Jazz: "Amerikas beste Sängerin" Cassandra Wilson gastiert beim Salzburger Jazz-Herbst

Johannes Kunz stemmt ab 29.10. den 14. Salzburger Jazz-Herbst als hochkarätiges Genre-Kaleidoskop in die Mozartstadt. Highlight: eines der raren Konzerte von Cassandra Wilson am 7. November.

„Mein Ziel war es immer, das Songbook des Jazz zu erweitern, damit der Jazz am Leben bleibt“, diktierte im Jahr 2006 Cassandra Wilson ins Mikrofon eines Journalisten der „Hamburger Morgenpost“. Drei Jahre später darf befunden werden, dass die mittlerweile 54-Jährige ihr Zielvorhaben sehr gründlich umgesetzt hat: Seit 1993 beim legendären Jazz-Label „Blue Note“ unter Vertrag, ist „Amerikas beste Sängerin“ (© „Time Magazine“) auf ungebrochenem Erfolgskurs.

Mehr Vokalistin denn Jazzsängerin
Mit den beiden jüngsten Alben – „Loverly“ und „Closer To You“ – widmete Wilson sich, perfekt auf ihren erotischen, gleichwohl lehmigen Alt abgestimmt, einerseits der Rückschau auf eingängige Coverversionen von Popsongs ewiger Heroen zwischen Cyndi Lauper und U2, andererseits der Rückbesinnung auf swingende Jazz-Standards. Im Februar 2009 erhielt sie dafür einmal mehr: den Grammy als beste Jazzsängerin. Sie allerdings als solche zu bezeichnen wird Wilson nicht zur Gänze gerecht. Sie gehorcht vielmehr ihren eigenen Regeln und versteht sich als „Vokalistin“. – Wilson unterstreicht damit den Kunstcharakter; den Gesang als Teil des schöpferischen Prozesses: Eine Vokalistin steht nicht als Sängerin vor der Band oder dem Orchester, sie ist ein Teil davon. Das macht Wilson auch so einzigartig, hebt sie von den Gesangsdarbietungen fast des gesamten Restes der Musikwelt zwischen Klassik und Pop ab.

Expressivität und Künstlichkeit
Auch strategisch durchaus sinnvoll: „Die heroische Zeit der Jazzsängerinnen ist endgültig vorbei“, setzt etwa das Literaturmagazin „Titel“ zur Huldigung Wilsons an. „Zwischen den weiblichen Stars der Geschichte des Jazzgesangs und den heutigen Nachahmerinnen gibt es nur wenige, die eine ganz eigene Note einbringen. Die Interessanteste und Eigenwilligste ist Cassandra Wilson. Keine hat so sehr wie sie eine Synthese zwischen der Expressivität des frühen Jazz und einer demonstrativen Künstlichkeit angepeilt. Buchstäblich ein Kind des Rockzeitalters, wird bei der Vokalistin Wilson Authentizität zugunsten der stimmlichen Virtuosität, der Klanggestaltung und der differenzierten Phrasierung dispensiert.“

Jazzwurzeln in Mississippi
„FAZ“-Autor Wolfgang Sandner beschreibt Cassandra Wilson folgerichtig als „Sphinx des neuen Jazz, die gewissermaßen die gesamte Jazzgeschichte im Kehlkopf hat“. Das ist vielleicht sogar ein bisschen untertrieben, wenn man ihren Background beleuchtet: Wilson kam 1955 als Tochter eines Briefträgers und einer Lehrerin in Jackson, Mississippi, zur Welt. Papa Herman B. Fowlkes war zudem Jazzgitarrist bei Ray Charles. Klein Cassandra-Marie wuchs mit viel Musik, auch von Nancy Wilson, Nina Simone, Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughan, auf. Im Alter von sechs Jahren begann sie Klavier und Klarinette zu lernen, als „richtiger Hippie“ galt ihr Interesse in den 1970er-Jahren dann aber der Gitarre und – in den Folk-Clubs von Jackson – dem Liedgut von Joan Baez, Bob Dylan, Richie Havens, Judy Collins oder Joni Mitchell.

Erster Grammy für "New Moon Daughter"
Im versunkenen New Orleans der Zeitenwende von den 1970er-Jahren zu den 1980ern trat sie ebenso hingebungsvoll als Sängerin unter den Fittichen eines Ellis Marsalis in Erscheinung, wie sie sich mit Holzblasexperimenten eines Alvin Batiste oder Kidd Jordan auseinandersetzte. 1981 mit Anthony Wilson vermählt, zog sie schließlich nach New York, wo sie sich mit Steve Coleman und Graham Haynes im Kollektiv „M-Base“ auf den Pfaden Betty Carters und Abbey Lincolns als Role Model einer Band-Leaderin wiederfand, sich scheiden ließ und – wenn schon free – den Funk abstrahierte. Zumindest in dieser Rolle kam Wilson eher wenig zur Geltung; die erlangte sie schließlich als Solistin 1996 mit ihrem ersten Grammy für das Album „New Moon Daughter“; als sie den Grundstein legte für ihren unverwechselbaren Parcours durch Blues, Gospel, Pop, Country, Folk, nigerianische Yoruba-Music und Jazz.

Lust an Gegensätzlichkeit
„Jazz ist eben auch ein Spiegel des Zeitgeistes“, sagt die studierte Kommunikationswissenschaftlerin, die damit nicht nur sozialwissenschaftlich sozialisiert ist, sondern auch höchst pragmatisch den Mainstream als solchen für sich apperzipieren kann. Das nennt man gemeinhin Marketing, und als ehemalige PR-Managerin eines TV-Senders hat sie davon mehr als nur Ahnung: Ihre jeweiligen Tonträger verkaufen nicht selten an der Millionengrenze schrammend, und im modisch bewussten Designerfummel auch mal als Claxton-Model etwa für die „Vogue“ firmierend, bewies sie letztlich auch bei der Auswahl ihres zweiten Gatten ein glückliches Händchen: Wilson ist heute mit dem preisgekrönten französischen Schauspieler Isaach De Bankolé („Ghost Dog“, „Casino Royale“) verheiratet; sie trat aber auch schon selbst als Akteurin in Erscheinung. Die Lust an Gegensätzen ist ungebrochen, geändert hat sich nur die Intention. Heute meint Wilson, einst als „Hohepriesterin der Melancholie“ gefeiert: „Die besten Jahre liegen wohl noch vor mir.“ – Wouldn’t it be loverly?
Überprüfbar am 7. 11. im Großen Festspielhaus (19.30 Uhr) beim Salzburger Jazz-Herbst (29.10. – 8.11., www.jazz-herbst.at ).

Wolfgang Lamprecht

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David Sanborn: Der Saxofonprofi kommt mit Band am 17.11.
ins Konzerthaus.
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