Musik: Um die Treue ihrer Fans müssen sich die Altmeister des Pop keine Sorgen machen

So unterschiedlich sie auch sein mögen, Depeche Mode, Neil Young oder Bob Dylan haben einiges gemeinsam: Seit Jahrzehnten sind sie aus der Welt des Pop nicht wegzudenken. Derzeit sind sie präsenter denn je.

Ein Wagen rollt nächtens eine regennasse Straße hinunter, rückwärts. Auf den ersten Blick ist das Auto führerlos, erst nach einiger Zeit wird klar, dass ein Mann bewusstlos im Vorderen des Vehikels liegt, das Gesicht verhüllt von einer Latexmaske, zudem gefesselt und geknebelt. Erst als er einen anderen Wagen rammt, wacht er auf. Dann: Wir sehen drei Fußgänger, an denen das Gefährt vorbeirollt, was nicht weiter erwähnenswert wäre, handelte es sich bei den drei Herren mittleren Alters nicht um Martin Gore, Dave Gahan und Andrew Fletcher, besser bekannt als Depeche Mode ( im Bild ). Nun der erste Schockmoment: Mann und Fahrzeug überfahren einen Passanten, ohne Absicht natürlich. Ein Polizeiwagen nimmt die Verfolgung auf, der Person gelingt es nach unzähligen Versuchen, sich endlich zu befreien, sie entledigt sich der Maske, reißt die angsterfüllten Augen auf – und wird an der Kreuzung von einem Pickup abgeschossen.

Mollgefärbte Synthesizer-Klänge
Wie ein dreiminütiger Thriller präsentiert sich das Video zum Singlevorboten des brandneuen Depeche-Mode-Tonträgers „Sounds of the Universe“ (siehe auch Alte Hasen, neue CDs ) . „Wrong“ heißt der Song, der sich mit seinen mollgefärbten Synthesizer-Klängen nahtlos in den Katalog großer Stücke wie „People Are People“, „Never Let Me Down Again“, „Enjoy The Silence“ oder „Personal Jesus“ der Band aus dem englischen Basildon einreiht. Wenn am 17. April das 12. Album des Pop-Unternehmens sowohl in den CD-Regalen der Elektronik-Supermärkte als auch im gehobenen Plattenladen Ihres Vertrauens zu finden sein wird, dann spricht das für sich.

Gelungener Depeche Mode-Spagat
Depeche Mode, das sind diejenigen, die weltweit über 75 Millionen Alben verkauft haben, diejenigen, die der durchschnittliche Ö3-Hörer genauso schätzt wie der an elektronisch generierte Sounds gewöhnte Hi-Fi-Gourmet, das sind diejenigen, die Stadien zu füllen imstande sind und gleichzeitig in den angesagtesten Clubs der Stadt aus den Boxen dröhnen. Depeche Mode sind längst zu einer Referenz geworden, haben dies- und jenseits des Atlantiks Legionen von Musikern beeinflusst und gehören zu den wenigen, denen der Spagat zwischen Integrität und Massenappeal gelungen ist.

Konstante im Pop-Business
Gegründet wurde die Band 1980, den Namen borgte man sich von einer französischen Modezeitschrift. Die Hauptakteure der Depeche-Mode-Historie waren und sind Songwriter Martin Gore sowie Frontmann David Gahan – einerseits der in sich gekehrte, talentierte Kopf der Band, andererseits der extrovertierte Sänger, dessen Stimme einen nicht unbeträchtlichen Teil zum Wiedererkennungswert von Depeche Mode beigetragen hat. Andrew Fletcher, der Dritte im Bunde, begnügte sich stets mit der Rolle des Keyboarders – wobei er nicht selten die des Vermittlers zwischen den beiden anderen übernehmen musste.

