Mafia-Bücher: Erfrischende Einblicke in die "Underground Economy" der Straße

Zwei neue Bücher geben Einblicke in die Welt der Mafia in den Armenvierteln von New York und Chicago. In dieser wenig glamourösen „Underground Economy“ verschwimmen die Grenzen zwischen Kriminalität und legaler Beschäftigung.

Der Markenartikel hieß „Obsession“. Das klang nach einer Parfummarke, doch es war Heroin, importiert von einem chinesischen Händlerring, fein säuberlich verpackt und mit einer kleinen Krone als Logo versehen. Eine straffe Struktur von Zwischenhändlern, ­Laborkräften, Managern und Dealern sorgte dafür, dass das Produkt in den späten Achtzigerjahren die Straßen der New Yorker Bronx beherrschte.

"Zufallsfamilie" Drogenkartell
An der Spitze des Unternehmens stand ein Puertoricaner, der sich Boy George nannte und durch die Deals bald so viel Bargeld hortete, dass er eigene Wohnungen dafür anmieten musste. Als sein Geschäft aufflog und er 1991 zu lebenslanger Haft ver­urteilt wurde, war er gerade 23 Jahre alt. Die Journalistin Adrian Nicole LeBlanc berichtete zunächst über die Gerichtsverhandlungen, doch sie begnügte sich nicht damit: Die folgenden zehn Jahre ihres Lebens verbrachte sie damit, die Geschichte von Boy George, noch mehr aber jene seiner Freundinnen und Vertrauten zu rekonstruieren und weiterzuverfolgen. Nicht nur die stringente Unternehmenskultur eines Drogenkartells hatte LeBlanc fasziniert – sie erkannte, wie sehr die Strukturen des Untergrunds in das Leben von unzähligen Menschen, insbesondere von Jugendlichen, eingreifen. Das Ergebnis ihrer brillanten Recherchen, die knapp 600 Seiten starke Reportage „Zufallsfamilie“, liegt nun in deutscher Übersetzung vor.

Komplizierte Halbweltstrukturen
Parallel dazu erschien eine ebenfalls im Reportagestil verfasste Studie des US-Soziologen Sudhir Venkatesh. Anders als der Untertitel „Was Gangs und Unternehmen gemeinsam haben“ suggeriert, ist das Buch „Underground Economy“ kein Wirtschaftsratgeber, sondern ein erfrischender Einblick in die Ökonomie der Straße. „Gangs und Mafia-Organisationen stehen im Mittelpunkt unserer Vorstellungen über den Untergrundhandel, doch die Realität ist viel komplizierter“, erklärt Venkatesh. „In städtischen Gegenden mit verschiedenen Ethnizitäten findet man nicht nur Gangs, sondern auch Netzwerke von Schneidern, Einbrechern und Spielern, Autodieben, Taxiservices und anderen ­Organisationen, die alle geheime Unternehmensstrukturen entwickelt haben. Im Kern basiert der Untergrundmarkt aber auf der Transaktion zwischen Individuen. Der Untergrund bietet viele Gelegenheiten, Geld zu verdienen, wenn Personen bereit sind, verschiedene Dienste anzubieten und viele Rollen zu spielen.“ Im Ghetto-Slang kennt man für diese Leute den Begriff „Hustler“. Die Grenze zwischen Kriminalität und legitimer Beschäftigung ist bei dieser Art von Arbeit kaum zu ziehen, erklärt Venkatesh.

Geschäftsbuch der Dealer-Gang
Die Erkenntnisse des Soziologen fußen auf jahrelangen Beobachtungen. Als Doktorand suchte Venkatesh zunächst die Gesellschaft von Crack-Dealern in einem Sozialwohnbau in Chicago – diese Forschungen, die er in „Underground Economy“ beschreibt, gipfelten darin, dass ihm ein Bandenmitglied das Geschäftsbuch der Gang aushändigte. So erfuhr Venkatesh etwa, dass auch hochrangige Dealer mit einem Jahreseinkommen von rund 30.000 Dollar auskommen mussten und sich mit mehr oder weniger legitimen Jobs Geld dazuverdienten. Populär wurden Venkateshs Studien durch die Kolumnenreihe „Freakonomics“ in der „New York Times“ und ein dar­aus hervorgegangenes Buch, auf dem nun auch „Underground Economy“ basiert. Ab 1995 weitete Venkatesh seine Er­kundun­gen aus: Er führte auch unzählige Gespräche mit Automechanikern, Straßenhändlern, Prostituierten und Zuhältern und widmete den „Hustlern“ abseits der Drogenökonomie ein weiteres Buch („Off the Books“). Sowohl Venkatesh als auch LeBlanc durchleuchten ein Phänomen, das Hollywood und die Musikindustrie in Helden­geschichten vermarktet. Das Rap-Genre kennt unzählige coole „Pimps“ und „Hustler“, im Film „American Gangster“ mimte Denzel Washington den Boss Frank Lucas, der in den 1970er-Jahren stets auch als Gönner und Beschützer seiner Gemeinde in Harlem auftrat. Boy George, der junge Drogenboss aus der Bronx, entsprach diesem Bild zu einem gewissen Grad. „Er hätte wohl lieber gehabt, dass ich eine Cowboy-Story über ihn geschrieben hätte“, sagt LeBlanc, die den Gangster oft im Gefängnis besuchte.

Finanzberater für den Drogenboss
Auf dem Höhepunkt seiner Karriere führte Boy George ein glamouröses Leben. Er besaß ein Anwesen auf dem Land, Yachten und Luxusautos, die er allesamt bar bezahlt hatte. Er engagierte einen Finanz­berater, kaufte Anteile an einer Wasserfilterungsfirma und überlegte, eine Fastfood-Kette zu gründen. Ein einziger Verkaufsstandort brachte dem Boss pro Tag bis zu 150.000 Dollar Umsatz. In Taxis verteilten Manager ihr „Obsession“-Heroin an die Dealer, andere Gangster standen Schmiere. Für LeBlanc hatten aber die unspektakulärsten Personen die spannendsten Geschichten zu erzählen: Da war Jessica, eine Frau, die zunächst in einem „Labor“ Heroin mit Streckungsmittel versetzte und bald zu Boy Georges Geliebter wurde. Und da war Coco, die Freundin von Jessicas Bruder, die sich mit Gelegenheitsjobs durchschlug – und immer wieder schwanger wurde, obwohl sie ihre Kinder nicht ernähren konnte. Die Gangster, die einst das große Drogenunternehmen aufzogen, sitzen heute im Gefängnis. Die Frauen, die in „Zufallsfamilie“ porträtiert werden, führen weiter ein Leben ohne Glamour. „Ich habe nicht mehr genug Kontakt mit ihnen, um genau zu wissen, wie die jetzige Wirtschaftskrise diese Leute trifft“, sagt LeBlanc. „Aber ich denke, sie haben so viel durchgemacht, dass sie die nächste Runde des Kampfes nicht mehr wirklich schockiert.“

Von Michael Huber

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