John Malkovich ist Casanova: Ein Gespräch über Mode, Mozart und Verführung

Ab Jänner schlüpft Hollywood-Star John Malkovich, 57, auf der Bühne des Wiener „Ronacher“ in die Rolle von Casanova. Ein Gespräch über Verführung, Mozarts Musik, Mode und den Unterschied zwischen Bühne und Leben.

Von John Malkovich heißt es, er sei exzentrisch und habe ein Faible für durchgeknallte Figuren. Und natürlich gilt er als einer der beeindruckendsten Schauspieler, die Hollywood je hervorgebracht hat. Nachdem er im Vorjahr im Ronacher mit beunruhigender Intensität den Serienmörder Jack Unterweger dargestellt hat, spielt er ab Jänner den alternden Casanova. Beim FORMAT-Gespräch in einem Wiener Restaurant gibt ein freundlicher Malkovich bedächtig Auskunft, während er an ein paar grünen Oliven kaut.

FORMAT: Ist es für Sie als Schauspieler schwierig, eine klischeebelastete Figur wie Casanova zu spielen?

Malkovich: Nicht notwendigerweise. Das hängt mehr vom Bühnentext ab als von irgendwelchen Assoziationen, die die Leute zu Casanova haben könnten.

FORMAT: Haben Sie Casanovas Memoiren gelesen?

Malkovich: Nein. Ich verlasse mich auf den Text von Michael Sturminger. Diese Dinge sind die Arbeit des Regisseurs, nicht des Schauspielers.

FORMAT: Können Sie Casanovas brennendes Interesse an der Verführung von Frauen nachvollziehen?

Malkovich: Ja und nein. Ich glaube, dass möglicherweise irgendetwas mit ihm nicht gestimmt hat.

FORMAT: Weil er nicht damit aufhören konnte?

Malkovich: Ja. Er war entweder unglaublich oversexed, oder seine Libido war vollkommen außer Kontrolle, oder er hatte ein verzweifeltes Bedürfnis, sich ständig selbst zu beweisen.

FORMAT: Es ging bei Casanova aber nicht nur um sexuelle Verführung, sondern auch darum, andere durch seine Geschichten zu verführen. Das muss Ihnen doch als Schauspieler sehr vertraut sein …

Malkovich: Es gibt sicher Schauspieler, die das brauchen, aber es gibt genauso viele, bei denen das nicht so ist.

FORMAT: Ist die Interaktion mit einem Publikum nicht immer ein Stimulus?

Malkovich: Ich dachte, Sie meinten im Leben. Haben Sie die Bühne gemeint?

FORMAT: Gibt es da einen so großen Unterschied?

Malkovich: Für mich sind das Leben und die Bühne sehr stark voneinander getrennt. Ich kenne viele Schauspieler, die es vorziehen würden, im Leben niemals behelligt zu werden, gerade weil wir dauernd behelligt werden, jede Sekunde jedes Tages. Es heißt zum Beispiel dauernd „Foto, Foto, Foto!“. Dann sind da Twitter oder Facebook oder was auch immer. Deshalb bin ich vollkommen anderer Meinung: Die Bühne ist das eine, das Leben das andere. Aber für Casanova mögen sie ein und dasselbe gewesen sein. Ich weiß es nicht.

FORMAT: Verführung hat viel mit Macht zu tun. Gibt es da eine Verbindung zwischen der jetzigen Casanova-Inszenierung und Jack Unterweger, den Sie im Vorjahr in „The Infernal Comedy“ dargestellt haben?

Malkovich: Schon möglich. Aber es ist lustig: Ich sehe keinen so engen Zusammenhang zwischen Verführung und Macht, obwohl ich weiß, dass das viele Leute tun – Frauen genauso wie Männer.

FORMAT: Die oberen Gesellschaftsschichten des 18. Jahrhunderts, in denen Casanova sich bewegt hat, waren eine müßige Klasse auf der ständigen Suche nach verfeinerten Vergnügungen. Hatte Casanova, der ja selbst nicht von Adel war, die Rolle eines Hofnarren?

