Julius von Bismarck - Der Manipulator

Weltbilder für die Zukunft heißt heuer das Thema der Ars Electronica. Stargast ist der deutsche Medienkünstler Julius von Bismarck, der gekonnt wie originell mit unserer Wahrnehmung spielt.

Er hat es schon wieder getan. Der deutsche Künstler Julius von Bismarck hat schon wieder einen Apparat gebaut, mit dem er unsere Wahrnehmung von der Welt manipuliert. Diesmal hat der neue Star der Berliner Kunstwelt, der abwechselnd als Medienguerilla, rauschebärtiger Nerd oder adeliger Forschergeist aus dem Bismarck-Clan gehypt wird, einen Apparat entwickelt, der Tauben färbt.

Zum Einsatz kommt dieser zur Eröffnung der Architekturbiennale in Venedig am 29. 8. Der Apparat lockt die Tauben mit Futter in eine Kammer, wo sie während des Fressens - "selbstverständlich qualfrei“, wie der Künstler betont - mit biologischen, aber lang anhaltenden Farben in Pink, Grün oder Gelb gefärbt werden, ehe man sie wieder ins Stadtbild entlässt. Einmal mehr geht es Julius von Bismarck dabei um die Irritation des Blickes.

Von Bismarck arbeitet technisch ausgeklügelt und sozial intervenierend, gesellschaftskritisch, manchmal höchst kurios, immer aber irgendwie verblüffend und mit einem großen Sinn für Humor. Fotografien und Filme dokumentieren seine Aktionen. Der 29-Jährige ist ein Kunstchamäleon und ein genialer Erfinder, der die Grenzen der Fachdisziplinen überschreitet.

Für Physik habe er sich schon als Kind interessiert, erzählt der Sohn aus einem Physikerhaushalt, der die ersten sieben Lebensjahre in Saudi-Arabien aufwuchs. "Ich hatte immer schon eine Vorliebe für das Zerlegen von technischen Apparaturen.“ Ergo hat er sich schon in der Schule für die schräge Kombination der Leistungskurse Physik und Kunst entschieden. Unsicher über seinen Weg an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft, studierte er danach visuelle Kommunikation in Berlin. Zurzeit ist er Meisterschüler von Olafur Eliasson am Institut für Raumexperimente. Seinen Platz zwischen den Disziplinen hat der Künstler mittlerweile gefunden: Seine interaktiven Objekte und Installationen, die zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie pendeln, setzen sich mit Manipulation und Destabilisierung auseinander.

Ein "No“ für den Papst

Internationales Aufsehen erregte Julius von Bismarck 2008 mit seinem "Image Fulgurator“. Äußerlich eine analoge Kamera, funktioniert der "Apparat zur minimal-invasiven Manipulation von Fotografien“ wie ein Projektor. Die Projektion wird ausgelöst durch die Blitzlichter anderer Kameras. Von Bismarck nutzte seine Erfindung, um Botschaften in Bilder von Großveranstaltungen zu schmuggeln. So geschehen etwa beim Besuch von Barack Obama 2008 in Berlin, als der Künstler mit seinem Bilderwerfer ein Kreuz auf Obamas Rednerpult und damit in die Fotos aller Pressefotografen mogelte. Ebenso projizierte er bei Straßenschlachten 2009 den Bundesadler auf die Brust von Polizisten und schmuggelte beim Papstbesuch 2011 in Madrid ein großes "No“ hinter den Heiligen Vater. Klar, dass die internationalen Werbeagenturen Bismarck viel Geld für seinen Fulgurator boten, doch er blieb standhaft. Ihm gehe es vor allem darum, "die Bildwahrnehmung zu ändern“, sagt er: "Ich habe mir selbst die Aufgabe gegeben, als Störfaktor einzugreifen. Ich wollte das Image der Fotografie als wahres Medium zerstören. Heutzutage kann man nicht mehr davon ausgehen, dass ein Foto wahr ist oder Realität abbildet.“

Mit seinem Fulgurator gewann er 2008 auch die Goldene Nica bei der Ars Electronica und als erster Künstler den Kunstpreis der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN). Demgemäß wurde Julius von Bismarck als erster "Artist in Residence“ am CERN begrüßt. Das künstlerische Ergebnis dieses Besuchs wird er im Rahmen der diesjährigen Ars Electronica präsentierten. Bei dem Projekt "Versuch unter Kreisen“ handelt es sich, wie er skizziert, um eine Installation von Hängelampen, "die schwingen, als ob der Raum selbst wie ein Schiff zu schwanken begänne. Die mathematisch berechnete Bewegung der Lampen ist von Wellenmustern inspiriert, die in der Natur auftreten.“

Julius von Bismarck fordert nicht nur die Gesellschaft heraus, auch die Natur muss bei ihm einiges aushalten. Für seine Serie "Punishment“ etwa hat er das Meer ausgepeitscht: Frei nach der Geschichte über Perserkönig Xerxes, der die Meeresenge Hellespont mit dreihundert Peitschenhieben bestraft haben soll, nachdem ein Unwetter mehrere von ihm erbaute Brücken zerstört hatte, hat auch von Bismarck die Natur bestraft. Auch das Gebirge verschonte er nicht: Im Jahr 2011 schwang er erneut das Leder und peitschte die Schweizer Alpen aus. "Ich wollte mich an der Natur abarbeiten“, kommentiert er diesen Kampf zwischen Mensch und Natur bis zur eigenen Erschöpfung.

Künstlerische Forschung

"Ich ziehe meine Inspiration aus der Wissenschaft und arbeite künstlerisch“, sagt von Bismarck. "Kunst verändert zwar nicht die Welt, aber sie kann ordentlich anecken: Umso mehr muss die Technik hinterfragt werden, ist jeder Techniker auch irgendwie ein Politiker, der verantwortlich ist für die Zukunft. Ich arbeite an einigen Projekten, die politisch relevant sind, aber es geht auch um einen philosophischen Ansatz. Es ist ja kein Hobby, das ich da betreibe, sondern mein Beruf, und den mache ich mit großer Ernsthaftigkeit. Aber natürlich macht es auch Spaß. Im Grunde mache ich heute ja nicht viel anderes als das, was ich schon als Kind gerne gemacht habe: Experimente in meinem Zimmer.“

Ars Electronica, Linz: 30. 8. - 3. 9.

Heuer geht es um "Big Pictures“, um Weltbilder für die Zukunft. U. a. präsentiert Julius von Bismarck das Ergebnis seines CERN-Besuchs. Am 1. 9. ist er auch beim Symposium "Science & Art II“ zu Gast: Lentos Linz, ab 15 Uhr. www.aec.at

3. Architekturbiennale Venedig, 29. 9. - 25. 11. Hier kann man von Bismarcks gefärbte Tauben beobachten. www.labiennale.org

Bei der Viennafair ist der Künstler mit den Tauben-Fotos und dem Apparat bei der Galerie Dittrich & Schlechtriem ausgestellt. Ab 19. 9. www.viennafair.at

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