Neue Harmonie in der Band-Familie
Schließlich kam Sänger Gahan im Zuge der Aufnahmen zum letzten Album „Playing The Angel“ und ermutigt durch seine Erfolge als Solokünstler auf die Idee, selbst Songs zum Œuvre beisteuern zu wollen, was nicht mit heller Begeisterung seitens Gores aufgenommen wurde. Dave Gahan war knapp zehn Jahre zuvor nur knapp dem Tod infolge einer Heroin-Überdosis entgangen; er war es auch, der mit seiner Unverlässlichkeit den Fortbestand von Depeche Mode aufs Spiel gesetzt hatte. Inzwischen hat man sich aber zusammengerauft und übt sich in der Öffentlichkeit in Harmonie. Gahan darf seit dem letzten Album auch Songs beisteuern, die er dann im Verbund mit Christian Eigner schreibt – einem Österreicher übrigens! Erst kürzlich ließ Martin Gore verlautbaren, dass seine Band für ihn „ein bisschen wie Familie“ sei: „Es gibt mir Sicherheit, mit den anderen zusammen zu sein. Mittlerweile sind sie Teil meiner Identität.“

Zwanzig Jahre nach "West End Girls"
Als die Pet Shop Boys 1985 gleich mit ihrer ersten Single „West End Girls“ weltweit die Charts anführen konnten, legten Depeche Mode gerade eine kleine Pause ein. Mit ihren Konkurrenten verband Neil Tennant und Chris Lowe – wie die Pet Shop Boys im bürgerlichen Leben heißen – die Tatsache, dass man im weitesten Sinne Synthie-Pop fabrizierte und weitgehend dasselbe Publikum hatte. Und das bestand zu einem nicht eben geringen Teil aus Halbwüchsigen. Zwanzig Jahre später stehen diese Menschen mitten im Leben, haben Kinder und Karrieren – und verfügen über eine Kaufkraft, die jene von damals deutlich übersteigt.

Brillanter Pop und ein Stück Jugend
Abgesehen davon, dass „Yes“, so der Titel des aktuellen Albums des Londoner Duos, ein brillantes Pop-Album ist, erwirbt man damit ein Stück Jugend, und die wird gerne verklärt. Was auch Martin Gore erkannt hat, wie er gegenüber dem britischen „Time Out“-Magazin einräumte: „Meine Kinder finden es peinlich, wenn sie auf alten Fotos sehen, wie ihr Vater vor 20 Jahren herumgelaufen ist. Sehr zu ihrer Freude habe ich damit meine ganze Autorität bei ihnen eingebüßt.“ Der Loyalität der Fans von Depeche Mode – wie wohl auch jener der Pet Shop Boys – tut dies aber keinen Abbruch.

Eigentlich nie aus der Mode
Um die Treue seiner Fans muss sich auch Neil Young keine Sorgen machen. Seit Mitte der Sechzigerjahre, damals noch als Teil der Band Buffalo Springfield, beliefert er seine Anhänger mit Alben, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Neben Ausflügen in Hardrockgefilde wurde er einem breiten Publikum als sensibler Folkmusiker zum Begriff, dabei nahm er im Lauf seiner Karriere sowohl bei Punk als auch bei elektronischen Klängen Anleihen. Anfang der Neunziger wurde er dank Platten wie „Ragged Glory“ oder „Mirror Ball“ (mit Pearl Jam als Begleitband) zum „Godfather of Grunge“ ausgerufen und konnte bei einer jüngeren Generation reüssieren.

Nachhaltigkeits-Songs
Es wäre aber nicht Neil Young, hätte er nicht mit einer 180-Grad-Wende reagiert und sich seiner ruhigeren Seite besonnen – nur um daraufhin wieder seine Stromgitarre einzustöpseln. Mit dem Album „Living With War“ (2006) kritisierte er scharf die Irak-Politik der USA und forderte gar die Absetzung des damaligen Präsidenten George W. Bush. Auf seinem neuesten Werk „Fork In The Road“ präsentiert sich Young zwar nicht in Hochform, dafür behandelt er ein für einen in den USA lebenden Autofan ungewöhnliches Thema: Umweltschutz und nachhaltige Energien.

Dylans dreiundreißigster Streich
Und auch ein anderer großer Alter ist wieder da, obwohl er ja nie weg war: Bob Dylan, für viele eine der einflussreichsten Musikerpersönlichkeiten der letzten Jahrzehnte zeigt mit seinem demnächst erscheinenden 33. Studiowerk „Together Through Life“, dass er nicht nur zu den wichtigsten Stimmen der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart gehört. Nicht umsonst zählt es für das britische Musikmagazin „Mojo“ schon jetzt zu den Alben des Jahres.

Von Christian Kisler

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