Malkovich: Der Casanova, den ich spielen werde, spricht viel davon, wie müde er es ist, charmant und höflich zu sein, sich immer unter Kontrolle zu haben und den Unterhalter in jedem Salon zwischen Versailles und Sanssouci, zwischen Kiew und St. Petersburg zu spielen. Und es ist ihm extrem wichtig, wie er gesehen wird, vor allem, ob er respektiert oder nicht respektiert wird. Diese Dinge ein paar Jahrhunderte später in ihrer Essenz zu erfassen ist sehr schwierig.

FORMAT: Der Film „Gefährliche Liebschaften“ von 1988, der Sie mit der Rolle des intriganten Verführers Valmont weltberühmt gemacht hat, spielt genau in diesem Milieu des 18. Jahrhunderts …

Malkovich: Es ist dasselbe Milieu, aber eine andere Geschichte. Vor allem waren die Menschen in „Gefährliche Liebschaften“ Aristokraten, Casanova nicht. Natürlich ging es ihnen auch darum, was andere von ihnen dachten, aber nicht, weil sie nicht dazugehörten, sondern weil sie wissen wollten, wie gut sie das Spiel beherrschten.

FORMAT: In „The Giacomo Variations“ wird die Geschichte Casanovas auch über Szenen aus den drei Da-Ponte-Opern von Mozart erzählt. Welchen Mehrwert hat das für Sie als Schauspieler?

Malkovich: Es ist eine fantastisch beziehungsreiche Musik, die sehr gut zu Casanovas Geschichte passt. Die Musik ist sehr mächtig. Als Schauspieler kann man sich diese Kräfte zunutze machen. Man darf nicht dagegen anspielen.

FORMAT: Sie arbeiten auch als Modedesigner und haben Ihr eigenes Männer-Label „Technobohemian“ gegründet. Gibt es eine Verbindung zwischen dem Schauspieler und dem Modedesigner?

Malkovich: Was immer man macht, als Modedesigner, als Regisseur oder als Schauspieler, es geht immer um die Details, nicht um die großen Bögen. Selbst wenn man eine sehr große Modelinie macht, hängt ihr Gelingen davon ab, wie viel Augenmerk man den Details widmet.

FORMAT: Die Detailverliebtheit ist Ihr Antrieb?

Malkovich: Man könnte glauben, ich hätte mehr Geduld als andere Leute. Das ist nicht der Fall. Ich bin einfach neugieriger als die meisten. Details und winzige Unterschiede haben mich immer interessiert: Zwischen zwei Sätzen genauso wie zwischen zwei Wörtern, zwischen diesem und jenem Stoff oder diesem und jenem Schnitt. Es gibt Leute, die sich von Details gelangweilt fühlen. Aber ich glaube, solche Menschen langweilt alles, auch das Leben.

FORMAT: Hat Ihr Interesse an Mode mit Verwandlung und sich ständig neu erfinden zu tun?

Malkovich: Als ich jung war, vielleicht, aber jetzt schon lange nicht mehr. Wenn man jünger ist, träumt man mehr davon, was man einmal sein wird. Hat man ein bestimmtes Alter erreicht, dann ist man, was man ist.

FORMAT: Wird man Sie in „The Giacomo Variations“ auch Mozart singen hören?

Malkovich: Das zu beurteilen überlasse ich Ihnen.

FORMAT: Ob Sie singen werden oder ob das, was Sie singen, Ähnlichkeit mit Mozart hat?

Malkovich (lacht): Ich werde es jedenfalls versuchen – aber nicht wie ein Opernsänger, sondern wie Casanova.

Interview: Julia Kospach

Ronacher: „The Giacomo Variations“, 5.– 9. 1.
In „The Giacomo Variations“ erzählt das erprobte „Unterweger“-Team Michael Sturminger (Buch & Regie) und Martin Haselböck (Musikalisches
Konzept / Dirigent) die Geschichte Casanovas anhand von Szenen aus den drei Da-Ponte-Opern von Mozart „Don Giovanni“, „Le nozze di Figaro“ und „Così fan tutte“. Statt der Rezitative hat das kühne Musiktheaterprojekt Schauspielszenen, in denen John Malkovich als Casanova auftritt und seine Bühnenpartnerin Ingeborga Dapkunaite („Sieben Jahre in Tibet“) in verschiedenen Frauenrollen. Ihre musikalischen Pendants sind der Bariton Florian Boesch und die Sopranistin Sophie Klussmann.

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