Jelineks Winterreise

Bankenskandale, der Fall Kampusch, die Dominanz der eigenen Mutter – in ihrem neuen Buch „Winterreise“ steuert Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek im Rahmen von Schuberts berühmtem Liederzyklus einmal mehr durch die Untiefen der Gegenwart und der eigenen Biografie.

Als sie im Mai 2008 das letzte Kapitel ihres „Privatroman“ genannten Textes „Neid“ auf ihrer Website veröffentlicht und ein für alle Mal klargemacht hatte, dass es davon sicher keine gedruckte Buchausgabe geben werde, wurde Elfriede Jelinek gefragt, ob etwa überhaupt nie mehr ein Buch von ihr erscheinen werde. „Wahrscheinlich. Wissen kann man’s nie“, war der Kommentar, den Jelinek damals zu Protokoll gab.

Alles kommt anders

Das angekündigte Wahrscheinliche, das Prophezeite, ist – wie so oft bei Jelinek – nicht eingetreten, oder anders gesagt: Es hat nicht gehalten. Darüber kann man spotten, man kann es aber auch als Teil dessen sehen, womit die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2004 zeit ihres Lebens gerungen hat: mit sich selbst. Dieses Selbst, das „Misslungene, Fehlgeschaffene“, wie es in ihrem neuen Buch, dem Theatertext „Winterreise“, heißt, dreht im Schreiben die ewig gleiche Leier. Es ist ein Leiermann wie jener berühmte aus Schuberts „Winterreise“, eigentlich aber natürlich eine Leierfrau, die wie ihr männliches Pendant nichts begangen hat, die Menschen trotzdem scheut und eine Straße gehen muss, die „noch keiner ging zurück“. Und weil es Elfriede Jelinek ist, die da mit der Musik Schuberts und den Texten dazu umgeht, bekommen ihre Leser die Selbstgeißelung gleich mitgeliefert: „Alles Abfall, der ich bin.“ Jelinek kübelt ihn uns hin, genauso aber sich selbst: „Sie wollen immer noch, dass wir uns von Ihnen immer noch die gleiche Leier anhören? Aber das spielt es nicht“, denn „diesen Dreh kennen wir schon“.

Da prügle Jelinek sich ständig selbst in ihren Texten, aber andere dürften nichts gegen sie sagen. Darauf wies sie der Star-Interviewer André Müller 2004 hin, und Jelinek antwortete: „Das ist, wie wenn Sie behindert sind und im Rollstuhl sitzen. Da darf auch niemand anderer Krüppel zu Ihnen sagen, aber Sie selbst dürfen es.“

Zweimal – im Jahr 1995, nachdem die Haider-FPÖ sie auf Wahlkampfplakaten als Inbegriff von Anti-Kunst und -Kultur beschimpft hatte, und 2000 aus Protest gegen die schwarz-blaue Regierung – verhängte sie ein Aufführungsverbot ihrer Stücke für Österreich, um es jeweils drei Jahre später wieder zurückzunehmen.

Keine Interviews

Dazu passt auch ihr Wunsch, sich völlig aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und nicht mehr für Gespräche mit den Medien zur Verfügung zu stehen. Dieses Mal zum Beispiel beschied sie die Anfrage
per E-Mail umgehend, höflich und bedauernd mit „leider … ich gebe keine Interviews mehr. Herzlich, e. j.“. Man könnte Wetten darauf annehmen, ob diese An­sage halten wird. Denn immer wieder stand sie Journalisten dann doch Rede und Antwort. Wieso? „Ich habe zu oft mitgespielt aus einem unbewussten Gehorsamsreflex heraus, der mir von meiner extrem autoritären Mutter antrainiert wurde“, sagte sie dazu.

