Julya Rabinowich ist auf dem Weg zur fixen Größe in Österreichs Literaturszene

Julya Rabinowich, deren neues Buch „Herznovelle“ diese Woche erscheint, ist auf dem Weg zu einer fixen Größe der österreichischen Literatur. Porträt einer Spezialistin in Sachen Entwurzelung und Zerrissenheit.

Kürzlich hat sich Julya Rabinowich über Feridun Zaimoglu geärgert. Der deutschtürkische Autor hatte in einem Interview von „Assimilozombies“ gesprochen, die ihr Vaterland verleugnen würden. Demnach wäre sie dann wohl ein solcher Zombie, sagt Rabinowich und schüttelt unwillig ihren schwarzen Pagenkopf mit den signifikanten kurzen Stirnfransen. Eine, die mit ihrem Vaterland Russland, aus dem sie als Siebenjährige mit Eltern und Großeltern nach Österreich emigriert ist, nicht mehr viel am Hut hat.

„Was glauben die Leute eigentlich? Ich habe über dreißig Jahre in Österreich gelebt. Wo werde ich mich mehr zugehörig fühlen?“ Nicht zu vergessen der schwelende Antisemitismus in Russland, der ein wesentlicher Grund für die Emigration war. Ganz so klar war ihr das als Kind nicht. Es fiel ihr nur auf, dass sie manchmal ein bisschen schlechter behandelt wurde als andere. Das war dann allerdings nach der Auswanderung in Österreich anfangs auch nicht sehr viel anders – weil sie plötzlich Ausländerin war.

Deshalb lernte sie schnell und mit besonderem Eifer Deutsch, lebte sich ein, überflügelte die eigenen Eltern, für die sie bald zur Vermittlerin und Übersetzerin in die neue Sprache und Welt wurde. Übersetzerin ist Julya Rabinowich bis heute geblieben, sie dolmetscht seit Jahren bei Psychotherapien und Psychiatriesitzungen von Asylwerbern und Flüchtlingen. Im Moment hat sie den Job reduziert, um sich aufs Schreiben konzentrieren zu können: „Ich habe diese Arbeit ab einem bestimmten Punkt nur mehr schwer ertragen. Kaum ist ein Mensch ein bisschen stabilisiert, kommt der nächste, der vollkommen zersplittert ist. Es ist wie ein Tsunami. Ich hatte immer diese berühmte Welle von Hokusai vor Augen.“

Julya Rabinowich stammt aus einer Künstlerfamilie: der Vater Maler und Architekt, die Mutter Malerin, die Großmutter Malerin. Kunst war das Familienthema Nummer eins. Abends wurden mit verteilten Rollen Theaterstücke gelesen. Auch Julya sollte sich im Vortrag üben und vorlesen – eine Kompetenz, die ihr später sehr beim Schreiben ihrer Theaterstücke geholfen hat. Schön und schrecklich zugleich sei das gewesen, erinnert sie sich. „Das war etwas, das ich als Kind gehasst habe, dass man immer die zweite Geige spielt. Die erste Geige spielte immer die Kunst.“ Auch Julya Rabinowich malt, hat schon früh damit begonnen, später in Wien ein Studium in der Meisterklasse von Christian Ludwig Attersee abgeschlossen. Ihre Diplomarbeit waren sechs große Ölbilder mit dominanten Rottönen zum Thema „Spaltkopf“, ein mythisches Monster, „ein teilnahmsloser Vampir, aufmerksam, unsichtbar, bedrohlich“, der sich „von den Gedanken und Gefühlen anderer ernährt“, wie es in ihrem ersten Buch heißt.

Drohend schwebte er über Julya Rabinowichs Kindheit, von Erwachsenen immer dann beschworen, wenn Kinder ungebärdig waren oder nicht ins Bett gehen wollten. Ihrem Debütroman, für den Rabinowich 2009 mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet wurde, gab er seinen Titel. Von Entwurzelung, Zerrissenheit und Entfremdung ist in dieser grandiosen Collage einer Familiengeschichte die Rede; der titelgebende „Spaltkopf“ symbolisiert darin das Verdrängte. Das, was weggeschoben wird, um ein neues Leben zu ermöglichen. Autobiografisch? Ja, sagt Rabinowich, 40, aber eher ein autobiografischer Remix. Ihr gehe es um die Literatur. Und alles, was man schreibe, habe letztlich immer mit einem selbst zu tun.

Frauenliteratur? Zum Kotzen!

