Mit seinem Buch 'Orkus' schließt Gerhard Roth sein literarisches Großprojekt ab

Mit seinem neuen Buch „Orkus“ schließt der Grazer Autor Gerhard Roth ein in der europäischen Literatur beispielloses Großprojekt ab, das er vor 32 Jahren begonnen hat.

Im Unglück sehe ich das eigentliche Leben“, bekennt Gerhard Roths Alter Ego, der Ich-Erzähler seines neuen Romans „Orkus“, und befindet sich damit in allerbester Gesellschaft. Denn einer der berühmtesten Sätze der Literaturgeschichte, jener, mit dem Leo Tolstois „Anna Karenina“ beginnt, lautet: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich.“ Für Schriftsteller gilt das weite Terrain des Unglücks als das sehr viel fruchtbarere Gelände, und wie wenige Autoren hat Gerhard Roth auf dieser Basis ein gewaltiges Werk geschaffen.

Der Grazer, Jahrgang 1942, ist darüber in die Jahre gekommen. In Interviews der letzten Zeit hat Roth bekannt, dass er durch sein obsessives Schreiben auch seine Gesundheit in Mitleidenschaft gezogen hat. Roth wollte das, was er selbst „meine Doppelhelix“ nennt, unbedingt vor seinem 70. Geburtstag abschließen. Das ist ihm gelungen. Mit „Orkus“, das ab 12. April im Buchhandel sein wird, ist Roth ans Ende einer schriftstellerischen Großtat gekommen, die in ihrem großen Gestus ebenso unmodern ist, wie sie in ihrer Ambition in der deutschsprachigen Literatur einmalig dasteht.

Die Eckdaten

zwei Romanzyklen mit insgesamt 15 Romanen, ein Gesamtumfang von fast 6.000 Seiten und eine mehr als 32 Jahre dauernde Arbeit. Das sind Roths Romanzyklen „Die Archive des Schweigens“ und „Orkus“, die nun mit dem letzten Buch, das den gleichen Namen trägt wie der zweite Romanzyklus, nämlich „Orkus“, fertiggestellt sind. Für die sieben Bände der „Archive“ hat sich Roth Homers „Ilias“ zum Vorbild genommen. Die Orte ihrer Handlungen waren die Steiermark und Wien. Darin ging es Roth darum, „den Kampf um die wahre Rolle Österreichs in der Zeit des Nationalsozialismus und damit den Kampf um seine wahre Identität“ zu beschreiben. Mitunter kam der Autor dabei dem herrschenden gesellschaftspolitischen Klima im Lande so nahe, dass Jörg Haider eine Szene in Roths Roman „Der See“ (1995) als Aufforderung, ihn, Haider, zu ermorden, missverstand und Radau schlug. Es ist eine berühmte Anekdote. Roth wird sie satthaben, und doch ist sie wesentlich, weil sie das Brisante in Roths Schreiben aufzeigt, seine Auseinandersetzung mit dem, was unter der Oberfläche wütet.

Für den zweiten Romanzyklus „Orkus“ stand hingegen die „Odyssee“ Pate. Darin schwärmen Roths Helden aus, reisen – wie er selbst gern und häufig – und setzen sich dem Fremden aus.

Wie man sich am Ende einer so riesigen kreativen Kraftübung fühlt, beantwortet Gerhard Roth so: „Mir ist eine Last vom Körper und vom Geist gefallen, aber die beiden Romanzyklen werden immer Teile von mir selbst bleiben. Jedes Wort ist sozusagen eine Zelle meines Körpers geworden und jede literarische Figur eine prägende Erinnerung.“ Wer mit Roth vertraut ist, erkennt das Typische in diesem Satz. Denn Roth ist ein Schriftsteller, der – wie es im neuen Roman „Orkus“ heißt, den man als fiktionalisierte Autobiografie lesen darf – eine „zweite und unsichtbare Existenz neben der sichtbaren“ pflegt. In diesem zweiten Leben sind Kunstwerke und – zumeist längst gestorbene – Schriftsteller, Maler, Musiker, Filmemacher ebenso bedeutsam und wirkungsmächtig wie das, was Roth realiter umgibt. An die Literatur glaubt der Ich-Erzähler im Parallelschwung mit seinem Schöpfer „wie andere an das Evangelium“.

