Müder Held: Der 66-jährige Robert De Niro spielt heute vor allem Robert De Niro

Robert De Niro, im Sommer 66, hat sich vom weltbesten Schauspieler zum Fließbandarbeiter geschuftet. Mit der Komödie „Inside Hollywood“ stoppt die Pop-Ikone beginnenden Verfall und zeigt ironischen Spielwitz.

Manierismus und große Schauspielkunst liegen manchmal nicht weit voneinander entfernt. Im okkulten Thriller „Angel Heart“ spielt Robert De Niro den leibhaftigen Teufel. Dafür hat er sich eigens ein ganz besonderes Bild ausgedacht. In einer Szene schält er mit langen Fingernägeln ein gekochtes Ei, zieht ihm fein säuberlich die Haut ab und schiebt es sich blasiert in den Mund. „In manchen Kulturen“, sagt der Teufel, „stellt das Ei die Seele eines Menschen dar.“ Das Publikum hat damit ein Bild erhalten, wie es aussieht, wenn der ­Satan nach einem Menschenleben greift. So nebenbei hat Robert De Niro den eigentlichen Protagonisten von „Angel Heart“, Mickey Rourke, an die Wand gespielt.

Fließbandarbeit am Set
Das ist über 20 Jahre her. In den vergangenen Jahren hat der oftmals als weltbester Schauspieler apostrophierte De Niro zwei, drei Rollen pro Jahr angenommen – zu viel für gute Vorbereitung. Vielleicht, weil das von ihm 2002 in Lower Manhattan gegründete Tribeca-Filmfestival viel Geld verschlang, vielleicht auch für eigene Projekte wie die Regie­arbeit „Der gute Hirte“. De Niro spielte jedenfalls zynische Polizisten in lieblosen Produktionen wie „15 Minuten Ruhm“ oder „Kurzer Prozess“, einen erfolglosen Anwalt im ebenso farblosen Remake „Die Nacht von Soho“ und gab 2004 selbst für den haarsträubend dummen Mysteryfilm „Godsend“ seinen Namen her. Es ist schon fast grausam, wie sich die viel besungene, umschwärmte Film- und Pop-Ikone zu einem Fließbandarbeiter der eher wenig ambitionierten Seite Hollywoods macht. Hatte De Niro – wie zuvor sein Vorbild Marlon Brando – bei Stella Adler das zuweilen belächelte Method ­Acting erlernt, also die bedingungslose Aneignung und Personifizierung der Rollen, so spielt Robert De Niro heute vor allem Robert De Niro: zugekniffene Augen, verschmitztes Lächeln, viel sagender Blick. Damit wirkt „Bob“ immer noch aufregender als manch jüngerer Kollege. Aber ob diese Pose so ein Schauspiel­leben zu einem zufriedenen macht? Würde De Niro – so wie Travis Bickle aus „Taxi Driver“ in der viel zitierten Szene vor dem Spiegel – sein filmisches Alter Ego selbst noch einmal herausfordern, sähe das jedenfalls anders aus. Sicherlich nicht mehr so kraftvoll wie in den Produktionen mit seinem kongenialen Weggefährten Martin Scorsese, der mit Werken wie „Mean Streets“ oder „Raging Bull“ die Filmwelt aus den Angeln hob.

Ironie im Alter  
Bob wird im August 66. Den Flegeljahren entwachsen, lassen sich mit Ironie und kritischer Reflexion ganz neue Wege beschreiten, das bewies jüngst Clint Eastwood mit dem Film des Jahres „Gran Torino“ erst wieder. Immerhin: De Niro machte sich mit satirischen Komödien wie „Reine Nervensache“ oder „Meet the Fockers“ in eine ähnliche Richtung auf. Spiegel- und Zerrbilder einer Branche sollte auch die derzeit anlaufende Produktion „Inside Hollywood“ auf unterhaltsame Weise liefern. Robert De Niro tritt darin als überdrehter Filmproduzent auf, der, von einem Gefühl der Midlife-Crisis getrieben, zwischen Therapiesitzungen mit seiner Frau und einem exzentrischen Regisseur einen Film zu retten versucht, letztlich aber aus dem Chaos nicht herauskommt. De Niro, den die erneut aus dem Schema fallende Rolle merklich zu Spielwitz aufstachelt, wirkt dennoch etwas müde. Zudem ist seine Figur schon im Drehbuch so unspezifisch angelegt, dass sie auch als Manager aus der Seifenindustrie durchgehen würde. Mit „What Just Happened“, so der Originaltitel, kommen Regisseur Barry Levinson und De Niro nicht an die Qualität ihrer bissigen White-House-Satire „Wag the Dog“ heran.

Der Kreis schließt sich  
Mit Komödien wie dieser schließt De Niro – man mag das nach seinen Phasen als notorischer Mobster, als manierierter, selbstbezogener Darsteller und in den vergangenen Jahren oft als zynischer Held nicht glauben – an seine allerersten Filme an. Brian De Palma, ein anderer New-Hollywood-Gefährte, hatte ihn Ende der Sechzigerjahre in seinen frühen Komödien eingesetzt: in der Flower-Power-Farce „Greetings“ (1968) rund um Vietnam und das Kennedy-Attentat, ein Jahr darauf in der Heiratskomödie „The Wedding Party“ mit Jill Clayburgh und wieder ein Jahr später in der pechschwarzen Post-Vietnam-Satire „Hi, Mom!“. Vielleicht hat De Palma von De Niro schon geahnt, was Scorsese über seinen zweitfavorisierten Akteur nach De Niro einmal gemeint hat: „Leonardo DiCaprio korrespondiert wie kein anderer mit der Kamera.“ Dieses Gespür kann man De Niro bis heute nicht absprechen. Künstlerisch sensibilisiert wurde Bobby früh, beide Eltern waren Maler. Mit diesem Bohemien-Hintergrund unterschied er sich von den meisten seiner Kollegen, auch dem Arbeiterkind Scorsese, der in Little Italy ein paar Ecken weiter wohnte. Sein Vater, Robert De Niro sen., ein Expressionist und eng mit Jackson Pollock befreundet, trennte sich von seiner Ehefrau, als Bobby noch ein Kind war. Als der Vater 26 Jahre alt war, wurden seine Arbeiten im Guggenheim Museum ausgestellt. De Niros Hang zum Manierismus hat seine Vorbilder – die Kunst des Vaters hängt nun im luxuriösen New Yorker Greenwich Hotel, das De Niro im Vorjahr eröffnet hat.

Von Gunnar Landsgesell

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