an internationalen Messen. „In jedem Fall“, so Meyer salopp, „gilt heute für den internationalen Auftritt eines Künstlers: besser ein schlechter Rennstall als gar keiner.“

Im Schnitt arbeiten die Galeristen mit 15 bis 20 Künstlern bei rund sechs Mitarbeitern. Mehr ist organisatorisch kaum bewältigbar, weiß Christian Meyer, der Künstler wie Franz West, Gelitin oder Heimo Zobernig im Portefeuille hat. Ein Mittelbetrieb wie seiner reiche allerdings nicht für das große internationale Business, wie es etwa der zwischen Paris und Salzburg pendelnde Thaddaeus Ropac betreibt. Hier gilt: pro Künstler ein Betreuer.

Kunst: Ein Knallhartes Business

Christine König hat 15 Künstler, für die sie das Management betreibt. Auch ein großes emotionales Investment, wie sie betont. „Ähnlich wie in einer privaten Beziehung ist man mitunter auch Alltagsorganisator und Seelentröster.“ Das Schwerste an der Arbeit sei allerdings, sich von Künstlern zu trennen, wenn man sich auseinanderentwickelt hat. „Viele gehen nicht mit der Zeit, stellen die Karriere hintan, sind beratungsresistent. Sentimental darf man nicht sein. Das ist ein knallhartes Business.

Auch die Künstler werden heute weniger von der Berufung getrieben als vom Beruf. Da muss man fair sein. Das Ziel ist die Karriere des Künstlers.“ Nach wie vor ist das Verhältnis von alteingesessenen Galerien und Neueinsteigern wie etwa Karol Winiarzyk unausgewogen. Für den ehemaligen Art Consulter ist seine Galerie ein Knotenpunkt, die Kommunikation und internationale Weitsicht das Essenzielle. „Wien ist ein kleiner Markt, aber durch die EU hat man nicht nur Klientel aus Ottakring oder Hietzing, sondern aus Deutschland oder Frankreich. Von den neun meiner Künstler, die alle in Österreich leben, sind nur zwei gebürtige Österreicher. Das bringt ein anderes weltmännisches Klima in die Stadt“, auf das, wie er anmerkt, „Wien noch stärker bauen sollte.“

– Michaela Knapp

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