„Lass es sein!“ Autorin und Holocaust-
Überlebende Ruth ­Klüger im Interview

Die Autorin und Holocaust-Überlebende Ruth ­Klüger über ihre Erinnerungsbücher, ihre Heimatstadt Wien und die Frage, warum eine Frau nur ­einmal im Leben handgreiflich werden sollte.

FORMAT: „Mit dem Älterwerden weichen auch die Gespenster zurück“, schreiben Sie. Gilt das auch für Ihre Heimatstadt Wien, aus der Sie 1942 deportiert wurden?
Klüger: Es gibt für mich zweierlei Wien. Seit 1992 meine Kindheitserinnerungen „weiter leben“ erschienen sind, habe ich eine neue Beziehung zu dieser Stadt. Ich habe andere Menschen kennen gelernt und mich ins Kulturleben eingefädelt. Das hat allerdings mein Verhältnis zum Wien der Gespenster, an das ich mich erinnere, nicht verändert.
FORMAT: Warum heißt Ihr neues Buch „unterwegs verloren“?
Klüger: Das ist eine Stelle aus einem Gedicht von Herta Müller: „einmal ging ich unterwegs verloren / einmal kam ich an wo ich nicht war“. Diese Schwankung, dass man gleichzeitig da und nicht da ist, gefällt mir sehr. Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir Menschen uns vorstellen können, was nicht ist oder hätte sein können.

Als 12-Jährige ins KZ
FORMAT: In „weiter leben“ hadern Sie damit, dass Ihre Mutter Sie nicht mit einem Kindertransport aus Wien weggeschickt hat und Sie deswegen als 12-Jährige ins KZ mussten.
Klüger: Es wäre vernünftiger gewesen, mich wegzuschicken, aber das konnte man schlecht vorhersehen. Dass sich eine Mutter nicht von ihrem Kind trennen lassen wollte, sehe ich ein. Aber ihr da Vorwürfe zu machen? Nein. Was ich als Vereinnahmung empfand, war, dass sie mich wirklich nicht leben ließ. Sie hat so viel missverstanden, weil sie paranoid war.
FORMAT: Die Paranoia Ihrer Mutter hat Ihnen bei der Selektion in Auschwitz das Leben gerettet. Sie hat Sie überredet, sich ein zweites Mal anzustellen und sich älter zu machen, um nicht gleich ins Gas geschickt zu werden.
Klüger: Ihr Verfolgungswahn hat sich dort bewährt. Als viele Menschen noch gesagt haben „So was gibt’s nicht!“, war sie plötzlich die Vernünftigste. Die Verfolgung war so groß, dass sie die individuelle Paranoia sozusagen überholt hat.

Zweierlei Formen der Diskriminierung
FORMAT: Sie sprechen immer wieder von der Diskriminierung gegen Juden und Frauen in einem Atemzug. Lässt sich das wirklich vergleichen?
Klüger: Der Einwand ist natürlich immer, dass sehr viel mehr Gewalttaten gegen Minderheiten, ob Juden oder Schwarze, verübt werden und wurden als gegen Frauen. Das sollte man sich gut überlegen. Denn es gibt ja den Riesenskandal des Sklavenhandels in unserer modernen Gesellschaft. Der betrifft vor allem Frauen. Die Möglichkeit eines solchen Handels beruht auf der Verachtung von Frauen. Kleine Beleidigungen führen zu größeren Übeln.
FORMAT: Sie haben einmal einem Mann, der Ihnen Antisemitismus unterstellt hat, ein Glas Wein ins Gesicht geschüttet.
Klüger: Diese Szene im neuen Buch mögen sogar die Männer.

Zerwürfnis mit Walser
FORMAT: Eine Frau, schreiben Sie weiter, könne sich so etwas nur einmal im Leben erlauben, weil sie sonst als „Flintenweib“ nicht mehr ernst genommen wird.
Klüger: Ja, da mache ich noch immer ein Zugeständnis an die Gesellschaftssitten. Ich will ja auch gar nicht aus der Gesellschaft austreten – außer eben im Ausnahmefall.
FORMAT: Sie schreiben auch über das Ende Ihrer Freundschaft mit Martin Walser, dessen Buch „Tod eines Kritikers“ Sie 2002 in einem offenen Brief als antisemitisch und verlogen bezeichnet haben.
Klüger: Ich weiß nicht, wo dieses Buch herkommt. Ich bin nur ganz überzeugt davon, dass es das ist, wofür ich es halte. Ich mochte Martin Walser halt so. Er ist so ein netter Kerl. Liebenswürdig und großzügig. Es war mir wichtig, zu zeigen, dass ich viel Positives über ihn als Mensch zu sagen habe.
FORMAT: Wie hat Walser auf Ihr Urteil reagiert?
Klüger: Ich habe nie wieder von ihm gehört. Werde ich auch nicht. Wir sind beide beleidigt. Das ist aus.

"Meine Ehe war der größte Fehler"
FORMAT: Auch Ihre Ehe und die Beziehung zu Ihren Söhnen beschreiben Sie als Scheitern.
Klüger: Meine Ehe war der größte Fehler meines Erwachsenenlebens – außer dass man dann die Kinder hat. Über Kinder sagt man nie, dass sie ein Fehler waren, auch wenn man sich über sie beschwert.
FORMAT: Obwohl Sie auch festhalten, dass Sie sich die Liebe zu den Kindern abgewöhnt haben.
Klüger: Das ist eine bewusst betriebene Art, sich zu sagen, dass man sich von den erwachsenen Kindern trennen muss. Man muss es aufgeben, fortwährend nach Gründen zu suchen. Lass es sein!
FORMAT: Können Sie es sein lassen?
Klüger: Ich versuche es.

Interview: Julia Kospach

Zur Person: Ruth Klüger, geboren 1931 in Wien, gilt seit dem Erscheinen des ersten Bands ihrer Autobiografie „weiter leben“ als eine der zentralen Stimmen der Holocaust-Erinnerungsliteratur. Sie überlebte mehrere KZs und emigrierte 1947 in die USA, wo sie als Literaturwissenschaftlerin lehrte. Sie lebt in Kalifornien. Gerade erschien Teil zwei ihrer Erinnerungen „unterwegs verloren“.
Im Rahmen der Aktion „Eine Stadt. Ein Buch“ wird Klügers „weiter leben“ ab 19. 11. in Wien verteilt.

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