Making of Conchita Wurst: Wer sie machte, wie sie wirklich tickt

Making of Conchita Wurst: Wer sie machte, wie sie wirklich tickt

"Ja, du hast gewonnen." Diesen Satz musste René Berto seinem in diesem Moment ­hyperventilierendem Schützling immer wieder sagen, ehe er mit starker Hand und strengem Blick Richtung Kameras Conchita Wurst nach der Verkündigung ihres Sieges zurück auf die Kopenhagener Bühne führte.

Dort sang sie noch einmal unter Goldregen jenen Titel, mit dem sie Minuten zuvor den Eurovision Song Contest 2014 gewonnen hatte. Mit dem melodramatischen „Rise like a Phoenix“ hat sich die bärtige Lady als „Queen of Austria“ in die Herzen der Europäer gesungen und das scheinbar Unvorstellbare geschafft: 48 Jahre nach Udo Jürgens’ „Merci Chérie“ hat sie zum zweiten Mal den Eurovision Song Contest für Österreich gewonnen. Der Erfolg ist, abseits von Frau Wursts fulminanter Stimme und souveräner Performance, das Ergebnis harter Arbeit und penibelster Planung. Das Mastermind dahinter heißt René Berto.

Wurst-Macher

"Jackpot! „Jackpot! Jackpot!", jubelt der zweifache Familienvater Berto wieder zurück in Wien, wo er sich nach ungezählten schlaflosen Nächten und Intensivarbeit als „Meister der Entschleunigung“ versucht. Wie schon in den Wochen davor sorgt er für einen genauen Tagesplan seiner prominenten Klientin. Als „Wurst-Macher“ will er dennoch nicht fungieren: „Frau Wurst hat sich selbst erfunden, ich bin nur der Stratege, der ihre Ziele umsetzt.“

In erster Linie ist Conchita Wurst die Erfindung von Tom Neuwirth, so der bürgerliche Name der Kunstfigur. Der wurde am 6. November 1988 in Gmunden geboren, wuchs im steirischen Bad Mitterndorf auf und hat sein weibliches Alter Ego bereits in Kindertagen auf dem Dachboden des Gasthauses seiner Eltern ausgelebt. 2006 trat der Modeschüler dann erstmals in der dritten Staffel von „Starmania“ vor die ORF-Kameras, wo er Zweiter hinter Nadine Beiler wurde.

Im Herbst 2011 präsentierte sich Tom Neuwirth dann erneut in der ORF-Talenteshow „Die große Chance“, diesmal allerdings mit großen Posen als Drama Queen Conchita Wurst. Und hier traf Neuwirth auf seinen künftigen Manager, René Berto. Der, wie er erzählt, sofort das Potenzial der bärtigen Kunstfigur sah – und in ihr die ideale Song-Contest-Starterin. „Ich habe mir den Erfolg schon damals visualisiert.“

Der ehemalige Wiener BWL-Student, mittlerweile 48 Jahre, begann seine Karriere als Promotor beim Festival „Wien ist andersrum“. Später machte er sich mit seiner Agentur Genie & Wahnsinn als Manager von Alf Poier einen Namen, den er seit 16 Jahren betreut und 2003 auch zum Eurovisionsspektakel nach Riga begleitete, wo der schräge Kabarettist Platz sechs für Österreich belegt. Ein Erfolg, den Berto mit Conchita Wurst toppen wollte: Beim ersten Versuch, im Vorentscheid 2012, scheiterte das Team knapp an den Trackshittaz. „Und das war gut so“, sagt Berto rückblickend, „wir waren damals noch nicht so weit.“ Unbeirrt hat er bereits in der ersten Woche nach dem Song Contest 2012 der ORF-Spitze ein neues Konzept für 2014 mit der Direktnominierung seiner Künstlerin vorgelegt. In ORF-Direktorin Kathrin Zechner fand er eine mutige Unterstützerin. Bei internationalen Musikproduzenten wurde dann nach dem idealen Songtitel gesucht, den man mit „Rise Like A Phoenix“ fand.

