"Lässliche Todsünden": Eva Menasse schickt ihre Figuren in komische kleine Vorhöllen

Die in Berlin lebende Wiener Autorin und Publizistin Eva Menasse hält die Eröffnungsrede zur „Buch Wien 09“. Gerade ist auch Menasses neuer Band „Lässliche Todsünden“ erschienen.

Jedes dieser Worte, findet Eva ­Menasse, sei „wie ein Hammerschlag“: Zorn, Neid, Hochmut, Wollust, Trägheit, Habgier, Gefräßigkeit. Der katholische Katechismus und sein Konzept der sieben Todsünden, die angeblich schlimmer sind als alles andere, was sich ein Mensch zuschulden kommen lassen kann, regten Menasse zu ihrem neuen Erzählband „Lässliche Todsünden“ an. Nur, was ist in dem Buch der 39-jähri­gen Wienerin aus den kardinalen Ver­fehlungen des Katholizismus geworden? Nicht gegen Gott wird bei Menasse gesündigt, sondern gegen den anderen Menschen. „Es geht um die Konflikte zwischen Menschen, um das, was zwischen ihnen nicht glückt, aus dem Ruder läuft, was entgleist, zu Hass, Streit und Trennung führt“, sagt Eva Menasse.

Lebensglückbehinderungsstrukturen
Und es geht darum, wie es sich viele in komischen kleinen Vorhöllen einrichten, die jedem Außenstehenden absurd scheinen und ihnen selbst doch sehr gemäß sind. Aufwendig basteln sie sich über Jahre Lebensglückbehinderungsstrukturen, die sich aus Prägung, Erziehung und Umständen zusammensetzen. Heraus kommt eine bewegungshemmende zweite Haut, die als willkommene Ausrede und als Existenzberechtigung dient. Dabei streifen Menasses Figuren – das ist das Wunderbare an ihren sieben Erzählungen – die jeweilige Todsünde, mit der ihre Geschichte überschrieben ist, oft nur ganz am Rande. Habgier oder Wollust, Neid oder Trägheit tauchen eher unter ferner liefen auf, spielen symbolische Rollen, die dem Geschichten­reigen zusätzlichen Zusammenhalt geben. Statt Reigen könnte man natürlich auch Versuchsanordnung sagen: Denn hier wird vor allem auch untersucht, wie Menschen einander beschneiden und einschränken, unglücklich machen und verletzen.

Der Neid der Ex, der Zorn der Mutter
Cajou, der freundliche Aristokrat, der (in „Hochmut“) dem Gefüge seiner Herkunft nicht entkommt, ebenso wie die aufbrausende Ehefrau und Mutter mit barockem Wochenendhaus am Neusiedler See „kurz vor der Marktuntauglichkeit, auf schreiend ungeschickter Suche nach einem Abenteuer“ (in „Zorn“) oder die geschiedene Ehefrau, die sich noch anlässlich des Todes des gemeinsamen Sohnes an ihrem Exmann mit der Organisation einer Gegen-Trauerfeier rächt (in „Neid“). Da ist auch der Lokalbesitzer Rument aus der Erzählung „Wollust“, den am Sonntagmorgen beim Kaffeekochen nach Langem wieder heftige Lust auf Sex mit seiner Frau Joana überkommt. Doch Ruments und Joanas Ehe gleicht der Beziehung zwischen Pfleger und Patientin – neben Scheidenpilz, Blasenkatarrh, Allergieschub und Hyperempfindlichkeit bleibt kaum Platz für Geschlechtliches. Kurz nur unternimmt Rument den trotzigen Versuch, „alles … wegzublenden, so als wäre er nicht er und Joana nicht Joana mit all ihren Geschichten, als wäre er einfach nur irgendein Mann, der sich am Sonntagmorgen ganz selbstverständlich in seiner Frau versenken wollte“. Er scheitert kläglich, doch im gewohnten, eingespielten Muster, das sein Leben durchaus auch stabil gestaltet.

