"Natürlich interessieren mich meine Preise"

"Natürlich interessieren mich meine Preise"

Mit präzisem Blick für Alltagsdetails von Leintuchfalten bis zu Taubenfedern wurde der deutsche Maler Tim Eitel zum gefeierten Star der Neuen Leipziger Schule. Jetzt widmet das Essl Museum dem Meister der Reduktion eine Personale.

Mit Akribie ist Tim Eitel in den Aufbau seiner Ausstellung in der Sammlung Essl in Klosterneuburg vertieft, huscht konzentriert von Raum zu Raum, treibt Kurator und Team zu Höchstleistung an. Millimetergenau wird austariert, welches Werk wo und wie inszeniert wird und zur größtmöglichen Wirkung kommt.

Der 42-jährige Deutsche war bereits Anfang 2000 neben Neo Rauch oder Matthias Weischer das gefeierte Supertalent der Malergruppe der Neuen Leipziger Schule. Seine fast monochromen Bildkompositionen wurden mit Caspar David Friedrich verglichen, seine Maltechnik von der New York Times gewürdigt und seine Arbeiten erklommen folglich früh Preise in sechsstelliger Höhe. Eitels Bilder sind Reduktion auf das Wesentliche, aber immer mit satter Wirkung: Er malt Situationen und keine Geschichten. Mit Liebe zum Detail beschäftigt er sich mit Posen und Gesten, wählt Motive des urbanen Lebens wie Tauben oder Mülleimer, und bringt selbst mit einer lapidaren leeren Matratze Einsamkeit, Verlorenheit oder Melancholie zum Ausdruck. Die Werke leben von einer geometrischen Ordnung, von Farbflächen, die in ihrer Abgrenzung Raum erzeugen.

FORMAT: Was bedeutet der Begriff Neue Leipziger Schule heute noch für Sie?

Tim Eitel: Der Begriff hat eigentlich noch nie eine Bedeutung gehabt. Im Grunde bezeichnet er nur eine Gruppe von Leuten, die in Leipzig studiert haben. Es ist kein Stilbegriff, wird aber oft als solcher missverstanden. Gerade für mich ist die Bindung an Leipzig nicht mehr vordergründig. Ich war und bin viel im Ausland.

Nach Berlin, New York und Los Angeles leben Sie aktuell in Paris.

Eitel: Ich muss immer wieder einmal den Standort wechseln. Gerade weil meine Arbeit auf Dingen beruht, die ich selbst wahrnehme, brauche ich immer neue Impulse. In den USA ist man von allem weit weg. Von Paris ist man schnell in London, Barcelona oder Brüssel.

Ihre Bilder basieren zumeist auf Fotos, die sie weltweit aufnehmen. Was erregt da ihre Aufmerksamkeit in der heutigen Bilderflut?

Eitel: Das ist spontan. Und geprägt von dem, woran ich gerade arbeite. Ich habe viele Bilder mit Müll gemalt. Initialzündung war die Allgegenwärtigkeit von Müll in New York. Dieser Müll ist auch ein indirektes Porträt von Menschen, ein Porträt der Abwesenheit, des Übriggebliebenen. Ich habe in New Yorks Straßen auch über Monate Matratzen rumliegen sehen, weil die dort so ein großes Problem mit Bettwanzen haben. Die Fotos, die ich dann mache, sind wie ein klassisches Skizzenbuch, anstelle von Vorzeichnungen. Es sind keine eigenständigen Werke, sondern eben Skizzen, geknipst ohne Schärfe und technische Finesse.

Matratzen, Müllsäcke, Tauben - Sie schenken dem Alltäglichen Betrachtung, geben dem sogenannten Banalen Bedeutung - eine Gegenbewegung zur Oberflächlichkeit? Aufforderung zur Konzentration, zur erzwungenen Fokussierung des Blicks?

Eitel: Ich denke nicht, dass ich den Dingen Bedeutung schenke. Die Bedeutung ist schon da, ich arbeite sie nur heraus. Ich habe immer Probleme mit solchen Kategorisierungen. Begriffe wie kürzere Aufmerksamkeitspanne sind Verallgemeinerungen. Seit ich lebe, hat sich nichts beschleunigt. Im Gegenteil: die Werbeästhetik ist sogar wieder langsamer geworden im Vergleich zu den 1980er Jahren. Und natürlich kann ich mich nicht von der Bilderflut abgrenzen. Bilder sind meine Inspiration, ich bin abhängig von diesem Material, das verändert auch meine Wahrnehmung - andererseits trage ich selbst zur Bilderflut bei.

