Kino: Regisseur Olivier Assayas erzählt die
Geschichte vom Macho-Terroristen Carlos

Der französische Regisseur Olivier Assayas erzählt – eindrucksvoll und packend – die Geschichte des Terroristen Carlos, genannt „Der Schakal“. Die Geschichte eines eitlen lateinamerikanischen Machos.

Für die meisten Österreicher über fünfzig ist es eines jener Ereignisse, für das ihnen sofort die Antwort einfällt auf die Frage: „Wo warst du, als es geschah?“ Wo war man am Sonntag, dem 21. Dezember 1975, als pro-palästinensische Terroristen die Minister der OPEC-Konferenz in Wien überfielen? Die Bilder von damals haben viele noch gut im Kopf: das abgeriegelte OPEC-Gebäude am Ring gegenüber der Universität, der erschossene Polizist, der schwer verletzte Terrorist Hans-Joachim Klein, der auf einer Bahre aus dem Gebäude getragen wird, der Abflug der Terroristen samt der Geiseln in einer DC-9 der Austrian Airlines; und vor allem auch: Innenminister Rösch, der dem Anführer der Bande vor dem Abflug die Hand schüttelt.

Der Anführer der Bande war Ilich Ramírez Sánchez, genannt „Carlos, der Schakal“, der schnell zu einem mythenumrankten Terroristen wurde. „Carlos – Der Schakal“, der neue Film des französischen Regisseurs Olivier Assayas („Demonlover“), erzählt seine Geschichte. Ein typischer Polithriller? Nicht nur. Dazu ist Assayas die Sache mit zu viel Klugheit und Nüchternheit angegangen.

Carlos, so weiß Assayas nach seinen Recherchen, war vor allem ein eitler Macho. Und als solchen hat er ihn inszeniert. Wenn er Carlos nach der Freilassung der Geiseln der OPEC-Konferenz am Flughafen von Algier mit Baskenmütze, Bart und Lederjacke zeigt, dann wird klar, dass dem Kämpfer die Selbstinszenierung, die Stilisierung zum neuen Che Guevara und die Mythenbildung zumindest genau so wichtig waren wie die politische Sache. „Der Carlos, so wie ich ihn verstehe“, erklärt Assayas, „ist ein engagierter politischer Kämpfer, wie so viele junge Leute seiner Generation; fasziniert vom Kampf für die Freiheit in der Welt. Doch Carlos verändert sich schnell von einem militanten Kämpfer zu einem zynischen Söldner, dessen Erfolg in einer Ära wuchs, in der sich seine Taten in einen vagen politischen Diskurs hüllen konnten, der genauso verwirrend wie auch unerträglich war.“

Assayas Film beginnt in Beirut, im Jahr 1970, als sich Carlos (eindrucksvoll gespielt vom Venezolaner Édgar Ramírez) der PFLP anschließt, der Volksfront für die Befreiung Palästinas. Und er verfolgt die „Karriere“ des Terroristen, die ihren Höhepunkt im Überfall auf die Wiener OPEC-Ministerkonferenz findet. Carlos wird zum Mythos. Er pendelt zwischen dem Nahen Osten und Osteuropa, bietet wie ein Söldner seine Dienste jenen an, die ihn dafür gut bezahlen. Er heiratet die RAF-Terroristin Magdalena Kopp (gespielt von der jungen Österreicherin Nora von Waldstätten) und wird Vater einer Tochter. In den Neunzigerjahren, nach dem Fall der Berliner Mauer und nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Machtapparats in Osteuropa, wird es eng für Carlos und seine Genossen. Die Flucht endet im Sudan, wo er fett und krank zur Untätigkeit verurteilt ist. Schließlich braucht ihn keiner mehr, und er wird er nach Frankreich abgeschoben. Dort wird er 1997 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Mit den Waffen eines Machos

Assayas zeigt Carlos als Terroristen, Playboy, Frauenhelden, eitlen Selbstdarsteller und Abenteurer – als ein Produkt jenes heute seltsam anmutenden und doch faszinierenden politischen und kulturellen Klimas der Siebzigerjahre. An einer Stelle des Films heißt es: „Die Waffe ist eine Verlängerung des Körpers.“ Und in einer Schlüsselszene des Films sehen wir Carlos, der gerade in London seinen ersten Bombenanschlag verübt hat, wie er im Fernsehen einen Bericht über diese Tat sieht. Er ist nackt und erregt, und er beginnt sich selbst zu befriedigen. Carlos, sagt Assayas, „ist ein gewalttätiger Mann, ein Mörder, fasziniert von Waffen und seiner eigenen Männlichkeit“.

Assayas hat zwei Fassungen von „Carlos“ hergestellt. Eine fünfeinhalbstündige, die im französischen Fernsehen gezeigt wurde, in ausgewählten Programmkinos läuft sowie bei Filmfestivals – in Cannes und jetzt in Wien bei der Viennale (am 29. Oktober). Und eine fast dreistündige Fassung, die im regulären Kinoeinsatz ist (ab 5. November in Österreich). „Carlos“ ist einer der eindrucksvollsten und packendsten Filme des Jahres. Und selbst die lange, fünfeinhalbstündige Fassung wirkt keine Minute langweilig.

– Gerald Sturz

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