Jud süß-sauer geht, Jude gibt Vollgas nicht: Komiker und Autor Oliver Polak im Interview

FORMAT: Im Frühjahr kommen Sie gleich noch mal auf Lesetour. Gefällt es Ihnen in Österreich so gut?
Polak: Ich bin total gerne in Österreich, kann aber nicht einmal sagen, warum. Es war einfach super charmant, bei Stermann & Grissemann zu Gast zu sein. Ich hatte ein enormes Feedback auf den TV-Auftritt. Selbst gleich nach der Sendung stand ein 18-jähriger Junge namens Daniel Rosenthal vor mir und meinte nur, ich spräche ihm aus der Seele.

"Habe mich nie mit jüdischem Humor beschäftigt"
FORMAT: Wie ist denn der Blick eines deutschen Juden auf Österreich?
Polak: Ich wurde noch nicht von Haider-Anhängern unter die Lupe genommen. Aber natürlich krieg ich solche Auseinandersetzungen mit. Wirklich Bezug habe ich eher zum ursprünglichen Kabarett der Ersten Allgemeinen Verunsicherung. Da liegen meine Wurzeln, bei Nummern wie „Geld oder Leben“.
FORMAT: Was ist mit der langen Tradition jüdischen Humors in Österreich, mit Namen wie Friedrich Torberg oder Georg Kreissler?
Polak: Ich muss leider sagen, dass ich die alle gar nicht kenne. Das finde ich aber auch nicht verwerflich. Ich habe mich nie dezidiert mit jüdischem Humor beschäftigt. Ich bin ein Komiker mit diesem Background, aber ich bin kein jüdischer Komiker.

Kleinstadtirrungen und Alf
FORMAT: Gibt es ihn überhaupt, den viel gepriesenen jüdischen Humor?
Polak: Natürlich gibt es die These, dass jüdischer Humor bitter ist, voll Selbstironie, eine Schaufel Selbstmitleid enthält, Antisemitismus und ein Stück Wahrheit.
FORMAT: Sich über das Milieu, aus dem man kommt, lustig zu machen, ist immer auch eine therapeutische Maßnahme …
Polak: Klar, es geht um die Irrungen und Wirrungen, die ich als einziger jüdischer Junge in einer Kleinstadt erlebt habe. Aber natürlich kommt auch Alf vor, Motorpsycho und andere Facetten. Das Buch könnte auch „Fleisch ist mein koscheres Gemüse“ heißen.
FORMAT: Wie haben Ihre Eltern reagiert?
Polak: Mir war total wichtig, dass sie das Buch vor Erscheinen lesen. Ich wollte keine einstweilige Verfügung meiner Eltern. Aber die hatten bloß Angst, dass der Kinderschutzbund vor der Tür steht und fragt: Was haben Sie mit dem Jungen gemacht?
FORMAT: Und die jüdische Gemeinde?
Polak: Da habe ich kein Feedback. Die „Jüdische Allgemeine“ hat ein Riesenporträt mit dem Titel „Deutschlands einziger jüdischer Komiker“ gebracht, und deren Herausgeber ist der Zentralrat der Juden.

"Es gibt Grenzen die ich wahre"
FORMAT: Henryk M. Broder hat sein Porträt über Sie „Jud süß-sauer“ betitelt. Wo hört sich bei Ihnen der Spaß auf?
Polak: Die Frage ist immer, was ist die Intention. Ich würde jederzeit mein Programm „Beschnitten oder am Stück“, oder „Jud süß-sauer“ nennen, aber sicher nicht „Ein Jude gibt Vollgas!“. Es gibt Grenzen, die ich für mich wahre. Aber ich erteile niemandem die Absolution, Holocaust-Witze zu machen.
FORMAT: Manche Sachen sind so traurig, dass man sie nur mit Humor ertragen kann. Ihre Großeltern wurden von den Nazis ermordet. Ihr Vater kehrte als Einziger aus dem KZ zurück …
Polak: Ja, er war so etwas wie ein lebendes Mahnmal …
FORMAT: Sie selbst bezeichnen sich gern als „Mahnmal, the Next Generation“. Gibt es ein Anliegen für diese Generation?
Polak: Jüdisch-Deutsch – diese Zerrissenheit ist meine Thematik. Meine Lesungen waren ausverkauft, im Publikum saßen ganz Junge, Holocaust-Überlebende, aber auch orthodoxe Juden, die Freitagabend eigentlich gar nicht zu einer Lesung mit Musik gehen dürften. Und alle haben am Ende gelacht. Da wurde ein Knoten gelöst. Wenn ich einen Beitrag leiste, näher an eine Normalität heranzukommen, freue ich mich. Aber mein Ziel ist kein politisches.

"Bin kein Berufsjude"
FORMAT: Fühlen Sie sich eigentlich als Vorzeigejude?
Polak: Ich achte genau darauf, wo ich auftrete, ich bin Komiker mit jüdischem Background und kein Berufsjude. Daher habe ich mich auch nicht am 9. 11. auf eine Bühne gesetzt, um zu diskutieren. Das muss nicht sein.
FORMAT: Wie ist Ihre persönliche Beziehung zu Israel?
Polak: Ich war bisher einmal im Leben in Israel und habe da das ganze Land bereist. Aber ich wähle in Deutschland. Hier fühle ich mich sicher. In Israel hätte ich Schiss. Wenn Sie mich jetzt also vor die Wahl stellen würden, eine Woche Israel oder Disneyland, ich glaube, ich würde ins Disneyland fahren.

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