"Jedes Theater über zwei Stunden sollte von Amnesty International verboten werden."

Jérôme Savary steht für Highclass-Entertainment, ironisch & temporeich. Am 6. 6. kommt seine Revue über Josephine Baker ins Wiener Ronacher. FORMAT traf den 67-jährigen Theatermagier vorab in Berlin.

Während im Berliner Admiralspalast die Wiener Produktion „The Producers“ unter dem Titel „Frühling für Hitler“ gerade für Furore sorgt und den derzeit arg unter Druck stehenden Vereinigten Bühnen ein verdientes Erfolgserlebnis beschert, probt unweit davon, an der Volksbühne, jener Mann, den die VBW ab 6. Juni in Wien präsentieren: Jérôme Savary.

Vögel ohne Grenzen in Berlin
Nach Wien kommt er mit seiner 2006 uraufgeführten gefeierten Revue über Josephine Baker. In Berlin ist der französisch-argentinische Regisseur Teil eines Projekts, mit dem Volksbühne-Intendant Frank Castorf den Umbau seines Hauses überbrückt. Sieben Wochen spielt man open air in einem kleinen ­Amphitheater, direkt vor der Volksbühne. Geplant sind sieben Antiken-Produktionen. Neben Dimiter Gotscheffs „Prometheus“-Fassung setzt sich etwa Intendant Castorf mit Senecas „Medea“-Version auseinander. Am 27. Mai bringt dann Jérôme Savary seine Version von Aristophanes’ Komödie „Die Vögel“ als „frivol-zirzensisches Spektakel“ auf die Bühne, für die der Theaterprofi auch die Musik komponiert hat. Das von ihm ­adaptierte Stück „Vögel ohne Grenzen“ thematisiert „heutige Themen wie Immigration und Abgrenzungen aller Art“, wie Savary anmerkt. Die Inszenierung darf schon von den Proben her als spannendes Abenteuer gewertet werden. Immerhin trifft hier ein Team systemkritischer Bühnenavantgarde auf Savarys massentaugliches Entertainment. Die Abläufe seien demgemäß nicht immer einfach, „aber Castorf kennt meine Arbeit schon lange, und wir lernen vonein­ander“, plaudert Savary launig über den „work in progress“. Publikumszuspruch ist der Produktion garantiert. Denn der Magier wird seinem Ruf nach wie vor gerecht.

Ironische Tabubrüche
Fast zwanzig Jahre lang stand Savary an der Spitze französischer Schauspielhäuser und hat mit seinen ironischen, frivolen und Tabus brechenden Aufführungen für Schlagzeilen gesorgt. Im Jahr 2000 übernahm er mit der Pariser Opéra Comique ein Haus, das in den roten Zahlen steckte, und er schaffte innerhalb kurzer Zeit Publikums­rekorde. 2007 wurde Savary, der sich auch im Alter von 66 Jahren noch gern als Enfant terrible sieht, in Pension geschickt – gemäß einem französischen Gesetz, das 65 Jahre als Höchstgrenze für Intendanten staatlicher Einrichtungen vorschreibt. Den Abschied sah er „als Neustart“, betont er heute. Für tausend neue Projekte hat der in Buenos Aires geborene Savary deshalb die Theater- und Musikertruppe „La Boîte à Rêves“ gegründet, mit Sitz im südfranzösischen Béziers, von wo aus Savary wie einst in den 60er-Jahren „tingelt“. Ein Family-Business, in dem auch seine Exfrau sowie eine Tochter mitarbeiten. Mit der anderen Tochter, einer Sängerin, steht er ab Herbst in Paris wieder in seiner Show über den 1959 verstorbenen französischen Autor, Jazztrompeter und Chansonnier Boris Vian auf der Bühne.