Ihre Bilder werden nun immer dünkler, immer reduzierter. Sind Sie Pessimist?

Eitel: Bei mir changiert das ständig. Ich bin beides. Das ist wie bei Manisch-Depressiven. Ich habe sehr optimistische und sehr pessimistische Phasen. Wobei ich finde, dass meine Bilder weitaus weniger pessimistisch sind als ich selbst. Für mich ist das eine Konzentrationsfrage. Die Dunkelheit funktioniert hier so wie am Theater, wo das Licht nur auf den Hauptdarsteller fällt. Meine Idealvorstellung wäre, wenn die Bilder eine Präsenz entwickeln wie echte Menschen. Es gibt ja diese kurzen, magischen Momente in denen man zu jemandem Blickkontakt hat und berührt ist. Solche Situationen versuche ich in meiner Arbeit zu rekonstruieren.

Sie produzieren langsamer, als es sich der Markt aktuell von Ihnen wünschen würde.

Eitel: Danach kann man sich nicht richten. Für mich ist diese Zeit wichtig, um eine Intensität in der Arbeit herzustellen. Ich frage mich aber auch immer, warum das so lange dauert, weil der eigentliche Malprozess gar nicht so langfristig ist. Es ist viel mehr das im Atelier-Rumsitzen und die Bilder anstarren. Ich arbeite ja immer an mehreren Werken gleichzeitig. Im Jahr entstehen maximal vier große und zehn kleine Bilder.

Wann ist ein Bild fertig?

Eitel: Für mich ist ein Bild fertig, wenn ich nichts mehr wegnehmen kann. Malen ist bei mir im Wesentlichen ein Eliminierungsprozess. Anfangs ist auf dem Bild meistens viel mehr drauf. Es wird dann immer weiter vereinfacht.

Vieles verschwindet hinter der Farbe Grau, oder im Nebel. Sehen Sie die Dinge nicht gerne klar?

Eitel: Ich sehe die Dinge sehr klar, ich brauche nicht mal eine Brille. Auch in den Bildern ist alles klar.

Sie werden vom deutschen Topgaleristen Gerd Harry Lybke vertreten. Was halten Sie von den immensen Preisen für zeitgenössische Kunst?

Eitel: Natürlich interessieren mich meine Preise. Aber ich finde es schade, dass sich die Kunstkritik seit einigen Jahren von ihrem Kernbereich entfernt hat und immer weniger von Kunst und immer mehr von Geld schreibt. So wird auch der Feuilleton- zum Wirtschaftsteil.

Ist Ihnen wichtig, wer Ihre Bilder kauft?

Eitel: Ja und nein. Ich kann sehr gut loslassen, ich weiß aber, wo alle meine Bilder hingekommen sind. Das Schöne an Museen etwa ist, dass sie dort nicht wiederverkauft werden.

Welche Reaktionen auf ihre Arbeit erwarten Sie?

Eitel: Die Leute sollen reagieren, wie sie wollen. Es würde mich aber freuen, wenn ein Gespräch stattfindet zwischen den Arbeiten und dem Gegenüber.

Betrachten Sie Leute beim Betrachten Ihrer Bilder?

Eitel: Ich vermeide das. Das ist unangenehm, wäre wie seinen Eltern beim Sex zuzuschauen.

Essl Museum sagt Eitel-Eröffnung wegen Hochwasser ab

Die sich verschärfende Hochwasser-Situation in Klosterneuburg hat das Essl Museum dazu veranlasst, aus Sicherheitsgründen geschlossen zu halten und die für heute, Dienstag, Abend angesetzte Eröffnung der Ausstellung "Besucher" von Tim Eitel abzusagen. Die Schau selbst werde zugänglich sein, sobald es möglich sei.

Leben

Vinyl-Boom bringt Kult-Plattenspieler zurück

Kultur & Style

ePaper Download: Das Ranking der 500 wichtigsten Künstler Österreichs

Kultur & Style

★ David Bowie: Starman, Waiting in the Sky★