Mit dem Stahlrohrsessel "Wassily B3" hat Marcel Breuer Designgeschichte geschrieben

Mit dem Stahlrohrsessel „Wassily B3“ hat Marcel Breuer eines der bedeutendsten Sitzmöbel der Designgeschichte kreiert. Eine Schau im Wiener Hofmobiliendepot beschäftigt sich nun auch mit den Architekturentwürfen des gebürtigen Ungarn.

Vielleicht kennen manche seinen Namen nicht, seine Möbel kennt man aber wohl. Marcel Breuers Freischwinger und Stahlrohrentwürfe sind Keypieces der Designgeschichte und die Möbelart, die man bis heute mit der Moderne in Verbindung bringt. Stahlrohrmöbel wurden zum Inbegriff des „Neuen Wohnens“ und haben nichts an Popularität verloren. Gemeinsam mit den Stücken von Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier rangieren Breuers Originale bei den Ergebnissen der internationalen Designauktionen ganz oben. Seine Sitzmaschine B25 von 1928 etwa wurde im Wiener Dorotheum für 20.740 Euro versteigert.

Eigentlich sind es ja zwei Bereiche, in denen sich der 1902 im ungarischen Pécs geborene Marcel Lajos Breuer einen Namen gemacht hat: Möbeldesign und Architektur. Die vom deutschen Vitra Design Museum übernommene Schau, die das Wiener Hofmobiliendepot zum 30. Todestag des Bauhaus-Mitglieds zeigt, beschäftigt sich mit beiden Facetten. „Fakt ist aber, dass Breuer in der Designgeschichte eine ungleich bekanntere Nummer ist“, muss aber auch der deutsche Kurator Matthias Remmele zugeben. „Immerhin hat er mit der Erfindung der Stahlrohrmöbel entscheidende Innovationen im 20. Jahrhundert vorangetrieben.“ Metallmöbel wurden zwar schon seit der vorigen Jahrhundertwende für Krankenhäuser und Gefängnisse produziert. Die Idee, sie als Wohnmöbel zu verwenden, geht allerdings auf Breuer zurück.

Eine Bombenidee

Marcel Breuer absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Tischler am Bauhaus in Weimar, bevor er im Alter von nur 23 Jahren als „Jungmeister“ mit dem Stahlrohrsessel B3 eines der bedeutendsten Sitzmöbel der Designgeschichte schuf: ein Stahlrohrmöbel mit sichtbarer Schraubverbindung! „Die Idee hat eingeschlagen wie eine Bombe. Will man Breuers Entwürfe aber formal verstehen“, so der Experte, „muss man sich auch mit der De-Stijl-Bewegung befassen“, einer Vereinigung von Malern, Architekten und Schriftstellern, die sich mit radikal erneuerter Kunst nach strenger geometrischer Ordnung beschäftigt hat.

Einer ihrer bedeutendsten Vertreter war Gerrit Rietveld. Der Niederländer hatte 1918 den Rot-Blau-Stuhl entworfen, aber auch mit gepresstem Aluminiumblech gearbeitet und „war eine wesentliche Inspiration für Breuer“, wie Remmele ausführt. Eigenen Angaben zufolge hat ihn aber sein Fahrradlenker zum ersten Stahlrohrsessel angeregt. In Kooperation mit den in Dessau ansässigen Junkers-Flugzeugwerken entwarf Breuer dann eine Reihe von Stahlrohrprodukten. Nicht umsonst lautete ein früher Wahlspruch des Bauhaus: „Kunst und Technik – eine neue Einheit“.

Man war fasziniert von der Ästhetik und Technik dieser Flugzeuge. Das war für damalige Begriffe Hightech. Fortschritt und Funktion in ihrer reinsten Form und überzeugender Ästhetik.“ Neue Werkstoffe eroberten in den 1920ern die Innenräume, doch kaum ein anderes Material hat das Wohnen so revolutioniert wie die Stahlrohrmöbel. Nachdem man sie anfänglich farbig lackiert hatte, setzte Breuer auf Verchromung und erreichte jene unterkühlte Maschinenästhetik, die noch heute charakteristisch ist. In den 30er-Jahren am Markt höchst erfolgreich, verschwanden die Stahlrohrmöbel danach nahezu von der Bildfläche. Erst 1963 brach ihre zweite große Zeit an. Der Strom der Re-Editionen klassischer Stahlrohrmodelle aus der Bauhauszeit reißt bis heute nicht ab. Auch Breuers als „Wassily“ bekanntes Modell B3 erhielt erst Anfang der 1960er-Jahre diesen Namen, als der italienische Möbelproduzent Dino Gavina die Produktionsrechte erwarb.

Breuers Möbel werden heute offiziell von Thonet und Knoll hergestellt und verkaufen sich nicht zuletzt wegen ihres hohen Wiedererkennungswerts nach wie vor gut. Doch nicht nur den Möbeln aus Stahlrohr hat Breuer zum Durchbruch verholfen. Auch mit seinen in den 1930er-Jahren entworfenen Stücken aus Aluminium und Schichtholz schrieb er Designgeschichte. Dementsprechend gliedert sich auch die Ausstellung in die Bereiche seiner vier bevorzugten Materialien: Vollholz, Stahlrohr, Aluminium und Schicht- bzw. Sperrholz. Wie prägend seine Entwürfe waren, zeigte sich in ihrer raschen Verbreitung. Nicht nur Breuers Förderer Walter Gropius ließ sich von seinem Schüler einrichten, auch László Moholy-Nagy und der Maler Wassily Kandinsky wohnten mit Stahlrohr.

Sachliche Eleganz Trotz aller Erfolge im Möbelbau wollte Breuer aber in erster Linie Architekt sein; bereits 1928 gründete er sein erstes Architekturbüro. Als der Designer jüdischer Herkunft Deutschland verlassen musste, betätigte er sich in London als Architekt, 1937 emigrierte er nach Amerika, lehrte als Professor für Architektur an der Harvard University und betrieb gemeinsam mit Walter Gropius ein Architekturbüro. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verlegte Breuer das Büro nach New York, wo er zahlreiche prestigeträchtige Großprojekte, wie etwa das Whitney Museum, realisierte und am 1. Juli 1981 starb.

Distanzierte Eleganz und Sachlichkeit entsprachen nicht nur der Bauhaus-Idee, sie waren wohl auch Breuers privates Motto. Er führte ein absolut unglamouröses Leben, das keinen nachhaltigen Einfluss auf sein Werk hatte. Seine langjährige Ehefrau war ja nicht wie im Fall von Ray und Charles Eames eingebunden. Man lebte bescheiden-puristisch. Zwar gibt es Fotos von Breuer mit Jackie Kennedy und Willy Brandt, aber er hat, wie der Kurator trocken feststellt, „den Glamour nie gesucht“.

– Michaela Knapp

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