Mega-Event ImPulsTanz thematisiert die Wirtschaftskrise kritisch und mit Humor

Einen Monat lang macht Europas größtes Tanzfestival Wien zum heißesten Tanzboden. Intendant Karl Regensburger über Highlights, Dancing Stars & seinen Neo-Sponsor, den Glücksspielkonzern Novomatic.

„Wir sehen die Irrungen eines entfesselten Spekulantentums, das sich in den virtuellen Olymp gebeamt hat, um dort den Hals so lange nicht voll zu kriegen, bis ihm die Kurse in die Hose rutschten. Es geht um Ekstasen des Konsums, in denen alles erlaubt ist, was gefällt – maßloser Egoismus, die Vernichtung von Lust, eine hochfrisierte Sexualität und die grausame Passivität asozialer Couch-Potatoes.“ – Das sind keine Zitate aus Peter Sloterdijks aktuellem Bestseller „Du musst dein Leben ändern“, sondern Beschreibungen zur „Orgie der Toleranz“, dem neuesten Projekt des flämischen Bühnenprovokateurs Jan Fabre (im Bild) . Eine böse Gesellschaftssatire, voll krasser Szenen, radikal, aber: mit viel Humor. Und: ein Highlight des heurigen ImPulsTanz Festivals.

Anspruchsvolle Kost
Von 16. 7. bis 16. 8. zeigt Europas größter Tanzevent rund 100 Aufführungen von 39 internationalen Compagnien ( siehe auch Highlights des ImPulsTanz-Festivals ) . Mit harmlosem Unterhaltungsspektakel in wehenden Röckchen haben die hier gezeigten Performances schon lange nichts mehr zu tun. Damit gäbe sich Intendant Karl Regensburger kaum zufrieden. Ins 26. Jahr geht das Festival heuer und hat sich schrittweise einen Ruf erarbeitet. „Wir sind bekannt dafür, ein schwieriges, aber engagiertes Programm zu bieten“, freut sich der Intendant über die Publikumsbegeisterung. Immerhin hat das Festival internationale Namen wie Jan Lauwers – ab Herbst am Burgtheater Artist in Residence – oder Jan Fabre hierzulande erst richtig bekannt gemacht.

Wut vertanzt
Im heurigen Programm ist Jan Fabre nicht der Einzige, der starken gesellschaftspolitischen Bezug zeigt, Nach dem Motto „Wenn schon politisch unkorrekt, dann richtig“, kratzt auch US-Performerin Ann Liv Young in ihrer Arbeit „The Bagwell in Me“ an politischen Plattitüden, und der Schauspieler Davis Freeman untersuchte mit seinem Abend „Investment“ Wertvorstellungen in Zeiten der Finanzkrise. Keine leichte Kost: „Natürlich lösen diese unsagbare Krise und diverse wahnwitzige Bankenrettungspakete bei Künstlern eine gewisse Wut aus“, analysiert Regensburger die Tendenz zur Politikkritik via Tanz. Eröffnet wurde ImPuls­Tanz aber höchst breitenwirksam mit dem amerikanischen Stepptänzer Savion Glover. Im Programm finden sich auch „The Song“, die neueste Produktion der flämischen Tanzarchitektin Anne Teresa de Keersmaeker, ein radikales Zwei-Stunden-Stück, das sich ohne Musik auf die Essenz der Bewegung konzentriert, und viele zum Großteil „alte Bekannte“ wie Xavier Le Roy, Benoît Lachambre, Boris Charmatz, Jiri Kylian, Wim Vandekeybus oder Mark Tompkins.

Tanz-Workshops
Ein Schwerpunkt ist der legendären französischen Choreografin Maguy Marin gewidmet, die gleich mit drei ihrer ausdrucksstarken Arbeiten in Wien vertreten ist. Die Reihe „[8:tension]“ zeigt, welche Wege junge Choreografen beschreiten, etwa das österreichische Duo Andrea Maurer & Thomas Brandstätter , die mit einfachsten Mitteln große Wirkung erzielen. Neben den Bühnenperformances werden zudem in über 200 Workshops Bewegungsmöglichkeiten für Tanzinteressierte von vier bis 94 geboten. Selbst für den gestressten Manager finden sich, so Regensburger, passende Workshops, die sich mit Körperbewusstheit beschäftigen, „darunter ein wunderbarer Rückenspezialist … durchaus empfehlenswert“. Denn auch wenn sich in den letzten zehn bis 15 Jahre eine deutlich positive Änderung des Verhältnisses zum eigenen Körper abzeichnete, seien die Österreicher an sich nicht das geschmeidigste Volk. Formate wie „Dancing Stars“ können da nur positiv wirken, zeigt sich Regensburger milde. „Das entspricht zwar nicht meinem Tanzverständnis, wenn aber die Freude an Bewegung mehr Raum bekommt“, ist das zu begrüßen.

Geld-Bewegung
Fünf Millionen Euro bewegt Regensburger innerhalb des Highclass-Festivals. Zwei Mio. Euro kommen von der Stadt Wien, 450.000 Euro vom Bund, 1 Mio. Euro aus Ticketeinnahmen, 600.000 steuert die Europäische Union bei, und 950.000 Euro stammen von Sponsoren. Neben der SCS zählt Novomatic heuer erstmals zu den Hauptsponsoren, hat sogar die Eröffnung des neuen Novomatic Forums (siehe Artikel ) im ehemaligen Verkehrsbüro-Gebäude vorverlegt und beherbergt vier Wochen lang die ImPulsTanz Festival Lounge. Dass es für diese Kooperation mit einem Konzern, der mit Glücksspiel Millionen verdient, Angriffe geben wird, war Regensburger klar. Er sieht das pragmatisch: „Ich freue mich über das Engagement, weil es für uns essenziell ist. Das ist ein beeindruckender österreichischer Konzern, der auch Casinos betreibt. Aber ein Casino per se ist noch nichts Schlechtes. Jeder, der sich auf Glücksspiel einlässt, muss gewahr sein, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verlusten führen wird. Ich rauche seit 35 Jahren, aber ich würde nie die Tabakindustrie anklagen. Vielleicht sind wir ja eine wunderbare Ergänzung in der Konzernphilosophie: Man kann ja auch vor Glück hüpfen, wenn man gewonnen hat.“ Im NovomaticForum wird jedenfalls kein Spielautomat stehen. Vielmehr bietet man Raum für Veranstaltungen. Die Eröffnungsperformance spielte auf Zeit und beschäftigte sich 21 Stunden lang mit Erik Saties „Vexations“. Das Publikum bekam pro Minute, die es ausharrte, zwei Cent zurück und konnte so „sogar Gewinn erzielen“, wie Regensburger anmerkt. Das Suchtrisiko ist in diesem Fall eher gering.

Von Michaela Knapp

Nähere Information und Festival-Programm unter www.impulstanz.com

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