"Märkte" sind Menschen

"Märkte" sind Menschen

Für seinen Dokumentarfilm "“ ist es dem deutschen Filmemacher Marc Bauder gelungen, Rainer Voss, einen ehemals führenden deutschen Investmentbanker, zum Reden über die Branche zu bringen.

FORMAT: Sie haben selbst ein BWL-Studium absolviert und sich schon in Ihren bisherigen Filmen mit Wirtschaftssystemen beschäftigt. Was hat Sie jetzt zu einer Finanzwelt-Doku bewegt?

Marc Bauder: Wir leben in einem kapitalistischen System. Wenn ich also meine Welt verstehen möchte, muss ich mich auch mit der Wirtschaftswelt beschäftigen. Ich wollte herausfinden, wer sich eigentlich hinter dem ominösen Begriff "die Märkte“ verbirgt. Das sind Menschen. Und Menschen funktionieren nach gewissen Mechanismen. Diese haben mich interessiert. Der Film soll Mut machen zu hinterfragen, welche Botschaften da eigentlich transportiert werden. Uns wird ja heute die Kompetenz entzogen, bevor die Debatte anfängt. Das ist mittlerweile gesellschaftliche Tendenz.

"Master of the Universe“ ist nicht nur ein Film über Banken, vielmehr über Sprachlosigkeit, Arroganz und Werteverlust.

Bauder: Er beschreibt unsere Zeit. Die Finanzwelt hat das alles auf die Spitze getrieben. Wir sind durchökonomisiert und durchoptimiert. Ich habe früher Tetris gespielt. Die momentane Situation erinnert mich frappant daran: Die Steine fallen immer schneller, ohne dass wir Zeit haben, zu reflektieren.

Rainer Voss sagt über den Wandel des Berufsbildes: "Einst war der Banker an der Spitze der Nahrungskette, heute rangiert er knapp über dem Status des Kinderschänders …“

Bauder: Wir brauchen sichtlich gewisse Bilder für unsere Sicherheit. Anzüge strahlen Souveränität aus. Wir gehen zu einem Bankberater und glauben ihm, obwohl er Angestellter der Bank ist. Natürlich lässt man sich auch von der Architektur der Hochglanzgebäude schnell blenden.

Transparenz, die nur suggeriert wird?

Bauder: Auch Angela Merkels Raute strahlt Ruhe, Souveränität und Wissen aus. Das funktioniert wie in der Kirche. Faktum ist: 30 Prozent des Frankfurter Finanzzentrums stehen leer. Aber es wird weiter gebaut, immer noch höher. Wir sehen den Leerstand nicht, weil er hinter Glas verspiegelt ist. Man denkt, der Motor ist noch am Rollen. Absurd.

Auch Ihre Doku wurde in einem leerstehenden Bankenturm in Frankfurt gedreht.

Bauder: Das leerstehende Gebäude war ein Glücksfall. Damit konnte ich den Stillstand vermitteln, in dem sich die Gesellschaft derzeit befindet. Ich arbeite in meinen Filmen immer mit Architektur, weil sie Ausdruck einer Epoche sind. Als ich Rainer Voss kennenlernte, war mir klar, dass ich den Film nur so machen kann, mit ihm alleine im Zentrum der Finanzwelt und nicht irgendwo im privaten Rahmen. In der halbwegs neutralen Zone des Gebäues treffen sich so zwei Repräsentanten aus zwei Parallelwelten - der Zivilgesellschaft und der Finanzindustrie - um etwas zu begreifen.

Voss selbst stellt die Lernfähigkeit der Banken in Frage, meint: "Die Banken springen immer in den selben Abgrund“. Er macht aber auch noch einen zwiegespaltenen Eindruck, wie nach dem Austritt aus einer Sekte …

Bauder: Man muss ihm zugestehen, dass er weltweit einer der ersten Banker aus dem Inner Circle ist, der auch bereit ist, aus diesem Innersten zu berichten. Aber natürlich ist der Job wie ein Virus. Man ist infiziert. Diese Finanzwelt dockt wohl an einem gewissen Typus an. Wir alle sind wohl verführbarer, als wir das gerne hätten.

Was war für Sie selber im Zuge der Recherche das Erstaunlichste?

Bauder: Dass es noch mehr Rainer Vosse in der Finanzwelt gibt, die alle noch aktiv sind. Keiner von denen hat den Mut, sich zu äußern. Ich habe ja viele davon ohne Kamera getroffen. Für alle ist die Bank die Familie, aus der man verstoßen wird, wenn man den sicheren Hafen verlässt.

Angst vor dem finanziellen Verlust?

Bauder: Natürlich. Es geht aber nicht um das Thema Gier, sondern um den direkten Vergleich zu Menschen auf der gleichen Ebene. Man wohnt in ähnlichen Villen, macht zusammen Urlaub, fährt ähnliche Autos. Die Branche ist eng. Den Job, den Voss gemacht hat, gibt es 15 Mal in Deutschland und 50 Mal in Europa.

Was wollten Sie mit dem Film vorrangig?

Bauder: Sensibilisieren und wachrütteln! Wer den Film gesehen hat und bei der nächsten Krise sagt, er hat nichts gewusst, der hat ihn nicht verstanden.

"Master of the Universe“, ab 13.12.

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