Unbarmherzig

Und da ist sie auch schon: Elfriede Jelinek, die Neurotikerin, womöglich sogar die „nihilistische Neurotikerin“, wenn man dem Vatikan glauben will, der mit diesem Attribut ziemlich unchristlich-unbarmherzig Jelineks Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis kritisierte. Es ist aber selbstverständlich nur eine der vielen Zuschreibungen, mit denen Jelinek im Lauf der Jahrzehnte zu tun hatte: das Wunderkind, die Rabiatfeministin, die Skandalautorin, die Provokateurin, die Masochistin, die Sprachfurie, das Fashion-Victim, die Nestbeschmutzerin, die Fernsehsüchtige. Inzwischen kommt übrigens noch die Internet-Sucht dazu: Im Spinnennetz des Virtuellen verheddert sich Jelinek schon seit Jahren am allerliebsten und erklärt dazu: Sie, die nicht leben könne, die es nicht ertrage, angeschaut oder angesprochen zu werden, für die Menschenaufläufe oder U-Bahn-Fahrten unerträglich sind, empfinde sich selbst als lebende Tote, der das Schreiben im Netz extrem entgegenkomme. Da und gleichzeitig nicht da. Das ermöglicht ihr das Internet. Und auch Entlastung von sich selbst durch Rollenspiel und Distanz. Außerdem, wie es in „Winterreise“ heißt, wo übrigens auch eine andere langjährig lebende Tote oder lebendig Begrabene, nämlich Natascha Kampusch, eine Rolle spielt: „Das Netz gibt unaufhörlich, es wirft uns die Bälle zu wie eine Wurfmaschine, man nimmt, man nimmt möglichst jeden, möglichst viele, man probiert aus, da man Mama nicht mehr hat, ist man in eine ewige Kindheit versetzt durch das Netz, man kann ununterbrochen geboren werden, und man kann ununterbrochen neue Menschen von ihm bekommen, und man kann ihm auch wieder welche zurückgeben.“

Die Zumutungen der Gegenwart

In „Winterreise“ führ der Weg von den Zumutungen der Gegenwart – Bankenskandal, der Fall Kampusch („Sie ist jetzt doch wieder draußen. Was will sie noch?“) – schnurgerade wieder einmal mitten hinein in Jelineks Biografie: „… schaue in meine Kindheit hinaus, aus meiner Kindheit wieder herein“. Da ist sie wieder, die Mutter – „Mama, du, meine erste Liebe“ –, die in ­Jelineks Leben wie in ihrem Roman „Die Klavier­spielerin“ die Schlüsselrolle einer dominanten, ehrgeizigen Dompteurin spielt. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 als fast Hundertjährige lebte Elfriede Jelinek beinah ständig mit ihr zusammen. Das Familienhaus in Wien-Hütteldorf – noch vom als schwach und lebensuntüchtig empfundenen Vater Mitte der 1960er-Jahre gekauft (er stirbt 1969 nach Jahren schwerer psychischer Krankheit in geistiger Umnachtung) – ist der Handlungsort einer erstickenden Hassliebe, die wenig Platz lässt für anderes. Auch der Vater irrlichtert durch Jelineks „Winterreise“ – als von Frau und Tochter in die Irrenanstalt verfrachteter, wirrer Wanderer in den Untiefen der Geisteskrankheit.

Der Vater jüdischer Sozialist, die Mutter katholische Großbürgerin

Hier, an dieser Stelle, blitzt auch allenthalten der große Säulenheilige Elfriede Jelineks zwischen den Zeilen auf: Robert Walser.
Der Vater, ein jüdischer Sozialist mit den Dutzenden im Holocaust ermordeten Familienangehörigen, und die katholische, großbürgerliche Mutter: Zwischen diesen Fronten die einzige, spät geborene Tochter, Jahrgang 1946. Projektionsfläche der Träume und Alpträume ihrer alten Eltern. Gedrillt auf Erfolg und Leistung. Ballett- und Französischunterricht mit vier, dazu lernt die kleine Elfriede Klavier, Geige und Bratsche. Diese zwei Welten, sagt Jelinek, die „über mir zusammengeprallt sind und mich zermalmten“. Panik- und Beklemmungszustände, eine klaustrophobische Angst, verfolgen schon die Schülerin. Als Studentin hindern sie Elfriede Jelinek ein Jahr lang daran, das Haus zu verlassen. Manisch liest sie Trivialliteratur, Comics und Zeitschriften, sieht endlos fern und unternimmt erste Schreibversuche.