Queen of Disziplin

Nach minutiösem Medienplan begab man sich dann auf „Ochsentour“ von einer internationalen Eurovisions-Song-Contest-Fanbase zur nächsten. 20.000 Kilometer, Hunderte Interviews, jeder Auftritt wurde kritisch analysiert, jedes Interview nachbesprochen. „Ich habe in all meinen Branchenjahren noch nie einen Menschen kennengelernt, der privat so liebenswert und sozial ist und gleichzeitig von solch extremer Diszipliniertheit wie Tom Neuwirth“, streut Berto seinem Star Rosen. „Routine und ­Ritual“ war auch das Erfolgsrezept für zwölf anstrengende Tage in Kopenhagen, die man vor dem Song Contest „bis zu zehn Stunden täglich in der lauten Halle verbringt. Am Ende des Tages gewinnt, wer die Restenergie am besten nutzen kann“, so Berto.

Sein Motto „Think big, but act as small as possible“ will Berto auch im momentanen Trubel beibehalten. Auch wenn sich Interviewanfragen und Talkshowauftritte fast aller TV-Stationen Europas häufen, will er versuchen, „eine gewisse Normalität zu halten“. Was allerdings zunehmend schwierig wird: Gratulationen gibt es von Lady Gaga bis Elton John, erste Angebote von TV-Produzenten aus Los Angeles und der New Yorker Gay Pride Parade.

Das weltweite Interesse an der Kunstfigur, die auch politische Akzente gesetzt hat, kennt keine Grenzen. Die ORF-Berichterstattung rund um Conchita brachte dem ORF top Reichweiten, die Künstlerin war Gast bei „stern TV“ und Star der BBC-Show von Graham Norton. Am Samstag gibt sie nach einem Empfang im Kanzleramt ein Konzert für ihre Fans am Ballhausplatz, am 31. Mai wird sie beim Life Ball auftreten. Ansonsten sondiert Berto alle weiteren Angebote, auch der Plattenvertrag für das Debütalbum ist noch nicht unterzeichnet. Aktuell gibt es ja selbst den Siegersong nur als Download der ORF-Enterprise.

Rekord auf Twitter

PR-Stratege Wolfgang ­Rosam rät, den Hype möglichst schnell zu Geld zu machen: Er beziffert den momentanen Werbewert der Figur Conchita Wurst auf 100 Millionen Euro. Begründung: „Es gab eine weltweite Resonanz auf die Kunstfigur. Medien, Print, TV und Internet berichteten.“

Neben den über 11,5 Millionen YouTube-Klicks für das Siegerlied sprengte Wurst auch alle Twitter-Rekorde. Rosam rät daher, sich möglichst schnell „ein internationales Management zu suchen, denn die Figur hat Potenzial und gehört international vermarktet. Nicht nur weil der Song gut war, sondern auch weil Conchita Wurst eine tolle Stimme hat. Das sollte aber eben schnell passieren, ansonsten bleibt es ein Strohfeuer, und die Karawane zieht weiter.“

„Das Gras wächst auch nicht schneller wenn man daran zieht“, kontert Wurst-Manager Berto. Er sieht den Sieg beim Song Contest nur als Zwischenstufe auf dem Weg zum Weltstar: „Das Ziel für Conchita ist der Grammy und eine große Las-Vegas-Show. Darauf bin ich nun fokussiert. Ob für 100 Zuschauer oder für 100.000, die Arbeit dahinter ist für mich immer dieselbe.“

Das Gerangel um den Austragungsort des Eurovisions Song Contest 2015 kostet Berto nur ein Schmunzeln: „Wien wäre mir natürlich am liebsten, da können wir mit der Straßenbahn hinfahren.“ Ins Spiel haben sich bereits mehrere Standorte gebracht, von Wien über Klagenfurt bis Niederösterreich. Entscheiden wird der ORF, der auch mehr als die Hälfte der aktuell mit 25 Millionen Euro anberaumten Kosten tragen muss. Allerdings erst Ende des Sommers. Zuerst müsse, so ORF-Direktorin Kathrin Zechner „mit der EBU der Anforderungskatalog erarbeitet werden. Der wird dann als Matrix über die Angebote gelegt.“ Ab sofort gilt für alle, außer für Conchita Wurst: Nach dem Song Contest ist vor dem Song Contest.

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