Musik zum Erleben, nicht zum Erkämpfen:
Zeitgenössische Oper feiert Uraufführungen

Mit Johannes Kalitzkes Oper „Die Besessenen“ und Aribert Reimanns „Medea“ gibt es gleich zwei Opern-Uraufführungen in Wien. Das garantiert Presse und Prestige. Das große Geschäft lässt sich mit zeitgenössischer Musik aber nicht machen.

Im Bild: Gespenstersonate von Aribert Reimann

„Nö, wirklich leben kann man davon nicht“, sieht Johannes Kalitzke seine Profession als zeitgenössischer Komponist ganz pragmatisch. Die meis­ten Kollegen haben eine Professur und unterrichten. Der gebürtige Kölner ist zudem auch Dirigent. „Das Dirigat eines Konzerts bringt so viel wie ein Orchesterstück, das man schreibt“, umreißt er die Relationen. „Nur, für das eine probt man zwei Wochen, am anderen arbeitet man ein Jahr. Das ist ein Missverhältnis, aber keineswegs nur in Österreich so“, wie der international agierende Künstler bestätigt. „Die Auftragsvergütung für Komponisten ist lächerlich. Eine entsprechende Menge an Tantiemen kommt außer bei einigen wenigen kaum zustande.“

Gewichtige Uraufführungen
Dennoch macht die zeitgenössische Oper auf den internationalen Spielplänen der kom­menden Wochen mit gewichtigen Uraufführungen von sich reden: Im Auftrag des Thea­ters an der Wien etwa hat Johannes Kalitzke die Oper „Die Besessenen“ nach Witold Gombrovicz’ gleichnamigem Roman geschrieben. Sie macht am 19. 2. den Auftakt zu einem Schwerpunkt des Hauses mit Musiktheater des 21. Jh.s. Am 22. 2. kommt in der Bayerischen Staatsoper in München Péter Eötvös’ „Die Tragödie des Teufels“ zur Uraufführung, am 28. 2. präsentiert Aribert Reimann seine für die Staatsoper komponierte Oper „Medea“, am 1. 3. wird Kaija Saariahos „Emilie“ in Lyon uraufgeführt, und auch Beat Furrers neues Œuvre „Wüstenbuch“ wird in Basel am 25. 3. mit Spannung erwartet. Das große Geschäft mit der neuen Oper bedeutet das aber noch lange nicht: Vielmehr versprechen solche Uraufführungen dem jeweiligen Opernhaus Prestige und ­internationale Presse. Die Klagen, dass die Werke nach der Uraufführung von anderen Theatern kaum nachgespielt werden, ­können die wenige Ausnahmen wie etwa Aribert Reimann oder Olga Neuwirth nicht nachhaltig relativieren.

Angst vor neuen Tönen?
Da hat die neue Oper heute das Problem, das jede neue Oper hatte, erklärt das der ehemalige Operndramaturg und Musikkritiker Peter Blaha. Fakt ist: In der 400 Jahre alten Operngeschichte wurden rund 50.000 Stücke komponiert, nur umgerechnet 50 davon befinden sich weltweit im Kernrepertoire. Dass es neue Opern heutzutage schwerer haben als noch vor dem Zweiten Weltkrieg, hat für den Fachmann mehrere Gründe: „Bis in die 1950er-Jahre gab es, zumindest im deutschsprachigen Raum, fast ausschließlich Repertoiretheater mit festen Ensembles. Man musste nicht so weit vorausplanen wie heute, konnte daher rascher auf erfolgreiche Novitäten reagieren. Was das Publikumsinteresse betrifft, sei es, so Blaha, „je nach Stadt und Region verschieden. In Wien haben es schon Janáčeks Opern schwer, ein Haus zu füllen, in Paris dagegen sind sie Kassenschlager. In Wien gilt einfach: Was ich nicht kenne, das ist modern und interessiert mich nicht.“ Dennoch kein Grund, pessimistisch zu sein: Der große Erfolg, den Luigi Nonos „Al gran sole“ letztes Jahr in Salzburg hatte, beweist, dass es sehr wohl ein aufgeschlossenes Publikum gibt. Die Qualität freilich muss stimmen.

Das Gegenwartsgefühl treffen
Vielfach werden aber neue Stücke auch als Bürde für das jeweilige Haus angesehen. Neue Musik ist in der Regel sehr komplex und verlangt den Interpreten sehr viel an Vorbereitung ab. Dieser Aufwand steht nicht selten in einem Missverhältnis zu Aufführungszahlen und Auslastung“, bestätigt auch Komponist Kalitzke. „Natürlich überlegen sich Opernhäuser da, wenn sie schon eine neue Oper ansetzen, gleich eine Uraufführung zu bestellen. Da kommt es auf die paar Euro für einen neuen Auftrag nicht mehr an. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Und man ist auch ein bisschen ein Wegwerfkomponist. Einige Kollegen tendieren daher schon dazu, Teile ihrer vorhandenen Kompositionen einfach nur mehr neu zu montieren. So eine Jukebox-Oper kann man niemanden verdenken, aber es ist fatal.“ Zumal, wie Kalitzke betont, die Möglichkeit, Neues herzustellen, so groß ist wie nie: „Man hat noch die nächsten 10.000 Jahre ausreichend Kombinationsmöglichkeiten, um originell zu sein.“ Kalitzkes kompositorischer Anspruch heißt auch, keine Berührungsängste mit der Elektronik zu haben, die er gerne als spektrale Erweiterung einsetzt. „Ich könnte nichts machen, was unser Gegenwartsgefühl nicht trifft.“