Zu den bestimmenden Themen ihrer Literatur findet sie bald: die Entlarvung von Trivialmythen („wir sind lockvögel, baby!“, 1970), Gewaltformen im Verhältnis der Geschlechter („Die Klavierspielerin“, 1983, „Lust“, 1989, „Neid“, 2007/08), die Medien als Herrschaftsinstrument und die österreichische Geschichtsverleugnung („Die Kinder der ­Toten“, 1995). Auch die Natur als touristische Idyllen-Inszenierung und Kulisse deutschtümelnder Blut-und-Boden-Mentalität ist eines ihrer liebsten Hassthemen, ebenso der Sport, den sie in ihrem gigantischen Textmonolithen-Bühnenwerk „Ein Sportstück“ (1998) in Grund und Boden stampfte. – Ein dramatisches Werk der Verletzung und Selbstverletzung, in dem Sprache mit feinsten Skalpellen skelettiert und einem anderen, Jelinek’schen Sprachkörper neu übergezogen wird. Keiner wird geschont, das Patriarchat nicht, aber auch nicht die Unterdrückten, die mit ihm kollaborieren. Im Lauf der Jahre entwickelten sich Jelineks Texte immer stärker zu erratischen Blöcken, zu sperrigen, monströsen Trümmern, die die Autorin ihren Lesern rücksichtslos vor die Füße wirft. Genauso verhält es sich auch mit „Winterreise“, das im Februar in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wird.

Sprachliche Radikalität

Die Kritik reagiert von jeher gespalten, Begeisterung angesichts von Jelineks sprachlicher und politischer Radikalität steht nicht selten der Ratlosigkeit über die Sperrigkeit ihrer Texte gegenüber. Ihre Figuren sind keine Individuen, sondern menschliche Trägermassen einer Kunstsprache. Jelineks wahre Heldin ist die Sprache selbst: im Guten, weil sie Jelinek das Baukastensystem liefert, mit dem diese ihr rasendes Demaskierungswerk vollbringt. Im Schlechten, weil es eben genau die Sprache ist, in der sich die Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen zeigen, um deren Entblößung es Jelinek zu tun ist. Ihr Schreiben ist eine Schlacht der Sprache gegen die Sprache, eine Sinnerzeugung durch Sinnzerstörung. Phrasen und Klischee-Wendungen aus Politik, Werbung, Trivialkultur, Boulevardsprache, dichterische Zitate sind ihr Baustoff. Dass die hochentwickelte Textverarbeitungsmaschine Elfriede Jelinek seit langem im Computer ihr ideales Arbeits­-
instrument gefunden hat – und auch ihre Homepage
www.elfriedejelinek.com liebevoll hätschelt –, wundert nicht. Den formalen Rahmen für ihre Sprachzerstörung mit anschließender Neusinn-Gebung holt sich Jelinek aus dem Feld der Musik, auf dem sie sich als ausgebildete Organistin auskennt: Sie führt Motive und Themen ein, wiederholt sie und lässt sie in Variationen wieder auftauchen, etabliert Rhythmen und zerbricht sie.

Das ist die unheimliche Sprachmelodie von Elfriede Jelineks Schreiben. Und natürlich ganz besonders von ihrem neuen Theatertext „Winterreise“. Wie heißt es dort gegen Ende hin einmal? „Ihre Ausdauer bewundern wir, wunderliche Alte, das bewundern wir irgendwie, dass Sie noch immer nicht aufhören.“

– Julia Kospach

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