Kunst als Anlageobjekt: Der Verkäufermarkt hat sich zu einem Käufermarkt gewandelt

Allen Unkenrufen zum Trotz erweist sich Kunst gerade jetzt als krisensichere Anlage. Kapital und Investoren sind vorhanden. Die Spekulanten haben sich verlaufen, Spitzenware gibt es zu soliden Preisen.

Die Kataloge waren dünn. Die Erwartungen niedrig. Die Freude dann umso größer, als am 3. Februar bei Sotheby’s London für Edgar Degas’ impressionistische Tänzerinnen-Skulptur ( siehe Bild ) der Hammer erst bei umgerechnet 14,82 Millio­nen Euro fiel. Auch im Konkurrenzhaus Christie’s hat man die erste Nagelprobe in Zeiten der Finanzkrise bestanden. Auch hier mit deutlich abgespecktem Angebot und – wenn auch wenigen – ­Ausfällen. Gut gingen ­Raritäten und marktfrische Spitzenware. „Immer noch besser, in Kunst zu inves­tieren, als das Geld einem Bernard Madoff zu geben“, posaunte Andy-Warhol-Sammler José Mugrabi bei Sotheby’s launig in den Raum. Und sprach aus, wonach viele Sammler derzeit handeln. Kapital ist weltweit nach wie vor sichtlich vorhanden.

Rekordinvestitionen passé
Der große Schock ist also bisher aus­geblieben, verschoben hat sich dennoch ­einiges am Kunstmarkt, seit jenem denkwürdigen Datum 15. September 2008, als in London parallel zur Sensationsauktion von Damien Hirst die Investmentbank Lehman Brothers pleiteging. Die Ekstase kühlt ab, die Spekulanten verlaufen sich. Besinnung auf Qualität scheint wieder angesagt. Dass der Rausch der letzten Jahre nicht ­anhalten werde, in dem enthusiasmierte Sammler locker überhöhte Summen zwischen zehn und 140 Millionen Dollar für Namen wie Jackson Pollock oder Gerhard Richter hinblätterten und weltweit Auktionatoren monatlich neue Rekorde vermelden konnten, war Händlern wie Investoren klar.

"Markt war schon zu heiß"
Erste Verluste haben sich bei den Global Players Christie’s und Sotheby’s schon Monate vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise gezeigt und waren teilweise auf das gestiegene Garantie­volumen zurückzuführen. Eine Praxis, von der man schleunigst abgegangen ist. Auch an einem globalen Kostenreduktions­pro­gramm wird in den Traditionshäusern gearbeitet. Christie’s verkündete einen Stellenabbau in allen 85 internationalen ­Büros, Konkurrent Sotheby’s hat den Personal­etat um sieben Millionen Dollar gekürzt. „Der Markt hat sich gerade in den vergangenen Jahren gegen die Schwerkraft der wirtschaftlichen Realitäten gestemmt, er war schon zu heiߓ, analysiert der inter­national agierende und in Wien ansässige Galerist Christian Meyer. „Exorbitant hohe Preise sind immer ein Vorwarnzeichen für eine Krise. Der Markt war bis vor kurzem ein Markt der Verkäufer, die hatten das Material und die Macht und haben die Preise diktiert. Nun ist der Verkäufermarkt zum Käufermarkt geworden.“

Nachfrage weiterhin gegeben
Das bestätigt auch Hans Otto Ressler von den Wiener Kunstauktionen im Kinsky: „Man sieht den internationalen Katalogen schon vom Umfang her an, dass derzeit das Hauptproblem darin besteht, Einbringer dahin zu bewegen, Dinge zur Auktion zu geben. Dass die Krise verstärkt zu Notverkäufen führen wird, hat sich nicht ­bewahrheitet.“ Ressler steht mit seinem Auktionshaus die erste Prüfung der Saison noch bevor: Sein Angebot bei der Auktion am 24. 2. kann sich sehen lassen. Über 160 Kunstwerke aller Sparten hat man zusammengestellt, für die man zwischen 5,8 und 9,8 Millionen Euro erwartet. Ressler setzt auf Qualität, Verkäuflichkeit und niedriges Preisniveau. „Die Leute wollen Kunst kaufen, aber sie wollen auch das sichere Gefühl haben, günstig zu kaufen, vielleicht auch, um auf etwaige Schwankungen der Preise vorbereitet zu sein.“ Nach der Oktoberauktion, so der Experte, hätte er die Liste der nicht verkauften Exponate erneut angeboten und einen hohen Prozentsatz im Nachhinein verkauft. Die ­wirklichen Sammler seien also unverändert engagiert.

