Lausch-Angriff: FORMAT untersucht das Geschäft mit der Literatur zum Hören

Der Hörbuch-Markt boomt. Das Geschäft mit der Literatur zum Hören ist eines der großen Wachstums- & Hoffnungssegmente der Buchbranche. Zur Einstimmung ein Best-of neuer Hörbücher.

Es gibt eine weitere Rekordliste, die von den Abenteuern des berühmtesten englischen Zauberlehrlings angeführt wird: „Der Bestseller unter den Hörbüchern ist unbestritten Harry Potter, gelesen von Rufus Beck. Mit 3,2 Millionen verkauften Exemplaren haben diese Lesungen eine nicht leicht zu wiederholende Höchstmarke gesetzt“, sagt Ines Hansla vom Münchner Hörverlag, in dessen Programm die Potter-CDs erscheinen. Und nicht nur das. „Die Potter-Audiobooks haben auch entscheidend zur Entstehung und zum Wachstum des Hörbuchmarkts, wie er heute besteht, beigetragen“, glaubt Hansla. „Wir haben von null einen nachhaltigen Markt geschaffen“, bestätigt Claudia Baumhöver, Geschäftsführerin des Hörverlags, der im deutschsprachigen Raum die Marktführerschaft für Hörbücher hält.

Aus der Nische zum Wirtschaftsfaktor
In den letzten eineinhalb Jahrzehnten hat sich das Hörbuch im deutschsprachigen Raum von der Nischenexistenz zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor des Buchmarkts mit viel Ausbaupotenzial entwickelt. Über Jahre waren die Wachstumsraten zweistellig, inzwischen ist das Feld im Begriff, sich zu kon­solidieren. Die Spreu trennt sich vom Weizen. Es kommt zu Fusionen und Ausstiegen, aber das Wachstum bleibt, und die Palette des Angebotenen differenziert sich zusehends. Der Umsatzanteil des Audiobooks am Gesamtbuchmarkt liegt inzwischen bei 4,8 Prozent. 4 Millionen Menschen haben 2008 ein Hörbuch gekauft, insgesamt gingen 13 Millionen Stück über die Ladentische. Allein zwischen dem Vergleichszeitraum Jänner bis September 2008 und demselben Zeitraum 2009 stieg der Umsatz bei Hörbüchern um 5,6 Prozent. „Hinter den USA und Großbritannien ist der deutschsprachige Raum inzwischen der drittgrößte Markt für Hörbücher“, sagt Simone Mühlhauser, Sprecherin des Arbeitskreises Hörbuchverlag beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels.

Für lange Autofahrten und Laufrunden
200 Verlage rittern um Hör-Publikum, dazu kommen noch bis zu 300 Kleinstlabels. 2.500 neue Hörbücher erscheinen jährlich, rund 20.000 sind schon auf dem Markt. Benedikt Föger, Chef des Wiener Czernin Verlags und Vorsitzender der österreichischen Verleger, sagt: „Vor allem für kleinere und mittlere Verlage sind Hörbücher und der Verkauf von Lizenzen eine gute Möglichkeit, weitere Geschäftsfelder zu erschließen und neue Käuferschichten zu erreichen.“ Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse im Oktober, so Föger, seien vor allem auf dem Hörbuchsektor die Geschäfte gut gelaufen und die Zahl der Aussteller in diesem Bereich stark gewachsen. Gewaltig im Wachsen begriffen sind auch Hörbuch-Downloads – allein im ersten Halbjahr 2009 wurden in Deutschland 420.000 Hörbücher vom Internet auf PC heruntergeladen. Das ist laut dem Hightech-Verband BITKOM ein Plus von 31 Prozent. „Mit dem Breitband-Ausbau werden Hörbuch-Downloads für immer mehr Menschen attraktiv“, meint BITKOM-Vizepräsident Achim Berg. Ein ebenfalls neuer, von vielen Statistiken noch gar nicht erfasster Trend ist, dass neben Buchhandlungen besonders Tankstellen und Mediamärkte als Verkaufsstätten für Hörbücher immer relevanter werden. Denn gehört wird vor allem auf langen Autofahrten – ob zur Arbeit, in den Urlaub oder ins Wochenende. Parallelgehört wird auch beim Laufen, Abwaschen oder Kochen. Insofern erweist sich das Hörbuch als multitasking-geeigneter als das konventionelle Buch.

