Lehrstücke der Liebe: Sibylle Berg analysiert die Sehnsucht nach dem Glück zu zweit

Wenn die deutsche Autorin Sibylle Berg Beziehungen analysiert, dann mit scharfem Blick, Zynismus und viel Witz. Zu sehen bei der Uraufführung ihres Stücks „Nur Nachts“ im Akademietheater, nachzulesen in ihrem neuen Roman.

Wie stellt Sibylle Berg ­gerne fest? „Für einen Mainstream ist, was ich schreibe, zu kompliziert und ekelig, und um von den Literaturmenschen abgeschleckt zu werden, ist es zu verständlich. Schade!“ Gar nicht schade! Die seit langem in ­Zürich lebende Deutsche, Jahrgang 1962, die unter anderem als Clownschülerin und in einer Travestieshow arbeitete, bevor sie – nach eigener Aussage – das Gefühl hatte, endlich alt genug zu sein, um Schriftstel­le­rin zu werden, hat sich seither längst ihre verdiente Erfolgsnische geschaffen. In dieser Nische herrscht ein eigener, ganz unverwechselbarer Ton; ein scharfer Blick, Zynismus, gepaart mit Witz, und vernichtende Urteile, gepaart mit Mitgefühl, und dazu eine ungeheure Begabung für einprägsame Formulierungen. Diese Mischung ergibt seit jeher die eigenwillige, abgründige Berg-Melange, die schon längst niemand mehr – im negativen Sinn – als populär ­abtut. Das wäre auch blöd. Es nähme einem viel vom Vergnügen.

"Nur Nachts": Uraufführung in Wien
„Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ hieß der „Episodenroman“, mit dem Berg 1997, als sie sich als Kolumnistin schon eines Kultstatus erfreuen konnte, auch als Roman­autorin den Durchbruch schaffte. Da verzweifeln reihenweise Idioten der Therapiegesellschaft an der Suche nach der Liebe oder daran, „dass die Sache hinter dem blöden Wort so schwer ist“. Dass sie die Hölle auf Erden nicht nur im Roman, sondern auch fürs Theater akribisch zu beschreiben vermag, hat Sibylle Berg mittlerweile mehrfach bewiesen, wenngleich der Anspruch an Unterhaltung bei Bühnenstoffen noch größer sei, wie sie betont. Bereits 2002 war ihr Stück „Hund Frau Mann“ im Burg-Kasino zu sehen, eine komplizierte Paarbeziehung, aus der Sicht eines Hundes betrachtet.

Geister sabotieren den Neubeginn
In ihrem neuen Stück „Nur Nachts“ (Uraufführung: Akademietheater, Fr. 26. 2., 19.30 Uhr) lässt sie zwei abgeklärte Menschen einen romantischen Neuanfang riskieren: Peter und Petra lernen einander auf einer Stehparty kennen, beide um die 40, gepflegter Durchschnitt, vom Leben frustriert. Warum also nicht dem langweiligen Mittelstandsdasein endlich Adieu sagen und nochmal durchstarten? Es wäre aber kein Sibylle-Berg-Text, wenn das Glück nicht sabotiert würde, in diesem Fall von zwei diabolischen Geistern, die nachts alle nur möglichen Ängste mobilisieren, um den beiden die Lust auf ein neues Leben aus­zutreiben. Ein Lehrstück der Liebe? Lehrstücke stelle sie mit Vorliebe her, kommentiert das Berg und setzt sardonisch nach: „vor allem weil man die Lehren im Anschluss wieder vergessen kann. Ich zweifle nämlich an der Lernfähigkeit unserer Rasse, mich selber eingeschlossen.“ Dennoch zeigt sich die Autorin, die in der Schweiz gemeinsam mit Milena Moser und Anne Wieser auch eine Schreibschule leitet, hier erstaunlich milde, gönnt den Protag­onisten die Chance auf ein neues Leben und die Andeutung eines möglichen Glücks.

Der Mann schläft - und spendet Dauerglück
In ihrem aktuellen Roman „Der Mann schläft“ (Hanser, € 19,90) hat man es mit einer weiteren Facette des Wandelbar-Unvergleichlichen an dieser Autorin zu tun. Kein neuer Stil herrscht hier, eher ein neuer Stimmungston. Geschuldet ist er einer Haltung, deren Durchsetzung Sibylle Berg schon seit ein paar Jahren schreibend vorbereitet. „Es ist der Rückzug ins Familiäre, nach der Einsicht, dass man die Welt nicht retten kann“, sagt Berg. Man wagt es kaum zu sagen, auch in diesem Buch geht es um die Liebe, und zwar um die gelungene. Bisher nicht gerade Bergs Leibthema. Sehnsucht wohl und Suche, aber Gelingen – nein! Nun, hier schon, auch wenn der Mann, der ihre des Geselligseins und der Kurzzeitaffären mit jüngeren Männern überdrüssige, langsam dem Älterwerden anheim­fallende Heldin im fortgeschrittenen, fünften Lebensjahrzehnt in ein wohliges, kuscheliges Dauerglück versetzt, kaum dem entspricht, „was man gemeinhin als Kleinod bezeichnete“.

Eine stabile, wärmende Liebe
„Er war nicht auffallend schön oder reich, kein guter Redner oder charmant auf eine Art, die ihm Bewunderung einbrachte. Außer dass er mir das Gefühl gab, ich sei liebenswert, tat er sich in keinem Bereich mit Glanzleistungen hervor.“ Das allerdings ist nicht nichts. So lehrt Sibylle Berg, und beschreibt auf liebevollste Weise eine stabil, ruhig und wärmend glosende Liebe zu einem Mann, den ihre Heldin nur „der Mann“ nennt, „damit er nicht verschwinden würde, da sich doch meist ­alles, dem man einen Namen gibt, entfernt“. Die Heldin wundert sich selbst am meisten über die Bedingungslosigkeit, mit der sie ihrer neuen, bärigen Liebe zugetan ist. Nicht dass sie deswegen verblödete, nicht dass sie deswegen ihren strengen Blick auf die Welt verlöre. Wie üblich bei Sibylle Berg kriegen wieder einige ordentlich ihr Fett ab: die Marathonläufer zum Beispiel oder die allzu früh erwachsenen chinesi­schen Kinder („erstaunliche kleine Arschlöcher“), die, die ihre Kinder Freia nennen, die, die Brasilplatten hören oder ständig ­herumreisen.

Der Trost kommt im Suff
Diese Lamenti sind, man muss es zugeben, bösartig, und doch liest man sie gern und mit Bereicherung. Doch dazwischen dominieren die leisen Töne, dort, wo Berg sich der Anstrengung unterzieht, „eine Liebe zu schildern, die ­ruhig und still verlief, die freundschaftlich war und eine gewisse Niedlichkeit ausstrahlte“. Umso grausamer, dass die Heldin ihres Geliebten nach vier Jahren verlustig geht. Er verschwindet spurlos während ­einer Urlaubsreise auf eine Insel vor der Küste von Hongkong. Zurück bleibt eine Fassungslose, die nicht zurückfindet zu sich, geschweige denn ihrem Leben. Skurrile Figuren tauchen auf, manches kippt ins Halluzinatorische, ein kleines chinesisches Mädchen und ihr Großvater, ein Masseur, spielen eine Rolle, und schließlich findet die Frau nur mehr an einem Ort Trost: im Suff. Das würde man nicht unbedingt als Happy End bezeichnen. Aber es ist durchaus eine Erleichterung.

Julia Kospach, Michaela Knapp

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