Krimiautor Henning Mankell über seinen wirklich allerletzten Wallander-Fall

Nach dem letzten Wallander-Krimi hat Henning Mankell auch noch einen allerletzten geschrieben. Nie zuvor hat man mehr über Kurt Wallander privat erfahren. Der Autor erklärt, warum.

Man kann Henning Mankell gewiss nicht vorwerfen, dass er sich Kurt Wallander nach seinem Ebenbild erschaffen hat. Im Gegenteil: Der südschwedische Kommissar, mit dem Mankell wie die Millionen Leser seiner Krimis nicht per Vor-, sondern ausschließlich per Nachnamen verkehrt – „für mich ist er Wallander“ –, ist seinem Erfinder nicht einmal besonders sympathisch: „Er hat eine Menge Charakterzüge, die ich so ganz und gar nicht mag. Die Art, wie er Frauen behandelt, zum Beispiel. Oder wie er mit sich selbst umgeht: Er isst schlecht, er trinkt zu viel, und er interessiert sich für meinen Geschmack zu wenig für Politik.“ Wäre da nicht die geteilte Liebe zur italienischen Oper und der Hang zur Vielarbeit, Mankell und der Held seiner Krimis hätten sich, träfen sie einander in der realen Welt, nicht allzu viel zu sagen.

Politisches Engagement als Triebfeder
Und trotzdem begleitet der eigenbrötlerische Provinzkommissar seinen weltgewandten und weit gereisten Schöpfer, der mindestens die Hälfte des Jahres in Mosambik verbringt, schon seit mehr als 20 Jahren. Im Mai 1989 hat Mankell ihn erfunden. Nach einem längeren Auslandsaufenthalt war er wieder einmal in seine Heimat Schweden zurückkehrt, wo der Rassismus gerade zu einem großen Problem zu werden begann. Mankell, politisch ­engagiert bis auf die Knochen, wollte sich des Themas in Form einer Kriminalgeschichte annehmen und brauchte eine Haupt­­figur: Kurt Wallander war geboren, das genaue Gegenteil eines hard-boiled hero. „Oder können Sie sich James Bond vorstellen, wie er kurz auf die Toilette geht, um sich eine Insulinspritze zu geben?“, fragt Mankell. Wallander aber tut das.

Karriere eines Antihelden
Trotzdem hat der Antiheld, der in vielem äußerst durchschnittlich ist, Weltkarriere gemacht. Allein im deutschsprachigen Raum haben mehr als 20 Millionen Menschen Mankells Wallander-Krimis gelesen. Die Zahl der TV-Wallanders hat bald das halbe Dutzend erreicht. Zuletzt verkörperte ihn der britische Schauspielstar Kenneth Branagh, der in Wallander „mit all seinen menschlichen Schwächen einen zutiefst menschlichen Detektiv“ sieht. An Wallander ist wirklich nichts Übermenschliches. Die Serie begann mit „Der Mörder ohne Gesicht“ und endete vor zehn Jahren mit Band 9, „Die Brandmauer“. Damals schickte Mankell seinen Wallander in den Ruhestand.

Der allerletzte Wallander
Vorläufig, wie wir nun wissen: Denn jetzt hat Mankell auch noch einen allerletzten Wallander-Krimi geschrieben, der am 30. April erscheint: Er heißt „Der Feind im Schatten“. Wollte Mankell mit Band 10 in die Fußstapfen der Eltern des Erfolgs­modells des gesellschaftskritischen Skandinavien-Krimis – der zehnteiligen Serie des Krimiautorenpaars Sjöwall/Wahlöö – ­treten? Zwar folgt Mankell der Tradition, aber der Grund für den zehnten Wallander war das nicht. Er, so der Autor, bekam einfach nur „plötzlich das Gefühl, dass noch etwas fehlte“. Er hatte noch keine Geschichte über Wallander selbst geschrieben. Der letzte Krimi sollte also nicht in Zusammenhang mit einem Fall von Wallander erzählen, sondern direkt über ihn.

Einblick in das Alter Ego
Daher gibt es in „Der Feind im Schatten“ so viel Einblick in Wallanders Leben, Denken, Lieben und Fürchten wie nie zuvor. Er wird plastischer dadurch, aber keineswegs ein anderer: Wie auch schon in Band 1 hat er immer noch Angst vorm Tod, und dass er die 60 überschritten hat, macht es nicht besser. Bitter konstatiert er: „Es gab keine Spielräume mehr.“ Sein Insulinspiegel hält ihn auf Trab, der ungeregelte Lebensstil eines inzwischen zurückgezogen auf einem Hof außerhalb Ystads lebenden Jung­gesellen macht es nicht leichter. Er hat in seinem Leben viele Tote gesehen. Doch da ist seine Tochter Linda, die ihm eines Tages mitteilt, dass sie schwanger ist. Der Kindesvater Hans von Enke ist ein Finanzhai aus bester Familie, an den Wallander sich mehr um seiner Tochter willen gewöhnt.

Spionageangelegenheiten im Kalten Krieg
Doch dann verschwindet Lindas Schwiegervater, ein pensionierter Vizeadmiral der schwedischen Marine, und kurze Zeit später auch noch ihre Schwiegermutter. Wallander, gerade Großvater geworden, nimmt sich Urlaub, um den Spuren der anderen Großeltern seiner Enkelin Klara zu folgen. Diese führen zurück in die Zeit des Kalten Kriegs, zu russischen U-Boot-Manövern in schwedischen Gewässern, zu Spionageangelegenheiten, DDR-Kontakten und einem Milieu, in dem der ermordete Sozialdemokrat Olof Palme für viele – bis heute – Feindbild Nummer eins ist. Bei seinen Ermittlungen bemerkt Wallander, wie wenig er von Politik versteht, wie wenig auch von der Zeitgeschichte seines eigenen Landes. Letzteres ist Mankells Lehre für seinen apolitischen Kommissar. „Ich wollte ihn einmal zwingen, sich mit seiner eigenen Zeit auseinanderzusetzen.“ Vor allem aber ist „Der Feind im Schatten“– wiewohl spannend wie alle anderen Mankell-Krimis – ein melancholisches Buch, ein langer Abschied von einem lieb gewordenen Helden.

Trostloses Schicksal
Nach Abschluss dieses letzten Falls hat Mankell ihm ein überraschend trostloses Schicksal zugedacht, das sich im Buch an mehreren Stellen bereits andeutet. Man hätte ihm ­etwas Angenehmeres gegönnt. Aber Mankell ist kein Freund romantischer Abschiede. Und sein Blick auf die Welt ist kritisch: „Zorn ist oft mein Motor. Wir leben in einer schrecklichen Welt. Das ist das Einzige, dessen wir uns wirklich sicher sein können, wenn wir in der Früh aufwachen.“ Er hat viele dieser Schrecklichkeiten in seinen Büchern beschrieben: nicht nur in den Krimis, auch in den Afrika-Romanen, in denen es um Krankheit, Ausbeutung und Not geht. Mankell hat viel Geld mit seinen Büchern verdient. Einen großen Teil davon investiert er in Hilfsprojekte in Afrika, wo er seit vielen Jahren in Mosambiks Hauptstadt Maputo ein Theater leitet. „Ich bin ein Kind der 68er-Generation. Ich halte noch immer an deren Solidaritätsgedanken als bestmöglichem politischem Prinzip fest. Daran werde ich glauben, bis ich sterbe.“

Julia Kospach

Ab 30. April im Buchhandel:
Der Feind im Schatten von Henning Mankell,
Zsolnay 2010, € 26,–

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