Kunstbiennale-Vertreter Markus Schinwald im FORMAT-Gespräch

Der Salzburger Markus Schinwald vertritt Österreich bei der Biennale in Venedig. FORMAT besuchte ihn vor der Abreise.

Entspannt und gut gelaunt kredenzt Markus Schinwald in seinem lichtdurchfluteten Atelier im zweiten Wiener Bezirk Kaffee. Er hat es erst kürzlich bezogen und ist noch mitten im Fertigstellen, wie er betont. Die Vorbereitungen für Venedig hätten doch deutlich mehr Zeit in Anspruch genommen, als er gedacht hätte. „Eine schöne Aufgabe“, einzig das „unter der Fahne stehen“ sei ihm etwas unsympathisch. „Ich bin kein Skispringer, der für Österreich antritt, ein ganzes Land vertreten, das kann keine Person leisten!“

Der Kampf mit dem Raum des Pavillons im Giardini Park, an dem sich schon Künstler wie Hans Schabus oder Herbert Brandl abgearbeitet haben, sei dennoch spannend. Der 38-jährige Salzburger hat sich dazu entschlossen, im Pavillon einen zweiten Grundriss einzuziehen. „Man muss sich das Ganze nun wie eine Art Labyrinth aus Aluminium vorstellen, eines, das von der Decke herabkommt und in Körpermitte stoppt“, erläutert er. „Wenn man sich verirrt, braucht man nur in die Knie zu gehen und ist frei.“

Metaphern wie „Raum für österreichischen Knier“ sind bei der schizophrenen Architektur durchaus mitgedacht, „Im Schritt ist nichts, beengend wird es erst im Kopf“, lässt Schinwald Bedeutungsspielraum von der Freud’schen Psychoanalyse bis zum Kampusch-Keller.

Im Labyrinth gibt es noch acht Ölbilder, und im Annex des Pavillons wird ein extra konzipierter Film gezeigt. Persönlich, so der Künstler, sei er sehr zufrieden mit seinem Projekt, wenngleich er nicht davon ausgehe, dass der Pavillon seine Karriere in höhere Sphären katapultieren wird.

Eine Karriere, die steil, aber keineswegs glatt verlaufen ist, „eher learning by doing, und erst nach Umwegen über Berlin und als MAK-Stipendiat in Los Angeles nach Wien geführt hat“. Der Sohn aus sehr liberalem Elternhaus hat eigentlich eine Mode-AHS besucht und später in Linz Kunst studiert. Immerhin war Mode in der bildenden Kunst der 90er-Jahre ein großes Thema und Schinwalds erstes Werk, „Jubelhemd“ (1997), ein Hemd mit verkehrt eingenähten Ärmeln, das nur ein Tragen mit hochgestreckten Armen zuließ.

Er wolle, so Schinwald, „nicht nur für einen kleinen Kreis von Eingeweihten arbeiten, sondern unterschiedlichste Zugänge bieten“. Dafür mixt er Techniken und Medien wie ein DJ, spielt mit popkulturellen Ansätzen, lässt sich von Regisseuren wie Kurosawa oder Terrence Malick inspirieren.

In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit der Kulturgeschichte, thematisiert Zwänge im Umgang mit dem menschlichen Körper und setzt auf feine Irritationen wie in von ihm nachbearbeiteten Gemälden aus dem 19. Jahrhundert: Da trägt eine Dame plötzlich eine Kinnprothese, und ein Herr hat eine Kette im Mund.

Auch in seinen aufwendigen Filmarbeiten über höchst theatralische Körperdressuren lotet er die Grenzen aus: Da verbiegen sich die – auch nach akrobatischem Können gecasteten – Darsteller zwischen Düsternis und Humor. Und er ist weiter auf der Suche nach neuen Medien: Demnächst etwa soll eine Platte auf den Markt kommen. Außerdem hat er begonnen, „Aquarien zu bauen“. Kunst für die Fische? „Ich habe festgestellt, dass Leute lieber in Aquarien schauen als einen faden Film verfolgen. Man weiß, bei beidem wird nichts passieren, dennoch ist man beim Aquarium-Schauen geduldiger.“

Eines der Aquarien wird bereits bei der Surrealismus-Schau in der Wiener Kunsthalle (22. 6.) gezeigt. Davor allerdings geht es für den erklärten Anzugträger zum Eröffnungsmarathon nach Venedig.

– Michaela Knapp

54. Biennale Venedig, 4. 6. bis 27. 11.
Die Hauptschau steht unter dem Motto „Illuminations“, Parallel dazu werden 89 Länder-Beiträge gezeigt. Kommissärin für den österreichischen Pavillon ist Eva Schlegel. Franz West erhält am 4. 6. den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. www.labiennale.at

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