Seit Rabinowich als Schriftstellerin und Theaterautorin in Erscheinung tritt, seit ihre Bekanntheit stetig zunimmt, wehrt sie sich gegen Zuschreibungen und Einordnungsschubladen. Frauenliteratur? „Das ist überhaupt ein Begriff, wo ich sofort und ohne Ankündigung zu kotzen anfange.“ Migrantenliteratur? „Hat gegenüber Frauenliteratur nur den einen Vorteil, dass damit paritätisch Frauen und Männer erniedrigt werden. Auch wenn der Begriff ursprünglich gut gemeint war, beschreibt er doch vor allem die Zähmung der Wilden.“

Russisch, jüdisch, Migrationshintergrund, Frau. Plötzlich lacht Julya Rabinowich auf: „Oh Gott, ich bin so darauf konditioniert, danach gefragt zu werden, dass ich jetzt schon von selber damit anfange.“

Also spricht sie stattdessen lieber über ihr neues, zweites Buch. „Herznovelle“ heißt es. Darin wird eine Frau von ihrem Mann zu einer Herzoperation ins Krankenhaus gebracht. Der Chirurg, der sie operiert, der ihr unregelmäßig pochendes Herz berührt und repariert, wird zu ihrer Obsession. Nach ihrer Heimkehr findet die Frau keinen Weg mehr zurück in ihr altes Leben, in dem sie ein luxuriöses, todlangweiliges Hausfrauendasein mit meist abwesendem, berufstätigem Ehemann führt. „Vielleicht sollten wir uns ein Haustier zulegen. Nein. Vielleicht sollte ich mir ein Haustier zulegen. Bernhard hat ja schon eins.“

Die Frau täuscht einen Notfall vor, landet wieder im Krankenhaus und lauert in der Folge auf Gelegenheiten, dem Arzt, der ihr das Leben gerettet hat, zu begegnen. Aus der Herzkranken wird eine Liebeskranke, Grenzgängerin und Stalkerin, die sich Abfuhr um Abfuhr einhandelt und zunehmend in Träumen von ihrem Herzchirurgen versinkt. „Hütet euch vor Hausfrauen, denn sie bringen Ärger“, scherzt Julya Rabinowich und meint dann ernster: „Ich hatte schon lange die Idee, über symbolisch aufgeladene Organe wie das Herz zu schreiben, von dem es ja heißt, dass dort die Liebe angesiedelt ist.“

Herausgekommen ist eine glasklare Erzählung, die sich ihrem hochemotionalen Thema einer traurigen Hysterie mit strenger Pointiertheit nähert. Daneben ist es außerdem eine präzise Studie des Biotops Krankenhaus. Es geht um Todes- und Liebesangst, besonders aber geht es um eine trostlose Rückkehr in Altbewährtes. Denn am Ende kehrt die Frau dorthin zurück, wo sie hergekommen ist. Ihr Ausbruchsversuch bleibt Anekdote.

Rückkehr zum Status quo

Julya Rabinowich sieht das Buch „Herznovelle“ als Paraphrase und Spiegelung von Arthur Schnitzlers berühmter „Traumnovelle“. Auch dort geht es um Fantasien, die nicht gelebt werden, und um eine anschließende Wiederherstellung des Status quo. „Ich wollte noch einmal in diesen Ring zurückkehren. Die Rückkehr zum Alten ist für mich eine schreckliche Lösung, die ich noch einmal beschreiben wollte.“

Gelangweilten, reichen Hausfrauen, wie der in „Herznovelle“ beschriebenen, sei sie in ihrer Psychotherapieausbildung immer wieder begegnet, und sie habe diese beobachtet. So funktioniert das mit ihrer Themenfindung. Der große Roman, an dem Julya Rabinowich derzeit schreibt und der den Titel „Die Erdfresserin“ tragen wird, hat seine Anregungen von ganz anderer Seite bekommen: aus den traumatischen Erzählungen der Flüchtlinge und Asylanten, für die Rabinowich dolmetscht. „Es ist die Geschichte einer Frau, eine Odyssee, die sich mit Illegalität und der Wanderbewegung in Europa beschäftigt.“

Das Buch wird im Herbst oder im nächsten Frühjahr erscheinen und stellt eine erste schriftstellerische Auseinandersetzung mit jenen Themen dar, mit denen Rabinowich sich seit langem beschäftigt. Immer häufiger wird Rabinowich von den Medien um ihre Meinung zu Flüchtlingspolitik, Migration oder Bildungsdebatte gefragt. Sie weicht den Fragen niemals aus, im Gegenteil. Auch wenn sie sich selbst als Künstlerin der Schubladisierung verweigern will, weiß sie doch, dass sie gerade aufgrund ihres eigenen biografischen Hintergrunds und ihrer Arbeit mit Flüchtlingen eine besonders glaubwürdige und kompetente Kommentatorin ist. Sie will Botschaften anbringen, neben dem Schreiben und Malen auch gesellschaftspolitisch agieren. Die Tatsache, dass Österreich sich derzeit gerade für Einsparungen auf dem Bildungssektor entschieden hat, ist für Rabinowich „the road to hell“. „Das nimmt dem Land die Zukunft“, sagt sie.

– Julia Kospach

Julya Rabinowich: Herznovelle
Deuticke, € 16,40
Herz in Not: Nach einer Herzoperation wird eine Frau zur Stalkerin ihres Chirurgen und verliert immer mehr den Bezug zu ihrem realen Leben.

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