Gute Kunst wird nie zum Altpapier
Auch Martin Böhm, Chef des Wiener Dorothe­ums – hier starten die großen Auktionen erst im März –, befindet den Markt für stabiler als er­wartet. „Es ist nicht die Zeit der ­Rekorde, aber es werden immerhin solide Ergebnisse erzielt.“ Zu Recht, wie Böhm nachschickt, denn: „Ein gutes Bild bleibt immer ein gutes Bild und wird nicht, wie so mancher Anteilsschein, einfach zu Altpapier.“ Ein Teil des Portfolios wird daher nach seiner Expertenmeinung nun neben Immobilien weiter in Kunst inves­­tiert werden. „Gekauft werden Marktfrisches, hohe Qualität zu günstigen Ausgangspreisen und Künstler, die kunstgeschichtlich schon abgesichert sind, deren Kauf ergo mit geringem Risiko verbunden ist.“ Dass die Verkaufsraten im Zuge der ­Finanzkrise auch hierzulande schwächeln werden, darin sind sich die Experten einig. Ressler: Der Verkauf wird sich bei 45 bis 50 Prozent einpendeln, wobei die Zeit­genossen stärker betroffen sind.“ Jene Sparte also, die in den letzten Jahren die schnellste Wertsteigerung erlebt hat, leidet nun am meisten, was sich vor allem am internationalen Markt abzeichnet. Schrumpfte das Angebot bei Christie’s und Sotheby’s bei den Impressionisten und Modern Art um 30 Prozent, waren es bei Zeitgenössischem immerhin 60 Prozent.

Wien hinkt nach
„Durchtauchen“ ist das pragmati­sche Motto von Myriam Charim. Die Wiener Galeris­tin mit Schwerpunkt junge Kunst und Dependance in Berlin sieht die Situation hierzulande nicht so krass. „In Wien ist von einem Markteinbruch noch nicht viel zu bemerken, hier flogen die Preise aber nie so hoch. Wien hinkt ­traditionell immer hinten nach und hat nie parallel zum internationalen Markt funktioniert.“ In Österreich seien, so Charim, nicht die großen Spekulanten zuhause wie etwa in England. „Hier kaufen die Sammler eher nach Vorlieben und setzen auf heimische Künstler. Und jene Künstler der mittleren Generation wie Hubert Scheibl oder Erwin Bohatsch bleiben ohne Preis­einbruch, weil sie nie solche Preisspitzen wie ihre deutschen Kollegen Lüpertz oder Immendorff erreicht haben.“ Rund um ihre Berliner Dependance allerdings, so Charim weiter, ist Tristeres zu beobachten: „Kollegen haben Personal ent­lassen, Spesen wurden run­tergefahren, um die kommenden zwei bis drei Jahre zu überleben.“

Kunst oder Matratze?
Beklagenswert sei eher der Markt für die ganz junge Kunst, da ist eine komplette Käuferschicht weggebrochen, Die einst besten Kunden spüren die Krise am allermeisten. Nämlich jene jungen Sammler mit gutem Auge und Interesse, die großteils aus der Kategorie der neuen Selbständigen stammen, wie Werber, Grafiker oder Architek­ten. „Sie haben experimentell angelegt, haben das Programm mitgetragen. Da ist die Lust jetzt natürlich ein bisschen draußen. Auch die Unternehmer kaufen derzeit kaum teure Gemälde für ihre Vorstandsetage.“ „Ein herausragendes Bild wird mit etwas Plus oder Minus immer einen guten Preis er­zielen“, betont Karlheinz Essl. „Nur Ausreißer mit hohen Renditen sind immer mit hohem Risiko verbunden.“ Der Geschäftsmann und Sammler, der in seinem Museum in Klosterneuburg ab 19. 2. seine Ankäu­fe der Jahre 2007 bis 2008 präsentiert, rechnet zwar mit einem weiteren wirtschaftlichen Abschwung bis 2010, rät aber durchaus zu Investment in Kunst. „Ich kenne Leute, die trauen nicht einmal mehr den Banken und haben das Geld ­unter der Matratze. Das ist das Dümmste! Ich rate, bei verfügbarem Budget 10–20 Prozent in Kunst zu investieren, 1/3 in Immobilien, 1/3 in Anleihen und den Rest flüssig zu haben.

Für Bestpreise noch abwarten
„Das große Investment in den Kunstmarkt hat es in Österreich ohnehin nie gegeben“, betont Christian Meyer, der mit seinen Künstlern auf neue Gebiete setzt und demnächst eine große Franz-West-Schau in Mexiko präsentiert, zur Marktlage. Er sieht die Preisbegradigungen durchaus positiv. „Wir Galeristen denken ohnehin nicht in Speku­lationsgewinnen, sondern in Arbitragen.“ Zeit für Schnäppchenjäger also am Kunstmarkt? Geht es nach der Händlermeinung, gilt es für wahre Bestpreise noch abzuwarten. „Man muss jetzt aber schon genau hinschauen, Auktionskataloge sorgfältig studieren“, rät Meyer. „Vor allem am US-Markt werden demnächst die interessantesten Dinge auftauchen.“

Von Michaela Knapp

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