Spezialistin des genauen Blicks
„Die Idee war, das Netz zu zeigen, in dem die Figuren zappeln, in dem wir alle zappeln“, sagt Eva Menasse. Sie ist eine Spezialistin des genauen Blicks. Schon in ihren publizistischen Anfängen – als junge Redakteurin des „profil“ – stand sie für eine Mischung aus hochelegantem, treffendem Stil und präzis recherchierter journalisti­scher Wissensvermittlung. Sie bekam die Themen, die als schwierig und komplex ­galten: Die Chefredaktion wusste, sie würde auch aus dem unzugänglichsten, sperrigsten Sujet einen interessanten Text machen. Bald war sie bekannt wie ihr ­Familienname – ihr Vater Hans war in den 1950er-Jahren ein gefeierter Fußballer, ihr Bruder Robert spielt seit über zwei Jahrzehnten als Schriftsteller und Essayist eine wesentliche Rolle im deutschsprachi­gen Literatur- und Politikkommentar-Geschehen. 2005 veröffentlichte auch Eva Menasse, die damals schon nach Berlin übersiedelt war, seit Jahren als Feuilletonistin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schrieb und in ihrem ersten Buch „Der Holocaust vor Gericht“ (2000) über ihre Wochen als Berichterstatterin vom Prozess gegen den Holocaust-Leugner David Irving aus London berichtet hatte, ihren ersten Roman. Er hieß „Vienna“ und erzählte von einer Wiener Familie, die starke Ähnlichkeiten mit jener der Autorin besitzt. Ordentlich mit Vorfeld-Erwartungen befrachtet und in der „FAZ“ vorabgedruckt, erhielt der Roman in Deutschland ziemlich einhellig hymnische Kritiken. Die „Zeit“ nannte ihn einen „mit allen Wassern des Wienerischen, des Kaffeehausmilieus und Kaffeehausgeplauders gewaschenen Roman“, der „schier aus den Buchdeckeln platzt vor Schmäh und Pointen, vor Jargons und Redensarten“.

"Werde über Österreich nachdenken"
Menasse trat damit souverän in die Fußstapfen von Torbergs „Tante Jolesch“, und erzählte wie beiläufig auch vom teilverschütteten jüdischen Erbe der Familie, vom allgemeinen Spieltrieb, von skurrilen Onkeln und Tanten, von England und Wien. Schön war das und heiter, voller Charme und flirrender Leichtigkeit und dabei ebenso genau beobachtet, wie es nun
die sieben Erzählungen ihres neuen Buchs sind, in denen das Unglück die Hauptrolle spielt und Menasses Blick ein weitaus entlarvender ist. Wieder steht Wien im Zentrum und das Milieu des intellektuellen Bürgertums. Hier kennt sich Eva Menasse aus – gerade auch aus der Entfernung ihres Berliner Lebens, das sie mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Michael Kumpfmüller, und den gemeinsamen Kindern teilt. Am 11. November hält Eva Menasse die Eröffnungsrede der „Buch Wien 09“. Ihr Auftritt, sagt sie, werde eine „Meditation oder auch Selbstanalyse“: „Ich werde über mich und Österreich nachdenken, was das Österreichische ist, warum es manchmal so schwierig damit ist, wie viel ich davon – noch – habe, ob man es je loswerden kann und wie viel ich davon eventuell mögen kann.“ Mit einem Wort: die Essenz dessen, was Eva Menasse in den letzten Jahren über Österreich – und vor allem auch über Wien – geschrieben hat. Und das war sehr, sehr viel.

Von Julia Kospach

„Buch Wien 09“: 9. bis 15. November
Die „Buch Wien“ geht in ihr zweites Jahr; wie gehabt in Doppelfunktion als internationale Buchmesse (12.–15. Nov., Messe Wien, Halle D) und Lesefestwoche (9.–15. Nov.). Eröffnungsrednerin ist heuer die Schriftstellerin Eva Menasse (11. 11., 19 Uhr). 400 Verlage stellen aus und organisieren rund 190 Veranstaltungen. Dazu kommt eine Vielzahl von Lesungen, Podi­umsdiskussionen, Buchpräsentationen und Publikumsgesprächen an den verschiedensten Veranstaltungsorten in der ganzen Stadt. Erika Pluhar erhält den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels, und der US-Psychiater und Bestsellerautor Irvin D. Yalom kommt zur Präsentation seines Buchs „Und Nietzsche weinte“ im Rahmen der Gratisbuchaktion „Eine Stadt. Ein Buch“. Info: www.buchwien.at , www.lesefestwoche.at

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