Hör-Führerschein nicht vonnöten
„Die Besessenen“ ist bereits seine vierte Oper. Kalitzke selbst hatte schon mit zehn Jahren die Organistenprüfung absolviert, studierte zunächst Kirchenmusik, danach Klavier, Dirigieren und Komposition. Auch bei den Salzburger Festspielen, den Fest­wochen oder dem Klangforum Wien – mit dem er nun auch seine neue Oper einstudiert – ist er regelmäßig als Dirigent zu Gast. Rund zwei Jahre hat er an der­ ­Gombrowicz-Vertonung gearbeitet. Wie ein Architekt einen Bauplan entwirft, geht er an seine Kompositionen heran: „Wie bei einem Puzzle setzt sich dann aus vielen Einzelteilen ein Bild zusammen. Ich kann nicht sagen, meine Musik sei für Architekten oder Zahnärzte gedacht, mein Zielpublikum ist einfach eines, das neugierig ist. Dieses Schreckgespenst, dass man einen Führerschein ablegen muss, um neue Musik hören zu können, ist ein übles Klischee. Neue Musik ist weder abgewandt noch verkopft, diese Musik ist zum Erleben gedacht und nicht zum Erkämpfen. Zeitgenössische Musik hat alles andere als den Anspruch, unzugänglich zu sein.“

Abenteuer neue Musik
„Es hat zu allen Zeiten Musik gegeben, die sperrig war, wie der späte Beethoven oder Schönberg. Und es gab immer Menschen, die an diese Werke geglaubt und sich für sie eingesetzt haben. Man muss die neue Musik nur immer wieder spielen, dann wird sie ihr Publikum finden“, ist demgemäß auch das Credo von ­Peter Oswald. Dass die zeitgenössische Klassik immer noch eher ein Minderheiten-Programm ist – rund 12 Prozent Marktanteil hat die Klassik am Musikbiz in Österreich, der Anteil an neuer Musik ist wesentlich ­geringer, wie der Chef des Verbands der Österreichischen Musikwirtschaft, Thomas Böhm, bestätigt –, hat den ehemaligen Intendanten des steirischen herbstes und ­eins­tigen Geschäftsführer des Klangforums Wien nicht abgeschreckt, ein Label für neue Musik zu gründen.

Qualität auch in trüben CD-Zeiten
Im Vorjahr feierte „Kairos“ seinen 10. Geburtstag, 105 Alben befinden sich im Werkkatalog, ein feines Kompendium diverser Positionen neuer Musik von Olga Neuwirth, Bernhard Lang oder Matthias Pintscher. Im Laufe der Jahre hat man sich eine treue und neugierige Klientel aufgebaut. „Wir produzieren kompromisslos nach Qualität“ ist das Motto. Das hat viel mit Liebhaberei zu tun und der „High Energy“ des Betreibers, unermüdlich auch in noch so trüben CD-Zeiten im anspruchsvollen Segment der neuen Musik Kompositionen niveauvoll zu dokumentieren. Immerhin ginge es um die Überlebensnotwendigkeit, mit neuer Musik umzu­gehen, wie Oswald enthusiastisch betont. „Aktuellen Studien zufolge wird mit dem Hören neuer Musik auch die Sprachfähigkeit größer.“ Im kommenden Sommer startet Oswald in St. Gallen in der Steiermark ein neues Festival moderner Musik. Es heißt – einem Werk von Edgar Varèse nachempfunden – Arcana und findet vom 28. Juli bis 8. August statt: Lust am Neuen, mit ­Engagement vermittelt.

Michaela Knapp

„Die Besessenen“ von Johannes Kalitzke, Uraufführung, Theater an der Wien, 19. 2.: Für seine vierte Oper hat der gebürtige Kölner alle Möglichkeiten, die zwischen Sprechen und Singen liegen, ausgeschöpft. Erzählt wird Witold Gombrowicz’ Schauerroman einer tabulosen Gesellschaft, die in einem alten Schloss voller Kunstschätze gegen Gier, Verfall und Verrat kämpft. Das Libretto stammt von Christoph Klimke, das Dirigat übernimmt Kalitzke selbst, es spielt das Klangforum Wien, Regie führt Kasper ­Holten. Im Ensemble: der deutsche Countertenor
Jochen Kowalski und Benjamin Hulett.

„Medea“, Aribert Reimann, Uraufführung, Staatsoper, 28. 2.: Im Auftrag der Wiener Staatsoper hat der 73-jährige Berliner Komponist Grillparzers „Medea“ vertont. Marco Arturo Marelli inszeniert, am Pult steht Michael Boder.

„Die Gespenstersonate“, Aribert Reimann, Wiener Kammeroper, Premiere: 13. 2.: Eine der neuen Opern, die sich bereits im Repertoire behaupten können. 1984 uraufgeführt, ist Reimanns Strindberg-Vertonung nun in der Wiener Kammeroper zu erleben.

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