Margin Call - Der große Crash

„Margin Call – Der große Crash“ ist der bislang beste Finanzthriller, der die Wirtschaftskrise 2008 zum Thema macht. Mit Topbesetzung und – Ironie-Alarm! – Minibudget werden tiefe Einsichten in die Investmentbranche gegeben.

Spätsommer 2008. Die Welt, oder besser: die Finanzwelt, ist noch in Ordnung. Oberflächlich zumindest. Irgendetwas läuft trotzdem nicht ganz rund. Denn gerade marschiert in einem renommierten New Yorker Investmenthaus eines dieser „Killerkommandos“ durch, die staubtrocken und ohne mit der Wimper zu zucken einen guten Teil der Belegschaft zu entlassen haben. Will Emerson (Paul Bettany), der Cheftrader, hat im Laufe seiner Karriere so etwas schon öfters erlebt. Sein Rat an zwei jüngere, unerfahrenere Kollegen ist erstaunlich simpel: ab hinter den Rechner, in Deckung gehen und unter keinen Umständen hinschauen, wenn gleich das grausliche Gemetzel startet. Der Arbeitsplatz als Schützengraben.

Das Killerkommando arbeitet jedenfalls sauber, effektiv und schnell. Unter seinen Opfern ist auch der Risk-Manager Eric Dale (Stanley Tucci). 19 Jahre hat er bereits für das Unternehmen gearbeitet, mit zynischer Diplomatie unterbreitet man ihm nun ein Abfindungsangebot und wünscht noch das Beste für den Eintritt in die neue „Lebensphase“. Bevor er den gläsernen Büroturm verlässt, übergibt er zwischen Tür und Angel seinem Schützling Peter Sullivan (Zachary Quinto) noch einen Daten-Stick, den er sich unter dem Gebot der Vorsicht anschauen solle. Der Stick erweist sich als Sprengsatz. Willkommen in der Welt der Hochfinanz, willkommen im Film „Margin Call – Der große Crash“.

Giftige Papiere

Das Langfilmdebüt von Regisseur J. C. Chandor ist einer der besten Finanzthriller der letzten Jahre. Im Zeitraffer von rund 36 Stunden wird versucht, nachzuzeichnen, wie es im Sommer vor drei Jahren zum großen Börsenkrach gekommen ist. Auf dem Datenstick, der so kryptisch übergeben wurde und vom jungen Rechengenie Sullivan ausgewertet wird, findet sich nämlich hochbrisantes Zahlenmaterial, das belegt, wie es um das Finanzhaus – Anspielungen auf die Investmentbank Lehman Brothers sind keinesfalls zufälliger Natur – tatsächlich bestellt ist. Man sitzt dummerweise auf einem Riesenberg toxischer Wertpapiere aus diversen Immobilienspekulationen. Keine besonders gute Nachricht also. Jetzt ist Krisenmanagement gefordert. Und ab hier entwickelt der Film seine Qualitäten und wird aufregend vielschichtig.

Denn die schlechte Nachricht muss schließlich weitergegeben werden. Sukzessive marschiert der Zuschauer nun durch die Hierarchieebenen eines Finanzunternehmens und erhält so pars pro toto Einblicke in die Gepflogenheiten einer Branche, die gegenwärtig für vieles, was in der Welt gerade aus dem Ruder läuft, verantwortlich gemacht wird.

Da wäre etwa der junge Rookie, der nicht viel weiter als bis zu seinem nächsten Bonus denkt, um endlich einmal damit angeben zu können, eine Million verdient zu haben. Eine Stufe höher sitzt der Chef-Trader, der dann doch ab und zu sein Tun hinterfragt, aber eben auch süchtig nach den Vorzügen eines Lebens auf der scheinbaren Überholspur ist und auf etwaige Konsequenzen pfeift.

Und wieder eine Ebene drüber sitzt die zentrale Figur Sam Rogers, glaubhaft von Oscarpreisträger Kevin Spacey gespielt. Er hat immer noch moralische Werte für sein Tun als Verkäufer und Händler, aber auch eine hohe Loyalität seiner Firma gegenüber. Man sieht ihm direkt an, wie er beim Gedanken, wertlose Papiere zu verkaufen und damit eine absehbare Kettenreaktion auszulösen, ein Magengeschwür kriegt.

Und noch eine Ebene höher sitzen die Finanzexperten Sarah Robertson (Demi Moore) und ihr männlicher Gegenpart Jared Cohen (Simon Baker). Erstere erfüllt als toughe Karrieristin die Frauenquote an der Führungsspitze und muss schließlich ebenfalls erkennen, nur eine Schachfigur zu sein, als ein „Bauernopfer“ verlangt wird. Die Hochfinanz ist letztlich dann doch auch noch ein testosterongeschwängertes Arbeitsfeld.

Das System schlägt zurück

Alle sind sie also ein Rädchen in einem System, das bei Börsenschluss am Ende dieses Tages untergehen wird – aber nicht ohne dabei noch einen Bonus oder einen Golden Handshake einzustreifen. Allerdings hat das Achten auf den eigenen Vorteil und Absichern der Pfründen in „Der große Crash“ etwas zutiefst Wertfreies und Normales – es ist systemimmanent.

Regisseur Chandor gibt sich weder billigen Populismen hin, noch strapaziert er Klischees. Ein Grund dafür: Bei dem von ihm verfassten Drehbuch stand sein Vater, ein Banker, der vierzig Jahre lang an der Wall Street für Merrill Lynch arbeitete, beratend zur Seite. So gelingt es Chandor, mit unsentimentaler Härte exakt den Branchenton zu treffen.

Obwohl es in diesem beinahe zu ruhigen Kammerspiel vordergründig um Geld, Profit, Macht und Ansehen geht, werden die Protagonisten immer in – es mag pathetisch klingen – ihrer Menschlichkeit gezeigt. Und so werden Entscheidungsqualen, Leidensdruck und Überforderung in einem sich zusehends verselbständigenden System nachvollziehbar.

Stolze Ignoranten

Das alles geschieht nicht ohne Witz. Als Running Gag zieht sich etwa die grimmige Erkenntnis durch, dass, je höher es in der Hierarchie hinaufgeht, die Entscheidungsträger immer weniger von dem verstehen, was gerade passiert. Das Fatale dabei ist, dass man auch noch stolz auf die eigene Ignoranz ist. „Sprechen Sie mit mir, als wär ich ein Kleinkind oder ein Golden Retriever“, fordert etwa CEO John Tuld (verkörpert von Jeremy Irons) den cleveren Zahlenschieber Sullivan auf. Dramaturgisch nicht schlecht gelöst, da der Zuschauer so zum vierten Mal die Basics, die Wurzel allen Übels serviert bekommt.

Hat der Zuseher nun endlich diesen Einblick, nimmt der Thriller, der mit einem verhältnismäßig kleinen Budget von 3,3 Millionen Dollar hergestellt wurde, nochmal Fahrt auf. Denn jetzt wird das Problem gelöst. Oder, wie Tuld eingängig erklärt: Um Erfolg zu haben, muss man schneller und schlauer als die Konkurrenz sein. Oder ordentlich bescheißen.

Zocken bis zum Ende heißt die Devise. Erhobenen Hauptes und offenen Auges geht es somit in Richtung Untergang und in eine Weltmarktkrise, an deren Folgen die Welt drei Jahre danach noch zu knabbern hat. „Der große Crash“ zeigt dazu die Innenansicht und die Anatomie der Ereignisse. Er tut es vielschichtig, überraschend neutral und ohne Sentimentalitäten.

– Manfred Gram, Robert Winter

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