Neue Bücher von Bret Easton Ellis und Frédéric Beigbeder

Bret Easton Ellis und Frédéric Beigbeder, die Chronisten des Turbokapitalismus, ziehen Bilanz. Das literarische Ergebnis: Sex, Drogen, Gewalt beim einen, Läuterung beim anderen.

Im Gefängnis begegnet Frédéric Beigbeder einem literarisch beschlagenen Polizisten, der den Einfluss des Freiheitsentzugs auf die schriftstellerische Kreativität lobt und einige prominente Beispiele dafür bringt. Die Haft wirkt auch auf Beigbeder. Tatsächlich werden die zwei Nächte, die der französische Starschriftsteller mit dem Ruf eines „Che Guevara im Gucci-Anzug“ („Der Spiegel“) im kalten Jänner 2008 in einem Pariser Gefängnis verbringt, zum Anstoß für ein neues Buch, das in Frankreich schnell zum Bestseller wurde.

Es erscheint nun unter dem Titel „Ein französischer Roman“ auf Deutsch. Darin fragt derselbe Polizist Beigbeder auch, was um alles in der Welt ihm eingefallen sei, sich zu später Stunde in einer Seitengasse der Pariser Avenue Marceau in aller Öffentlichkeit direkt von der Motorhaube eines schwarzen Chrysler eine Line Koks in die Nase zu ziehen. In seiner Antwort kommt Beigbeder auf den Roman eines anderen Schriftstellers zu sprechen, der „großen Einfluss auf meine Arbeit“ hat. Er habe, erklärt Beigbeder dem Polizisten, Bret Easton Ellis’ „Lunar Park“ eine Reverenz erweisen wollen, und zwar jenem Kapitel, in dem Ellis beschreibt, wie sein Schriftstellerkollege Jay McInerney „in Manhattan Koks von einer Porsche-Motorhaube schnifft“. Und fügt hinzu: „Jay behauptet, Bret habe das erfunden, aber das glaube ich nicht.“

Bret und Frédéric, Frédéric und Bret

Der eine hat mit seinen Büchern Frankreich aufgemischt, der andere die USA, beide wurden damit weit über die Grenzen ihrer Länder hinaus berühmt. Mit „Unter Null“, „American Psycho“ und „Lunar Park“ hatte sich Ellis, Jahrgang 1964, zum Chronisten der Perversionen des Turbokapitalismus à la Hollywood und New Yorker Wall Street aufgeschwungen und war mit der eigenen Rolle in diesem Spiel der Reichen und Schönen auch gleich so verschmolzen, dass er selbst bis zum Hals darin versank. Seine Themen: Sex, Drogen, Statussymbole, Angst und Gewalt. Dieser Tage erscheint nun auch Ellis’ neuer Roman „Imperial Bedrooms“ in deutscher Übersetzung.

Frédéric Beigbeder, Jahrgang 1965, kam etwas später, schlug aber mit seinem Roman „39,90“, der ihn seinen Job in einer großen internationalen Werbeagentur kostete, nicht weniger ein. Auch hier: Geld, Sex, Drogen, Dekadenz. Und: Unglück. Das Unglück wessen? Nun: der Reichen. „Ich glaube, es gibt zu wenig Romane über das Unglück der Reichen. Wir leben in einer Welt, die nur ans Geld glaubt. Es ist wichtig, den Mythos des Geldes zu entmystifizieren“, gab Beigbeder anlässlich des Erscheinens von „39,90“ im Jahr 2001 zu Protokoll.

Nun sind sie beide wieder da; mit neuen Büchern, die beide eine Bestandsaufnahme versuchen, Bilanz über das „Wo stehen wir jetzt?“ ziehen und sich doch in keiner Weise gleichen.

