Neo-Chefin Sabine Haag peilt 300.000 Besucher für Kunsthistorisches Museum an

Mehr Licht, weniger Blockbuster und ein „Open House-Fest“ zum Antritt: Die neue KHM-Chefin Sabine Haag präsentiert ihre Pläne und erste Programmhighlights.

Die letzten Kartons von Wilfried Seipel sind gepackt. Jetzt werden die Räumlichkeiten res­tauriert für die seit 1. Jänner amtierende neue Chefin des Kunsthistorischen Museums, Sabine Haag. In den nächsten fünf Jahren wird sie Wiens größten Museumskomplex leiten. Nach dem Patriarchen Seipel zieht damit eine Frau ins Chefbüro ein. Eine Generation jünger, aus dem Haus kommend, hat die 46-jährige Vorarlbergerin das Kürzel KHM für sich selbst mit „Kunst hat Mut“ definiert. Die ehemalige Leiterin der Schatzkammer freut sich über die starke Rückendeckung ihrer einstigen Kollegen. Einmal am Tag gehe sie durch einen Teil des Hauses, um sich an den Schönheiten der Sammlungen zu erfreuen und präsent zu sein. „Ich lerne das Haus als Chefin auf neue Weise kennen. Jedem Neubeginn wohnt ein Zauber inne“, zitiert sie Hesse. Den wird sie brauchen in Zeiten schma­ler Budgets. Denn das größte Sorgenpotenzial des Hauses sind die Finanzen.

Interieurmalerei und Masken am Programm
Der Museumstanker, der elf Institutionen umfasst, ist mit einem Gesamtbudget von 22 Millionen Euro ausgestattet. Das sind schon für 2009 um 2 Mil­lionen zu wenig, allein um Personalkosten und Instandhaltung der Gebäude abzudecken. „Wir müssen sparen und werden unser Ausstellungsprogramm dementsprechend adaptieren“, gibt sich Haag zuversichtlich. „Das hat den Vorteil, dass man sich wieder auf die Kernkompetenz besinnt. Die Zeit der teuren Blockbuster-Schauen ist jedenfalls vorbei.“ Das zeigt sich auch im Programm: Ende März startet man mit einer Ausstellung über Interieurmalerei, im Juni bringt das Völkerkundemuseum eine Schau zum Thema Masken, vom Kunstobjekt über Ahnenkult bis zum Bodypainting. Die wichtigste KHM-Schau ist dann „Karl dem Kühnen“ gewidmet, dem letzten Burgunderherzog und Schwiegervater von Maximilian dem Ersten. In Kooperation mit Bern und Brügge wird man in Wien den Fokus auf die Sammlungsbestände legen und burgundische Hofkultur mit Reichtümern der Schatzkammer und der Gemäldegalerie wie auch Handschriften aus der Nationalbibliothek präsentieren.

"Ort der Beständigkeit"
Das persönliche Ausstellungshighlight der Neodirektorin für 2010 ist dann eine Schau rund um das wohl bedeutendste Gemälde Jan Vermeers, „Die Malkunst“, die auch die umstrittene Leihpolitik thematisieren soll. Hat ihr Vorgänger noch mit den großen Goldschauen und Blockbuster-Themen für Quote gesorgt, gibt sich Haags Programm deutlich subtiler. „Museen können sich vielleicht gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise als Ort der Beständigkeit profilieren.“ Sie will die Qualität der Sammlungen betonen und sich ver­stärkt an die lokale Bevölkerung und differenzierte Besuchergruppen wenden. „Bloß kein Museum für Eliten sein, sondern Bereicherung für viele.“ An die 300.000 Besucher sollte man schon erreichen. Zudem wäre es an der Zeit, so Haag weiter, „an eine neue Art der Ausstellungspräsentation zu denken und das Haus in die Infrastruktur des 21. Jahrhunderts zu führen. Neue Ticketingsys­teme mit unterschiedlichen Zutrittsmodalitäten wie Bildungs- oder Nachmittagskarten sind in Arbeit. Aber auch all diese Überlegungen müssen durch den Rechenstift gesehen werden. Ich propagiere in jedem Fall mehr Licht! Mir war bisher doch einiges zu schwer und ermüdend präsentiert.“ Als Statement der neuen Ära gibt es anstelle des Neujahrsempfangs für die Happy Few ein Open House für alle am 24. 1., bei dem sich auch die Mitarbeiter präsentieren sollen.

Baustellen am KHM-Tanker  
Bei den baulichen Maßnahmen steht die Restaurierung der Kunstkammer auf Platz eins der Agenda. Noch ist man im Gespräch mit den politischen Entscheidungsträgern. Die Kunstkammer ist mit 17 Millionen Euro zwar durchbudgetiert (7 Millionen für bauliche Maßnahmen, 9 für Einrichtung, 1 Million für Sicherheitsmaßnahmen), die Sondermittel sind vom Ministerium allerdings bisher nur mündlich zugesichert. Der angepeilte Eröffnungstermin ist November 2011. Zudem steht die längst fällige Wiedereinrichtung des Völkerkundemuseums an. Gespräche mit dem Volkskundemuseum in der Laudongasse über synergetische Nutzung und Ziele sind im Gang. „Ich denke aber“, so Haag dazu, „dass das KHM an einer maximalen Größe angelangt ist und sich nichts mehr einverleiben muss.“ Einzig die Profile, so die neue Generalin, müssen geschärft werden. Das im Dornröschenschlaf dämmernde Theatermu­seum etwa wird bis 2010 adaptiert, es soll das erste Haus zum Bühnengeschehen werden. Vorerst allerdings wird nur die Homepage umgebaut: edler, eleganter, besucherfreundlicher soll alles werden, an einer neuen Werbelinie wird gearbeitet. Das intensive Grün soll zarteren Tönen weichen. Und so ganz nebenbei träumt Sabine Haag schon von einer Lounge mit Gastronomie im zweiten Stock: „Bei Kunst darf ja auch der Genuss nicht zu kurz kommen.“

Die Institutionen im KHM-Komplex:
Zum Gesamtkomplex des Kunsthistorischen Museums gehören: Das KHM-Haupthaus, Sammlungen in der Neuen Burg: Ephesos-Museum, Hofjagd- & Rüstkammer, Sammlung alter Musikinstrumente, Schatzkammer, Museum für Völkerkunde; Österr. Theatermuseum, Theseustempel (Volksgarten, wird derzeit renoviert), Wagenburg (Schloss Schönbrunn); Monturdepot, Schloss Ambras (Open House erst im Mai).
Open House an allen Wiener Standorten am 24. 1. von 10 bis 18 Uhr, www.khm.at

Die Ausstellungen:
KHM:  Interieurmalerei (17.–19. Jh.), ab 31. 3., Karl der Kühne – Glanz und Untergang des letzten Herzogs von Burgund, ab 14. 9.
Völkerkunde:  Naga Identitäten, ab 1. 4; Japan für alle Jahreszeiten, ab 22. 4.; Masken – Ein Streifzug durch Zeiten und Kulturen, ab 24. 6.; Sitting Bull und seine Welt, ab 10. 12.
Das Theatermuseum  wird bis 2010 adaptiert, nach dem Facelifting wird mit einer Gustav-Mahler-Schau eröffnet. Sonderschauen ab 30. 4.

Von Michaela Knapp

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