Am beliebtesten sind Krimis
Was wird gehört? Der Löwenanteil – über 43 Prozent – entfällt auf Belletristik, insbesondere Krimis, gefolgt von Kinder- und Jugendaudiobooks (30,3 %) sowie Sachbüchern und Ratgebern mit 12,6 Prozent. „Noch bis vor zwei Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass parallel auch gleich Hörbücher zu so vielen Buchneuerscheinungen rauskommen, wie das mittlerweile der Fall ist“, sagt Ulla Harms, die in Österreich unter anderem den Hörverlag vertritt. Viele Titel erscheinen inzwischen völlig selbstverständlich in doppelter Version: als Buch und Hörbuch. Genauso wie Buch- leben auch Hörbuchverlage von Bestsellern. „Rund 13 Prozent unseres Programms ziehen den Rest mit durch“, meint Hörverlag-Chefin Baumhöver. Da kann dann auch ein kleineres Label wie Tacheles/Roof Music innerhalb kürzester Zeit Umsatzsteigerungen von 300 Prozent erzielen – in diesem Fall mit dem gigantischen Erfolg von Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“, der auch als Silberscheibe sowohl 2007 als auch 2008 als einsame Spitze die Hörbuch-Verkaufscharts anführte. Noch vor Harry Potter! Und das will bekanntlich etwas heißen.

Aufwändige Produktionen
Für die kleinen Fische im Hörbuch-Teich ist es nicht ganz leicht, weil die Herstellung von Audiobooks ziemlich ins Geld gehen kann. Qualitätsproduktionen mit guten Sprechern, guter Klangqualität und Ausstattung kosten schnell ein paar Zehntausend Euro, Riesenproduktionen wie Karl Mays „Orient-Zyklus“ gleich ein paar Hunderttausend. Nicht zuletzt deswegen sind große Produktionen häufig Kooperationen zwischen Verlagen und Rundfunkanstalten. Andere verlangen nach aufwendiger Vor­arbeit, z. B. die brandneue Großedition ­„Lyrikstimmen“, die 122 der wichtigsten deutschsprachigen Dichter der letzten hundert Jahre – von Hugo von Hofmannsthal und Gottfried Benn über Ingeborg Bachmann bis Robert Gernhardt und Ilse Aichinger – in Originalaufnahmen auf neun CDs bannt. Mehr als fünf Jahre dauerte die Zusammenstellung und Rechteklärung für dieses ehrgeizige Projekt. Schauspieler verdingen sich inzwischen in großem Stil als Hörbuchsprecher: Otto Sander zum Beispiel oder Harry Rowohlt und Rufus Beck. Ein Stimmen-Star wie „Potter“-Vorleser Beck kassiert zwischen 700 und 1.000 Euro Gage pro Tag. Das fällt ins Gewicht, ist aber für große Stars als Motiv nicht allein ausschlaggebend. Einer wie der deutsche Schauspieler Hanns Zischler („Sagen des klassischen Altertums“, siehe Best-of neuer Hörbücher ), der 2009 mit dem Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste ausgezeichnet wurde, weil er in seinen Audiobooks „das Zuhören gelehrt“ habe, bezeichnet sich selbst als „Vorleser aus Pas­sion“. Kein Zweifel: Vorlesen und Zuhören haben Konjunktur. Nicht umsonst pflegt der Hörbuchmarkt das Motto „Wer nicht lesen will, darf hören!“. Und das tun immer mehr Menschen.

Julia Kospach

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