Kluges Fernsehen

Mit vielschichtigen Storys und komplexen Charakteren ist die Fernsehserie der Roman des 21. Jahrhunderts: Wer hierzulande vorn dabei sein will, muss allerdings zur DVD-Box greifen oder sich im Internet bedienen.

Kluges Fernsehen

Lange Zeit hatte alles, was aus dem US-Fernsehen über den Atlantik zu uns herüberschwappte, bei Intellektuellen hierzulande einen schweren Stand. Von "Bill Cosby“ bis zum "Prinz von Bel Air“ wurde man hier, untermalt vom immer gleichen Lacheinspieler, mit dem reaktionären Familienleben der wohlhabenden Oberschicht berieselt. Doch das hat sich geändert: Heute sitzen die einstigen Serienkritiker selbst gespannt vor dem Fernseher und nehmen sogar kriminell späte Sendezeiten in Kauf, um die neueste Folge von "Breaking Bad“ oder "Mad Men“ zu sehen.

Der Grund dafür ist so einfach wie überraschend: Das Fernsehen in den USA hat in den letzten zehn Jahren Qualität als neue Waffe im Kampf um die Quote entdeckt. TV-Serien sind wieder gesellschaftsfähig, werden zum Gesprächsstoff am Esstisch oder auf Partys. Angefangen hat diese erstaunliche Unterhaltungsrevolution im Jahr 1999 im US-Privatsender HBO. Schon nach der ersten Folge von "The Sopranos“ war klar, dass hier TV-Geschichte geschrieben wird. Erst nach acht Jahren und 86 Folgen wurde das Epos um den Boss einer italoamerikanischen Mafiafamilie zu Ende gebracht.

Das Fernsehen hatte die Serie als epische Erzählform entdeckt, deren Charaktere nicht mehr jede Woche völlig gleich über die Mattscheibe grinsten, sondern komplexe Entwicklungen in ausführlichen Handlungssträngen durchmachten. Die TV-Serie wurde damit zum Roman der Gegenwart.

Erfolgsrisiko

Herrscht aber in deutschsprachigen Fernsehanstalten derzeit noch die Angst der Programmmacher vor, dem Zuseher nur ja nicht zu viel zuzumuten, zeigen sich US-Stationen wie HBO oder AMC ausgesprochen experimentierfreudig: "Breaking Bad“, das in beklemmender Weise den Werdegang eines krebskranken Chemielehrers zum skrupellosen Drogenboss erzählt; "The Wire“, eine Polizeiserie, die den Niedergang der US-Stadt Baltimore und den ausweglos scheinenden Kampf gegen Drogenbanden beschreibt; oder auch "Mad Men“, ein im Grunde genommen ereignisloses Drama, das in der Werbebranche der 60er-Jahre spielt - sie alle zeigen, dass sich auch mit anspruchsvollem, ja teils sogar schwer verdaulichem Stoff erfolgreiches Fernsehen machen lässt.

Dabei könnten wir das doch auch: Im Herbst 2012 überraschte der ORF seine Zuseher mit David Schalkos TV-Serie "Braunschlag“, einer brachialen Provinzsatire. Das stellte eine willkommene Abwechslung zur übrigen Programmierung des ORF dar, dessen Eigenproduktionen bis dahin nur mehr belanglose Krimifadesse oder noch belanglosere Landidylle zu kennen schienen.

"Braunschlag“ war jedoch die Ausnahme. Die Serie läutete bislang jedenfalls noch keine neue Ära österreichischen Qualitätsfernsehens ein. Das kostet nämlich Geld, das man sichtlich lieber in das Sport-Triumvirat Ski / Fußball / Formel 1 buttert.

Die größten Blockbuster der internationalen TV-Serienunterhaltung schaffen es dann aber doch meist auch ins deutschsprachige Fernsehen - und da steht in den kommenden Wochen gleich ein absoluter Pflichttermin auf dem Programm. Am 3. Februar startet auf Sat.1 die Showtime-Serie "Homeland“: Irakkrieg, Terrorgefahr, Spionage und Folter geben das Setting für einen psychologischen Thriller, der ein 9/11-traumatisiertes Amerika porträtiert. Das hervorragende Drehbuch und die brillant spielenden Hauptdarsteller Claire Danes und Damian Lewis haben der Serie mittlerweile sechs Golden Globes und sechs Emmys eingebracht. Große Erfolge dürfte sich Sat.1 von der "Homeland“-Erstausstrahlung im deutschsprachigen Fernsehen trotzdem nicht versprechen. Zum einen erwarb der deutsche Privatsender die Hitserie aus dem Jahr 2011 erst, nachdem diese bereits in 82 anderen Ländern gelaufen war (sogar im Iran). Zum anderen verfrachtet man "Homeland“ auf den Sendeplatz 23.15 Uhr. Die landläufige Meinung deutscher und österreichischer Fernsehmacher, dass mit anspruchsvollem TV eben keine Quote zu machen sei, dürfte damit zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden.

Auch wenn der übermächtige Großteil der TV-Unterhaltung aus den USA stammt, gibt es durchaus auch anderswo vielversprechende Produktionen. So schafft es beispielsweise der britische öffentlich-rechtliche Sender BBC regelmäßig, hochwertige Fernsehserien zu produzieren. Auch Schweden ("The Killing“) und Dänemark ("Borgen“) sind mittlerweile auf dem internationalen Serien-Radar aufgetaucht.

Mageres Angebot

Wer nicht erst warten will, bis sich einer der deutschsprachigen Sender dazu bewegt, eine neue US-Serie ins Programm aufzunehmen, tut sich hierzulande noch immer schwer, die Highlights aus den USA auf legalem Wege zu beschaffen. DVD-Boxen kommen meist erst mit Verspätung in den heimischen Handel. Streaming-Angebote, wie das amerikanische Netflix, sind in Österreich nicht verfügbar. Wer sehen will, was in den USA gerade angesagt ist, greift daher oft zum Computer und lädt die Folgen einfach via Tauschbörse aus dem Internet. Damit begibt sich der Konsument freilich auf rechtliches Glatteis - denn legal ist der Serien-Download aus dem Web nicht. Solange rechtlich einwandfreie Alternativen fehlen, wird sich an dieser Situation jedoch nichts ändern.

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