Roth als Scheherazade

Als großer Abschlussband ist „Orkus“ ein eindrucksvolles Werk. Ein Buch von über 600 Seiten, das mehr Netzwerk als Roman ist, in dem Roth „wie Scheherazade in den Erzählungen aus ‚1001 Nacht‘ förmlich um sein Leben erzählt“. So heißt es dazu, sehr genau beobachtet, in einem Essay aus dem Roth-Materialienband „Die Zeit, das Schweigen und die Toten“, der ebenfalls zum Abschluss des Zyklus herauskommt.

Alle von Roths großen Lebensthemen sind in „Orkus“ noch einmal versammelt: Tod und Wahnsinn, Opfer und Verbrechen, Hass und jene Orte, an denen man diesen Motiven auf die Spur kommen kann. Dazu tauchen einige Figuren aus früheren Romanen wieder auf. Roth verwandelt die fiktiven Charaktere in Bezugspersonen seines Ich-Erzählers. Das Erzählpersonal aus früheren Büchern mischt sich in „Orkus“ mit realen Figuren der Geschichte – Bruno Kreisky spielt dabei eine ebenso wesentliche Rolle wie Simon Wiesenthal. Thomas Bernhard tritt auf und Franz Fuchs in einer Art Doppelrolle: als realer Bombenleger und, Jahrzehnte früher, als fiktiver Psychiatriepatient. Dazu gesellt sich ein schier endloser Strom von Büchern, Autoren, Künstlern und Lebensgeschichten. Episodisch-anekdotisch ist die Form dieses Buchs.

Das Verbindende sind die Themen von Tod, Wahn und Verbrechen und die unendliche Kraft des Unbewussten, durch die sich diese Motive am deutlichsten Bahn brechen. Wie schon im gesamten Zyklus davor spielen auch Archive, Gräber, Anstalten und Gedenkstätten eine massive Rolle: das „Haus der Künstler“ in Gugging ebenso wie die KZ-Gedenkstätte Mauthausen oder das Österreichische Haus-, Hof- und Staatsarchiv.

Gerhard Roth ist ein Archäologe mit dem Spezialgebiet der Hebung und Bergung unbewusster Gewaltströme quer durch die Geschichte. „Orkus“ nennt er „sozusagen ein Buch über meinen eigenen Kopf“: Darin mäandert und wogt ein dicht geknüpftes Netzwerk voller Informationen, Wahrnehmungen, Beobachtungen und Erfahrungen eines leidenschaftlichen Lesers, Kunst-Konsumenten und Analysten gesellschaftspolitischer Zusammenhänge. Zudem ist es eine unermüdliche Forschungsarbeit an den eigenen Lebenserfahrungen und Irrwegen. Roth: „Ich habe in 32 Jahren Schreibarbeit versucht, ein literarisches Zeugnis zu schreiben – nicht über die sichtbaren historischen Figuren eines abscheulichen Marionettentheaters, sondern über die Fäden, die diese Figuren bewegten, über die Geheimnisse der Puppenspieler und das Publikum, das sich an Mord und Totschlag berauschte und selbst in das Geschehen eingriff und alles niederschlug, so dass zuletzt nur noch die Narren die Wahrheit erkannten.“ Ein verrücktes, ein fesselndes Großprojekt!

– Julia Kospach

Gerhard Roth „Orkus“
S. Fischer, € 25,70
Auf 668 Seiten unternimmt Roth eine Reise in den eigenen Kopf. Ab 12. 4.

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