Name mit Zugkraft
Jérôme Savary, der Name, der wie französischer Schmelzkäse auf der Zunge zergeht, steht immer noch für gute Unterhaltung, und hat nichts von seiner Zugkraft verloren. Im Gegenteil. Das Erfolgsrezept des gefeierten Theatermagiers, der 1968 mit dem „Grand Magic Circus“ eine aus Laiendarstellern bestehende Truppe gründete und mit seinen ironisch wie temporeichen Showinterpretionen von „Carmen“ bis „Mutter Courage“ in die Thea­ter­geschichte einging, scheint gerade vor dem Hintergrund der Krise zu boomen. Während auch in Frankreich der allgemeine Theaterkartenverkauf um 80 Prozent zurückging, sind die aktuellen Produktionen der Savary-Truppe gut besucht und touren zwischen dem Libanon und New York. Über 200 Inszenierungen hat der Bühnenprofi bereits vorgelegt, „vielleicht waren manche davon schlecht, langweilig waren sie nie. Das Publikum zu langweilen ist eine Todsüde“, kritisiert er so manch aktuelles Theatergeschehen, obgleich er, wie er betont, derzeit wenig ins Theater gehe. „Mein Niveau sind im Moment eher Filme wie ‚Madagascar‘“, setzt er mit Grinsen nach und kramt zur Erklärung das Foto seiner achtjährigen Tochter hervor. „Mein Jungbrunnen. Mit ihr hol ich jetzt all die Zeit nach, die ich für meine schon erwachsenen Kinder nie hatte.“ Dazu zählen auch Kinobesuche von „Narnia“ bis „Shrek“. „Eine große Inspiration“, denn all diese Filme seien kurzweilig, intelligent aufbereitet und funktionierten auf mehreren Ebenen. „So sollte auch Theater sein. Ich bin generell der Meinung, dass Theater­abende, die über zwei Stunden dauern, von Amnesty International verboten werden sollten. Das ist meistens eine echte Qual.“

Savary trompetet im Ronacher
Unkonventionell und innovativ ist Savary geblieben. Er beruft sich gern auf seine turbulenten Anfänge. Als 19-Jähriger bestritt er in New York seinen Lebensunterhalt mit Jazzmusik, kämpfte sich in Paris als Chauffeur aller Größen der Branche durch. Kommt das Gespräch auf den Jazz, gerät der Meister ins Schwärmen, und eine Anekdotenflut über seine Erlebnisse mit Thelonious Monk oder Miles Davis setzt ein. „Ich halte Jazz neben dem Surrealismus für die nachhaltigste Strömung in der Kunst.“ Deshalb sei auch seine Produktion „À la Recherche de Joséphine“ jene, die ihm am meisten am Herzen liege. Er widmete das Musical nicht nur der Künstlerin, sondern dem Jazz, und erzählt die Geschichte der schwarzen amerikanischen Musik von Haiti bis Kuba und zum Boogie der 50er-Jahre. Beim Gastspiel der Produktion im Wiener Ronacher wird er auch selbst die Trompete spielen.

Tanzgirl und Résistance-Kämpferin
„Josephine“ erzählt die Lebensgeschichte der Tänzerin vor dem Hintergrund eines nach dem Sturm Katrina in Trümmern liegenden New Orleans. Wochenlang hat sich Savary in der Stadt am Mississippi aufgehalten und nach Jazzmusikern gesucht. Im Zentrum steht die 28-jährige Nicolle Rochelle ( im Bild ), „nicht die Schönste beim Casting, aber die Charismatischste und Kindischste“, wie er erläutert. „Sie wurde am besten jener Künstlerin gerecht, die nicht nur eine großartige Tänzerin war, sondern auch jemand, der sich über sich selbst lustig machen konnte“, definiert Savary, der Baker 1973, zwei Jahre vor ihrem Tod, noch persönlich traf. Die 1906 geborene Tochter eines jüdischen Schlagzeugers wuchs in Missouri in ärmlichen Verhältnissen auf und begann ihre Laufbahn bereits mit 16, sie tourte mit einer Vaudeville-Truppe durch die USA, ehe sie Engagements in Berlin und Paris bekam. Das groteske schwarze Tanzgirl eroberte das Publikum im Sturm und wurde zum Liebling der Künstlerszene, von Picasso bis Cocteau, der das berühmte Bananenröckchen für sie entwarf. Da sie in den USA unter Rassenvorurteilen zu leiden hatte, nahm sie 1937 die französische Staatsbürgerschaft an und arbeitete für Résistance wie Geheimdienst. Mit der Adoption von zwölf Wai­senkindern unterschiedlicher Hautfarbe protestierte die Künstlerin auf ihre Weise gegen Rassismus. Mit Savarys Show kehrt die Baker nun ins Ronacher zurück, wo sie bereits 1932 bejubelt wurde.

„Josephine“: 
In zwei Teile gegliedert, erzählt Jérôme Savarys Revue von den Vorbereitungen zu einer Show über die schwarze Venus, um danach ins Paris der 20er-Jahre zu entführen.
Wiener Ronacher, ab 6. 6., Premiere: Sa., 6. 6., 19.30 Uhr (bis 27. 6.).
Ab 30. 6. ist die Show auch beim Tanz­sommer in Innsbruck zu sehen.

Von Michaela Knapp

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