Auf einem Trip hängen geblieben

Bret Easton Ellis kommt in „Imperial Bedrooms“ zur Einsicht: Alles ist, wie es immer war. Er ruft das Personal seines Debütromans „Unter Null“ auf den Plan, vor allem jenen Clay, den er vor 25 Jahren als Student aus gutem Hause einen kalifornischen Sommer lang in einem Gewalt-, Drogen- und Sexrausch versinken ließ, schickt ihn von New York aus, wo er jahrelang gelebt hat, nach L. A. zurück und lässt ihn dort auf seine alten Freunde treffen. Clay ist Drehbuchautor. Die alten Freunde sind wie er nunmehr Mitte 40 und haben wie er Affären mit Leuten, die halb so alt sind wie sie selbst. Verkommene Figuren, die anderen verkommenen Figuren Frischfleisch für Sex und Drogen zum Wegbeamen aus der Kälte luxuriöser Villen und vertrockneter Herzen besorgen. Clay hält sich eine junge Schauspielerin als Geliebte, die er mit dem Versprechen einer Filmrolle, auf deren Vergabe er überhaupt keinen Einfluss hat, an sich bindet. Ellis zeichnet ein Bild aus Misstrauen, Paranoia und Nihilismus, ein Panoptikum zielloser Ausschweifungen, in denen sein übersättigter Held gleichermaßen leidend wie sadistisch eine elende Rolle spielt. Am Ende verlässt ihn die Schauspielerin, und Clay bezahlt zwei Teenager, mit denen er in ein abgelegenes Haus in der Wüste fährt, um sie dort über Tage erbarmungslos und verstörend zu missbrauchen. Ein Gewaltporno-Finale, das Angst macht und noch einmal die Erinnerung an die brutalen Exzesse von Ellis’ Wall-Street-Banker-Protagonisten aus „American Psycho“ wachruft.

Die Szenen sind schockierend, und doch sind seither 25 Jahre vergangen, nach denen mediale Gewalt, Rücksichtslosigkeit und offensive Sexualisierung aller Gesellschaftsbereiche sogar schon im Nachmittagsfernsehen so gegenwärtig sind, dass „Imperial Bedrooms“ einen schalen Beigeschmack hat. Es wirkt, als wäre Ellis einfach auf einem Trip hängen geblieben, als wiederholte er wie eine stecken gebliebene Schallplatte dasselbe Mantra von der Verderbtheit der Upperclass.

Bekenntnisbedürfnis

Frédéric Beigbeders Bilanz liest sich überraschender. Auch ihm ist es um Selbstbetrachtung zu tun. Doch dem klugen, prominenten Pariser Upperclass-Medienstar rückt die eingangs erwähnte Erfahrung von 48 Stunden Gefängnis so zu Leibe, versetzt ihm einen solchen Dämpfer, dass sie zum Anlass für so etwas wie ein Bekenntnisbedürfnis wird. „Ein französischer Roman“ ist der Versuch einer Autobiografie, einer Familiengeschichte und einer Selbsterforschung in einem.

Das Buch erzählt von einem Kind aus bestem Hause, mit halb aristokratischer, halb großbürgerlicher Herkunft, von einer zerrütteten Ehe, von einer Kindheit, die zwischen Luxus und Bedrängnis, zwischen Unsicherheit und Überfluss hin und her schwankte und vom ewigen Konkurrenzverhältnis zum älteren Bruder Charles Beigbeder, der just in den Tagen, in denen Frédéric als koksender Party-Vierziger im Gefängnis sitzt, für seinen Beitrag eines brillanten Managers zur Entwicklung der französischen Wirtschaft im Élysée-Palast zum Ritter der Ehrenlegion ernannt werden soll. „Was ist da nur passiert?“, fragt Beigbeder und versucht, sich durch das Schreiben Antwort zu geben. In „Ein französischer Roman“ haben wir es mit der Läuterung des Frédéric Beigbeder zu tun. Damit, dass sich einer vom „arroganten Verführer, der ich gerne gewesen wäre“, zum „verklemmten Spießer“ in sich bekennt und dabei das Kunststück schafft, interessant zu bleiben.

Interessant ist das vor allem, weil es mit Entwicklung einhergeht und einem Reifeprozess, der das Gegenteil von Langeweile ist. Beigbeders Resümee ist beinah unschuldig: „Das Katholischste an mir ist dies: Ich habe es lieber, wenn meine Vergnügungen verboten sind.“ Sagt’s und geht stattdessen mit seiner kleinen Tochter am Strand seiner Kindheit spazieren. Vielleicht spießig, aber deutlich lebendiger als Bret Easton Ellis.

– Julia Kospach

Bret Easton Ellis: „Imperial Bedrooms“
Das Personal aus seinem Debütroman ist gealtert, ansonsten alles wie gehabt: Sex, Drogen & kalte Herzen.
Kiepenheuer & Witsch, € 19,50

Frédéric Beigbeder: „Ein französischer Roman“
Der französische Autor betreibt Selbsterforschung auf höchstem Niveau. Eine kluge wie komische Bestandsaufnahme.
Piper, € 20,50

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