Jamie Cullum in Wien: Der Beckham des Jazz gastiert beim Jazz Fest Wien

Das Jazz Fest Wien wurde heuer rund um die Fußball-WM programmiert. Zwischen 30. 5. & 9. 7. gastiert eine Vielzahl von Stars an besonderen Spielorten. Den Anstoß führt Jamie Cullum aus.

Im April 2003 hüpfte der Twentysomething-Youngster Jamie Cullum nach gerade einmal 700 verkauften CDs seines kokett „Heard It All Before“ betitelten Debütalbums munter in das Headoffice des Major-Labels Universal Music in London, warf rasch einen Blick auf die Verträge, unterschrieb und hatte damit gleichsam eine Million Pfund Startkapital zur Etablierung seiner ungewöhnlichen Blitzkarriere.

Zeit für lange Betrachtungen über diese im Genre Jazz selten eingesetzten Füllhörner hatte der britische Singer-Songwriter schon damals nicht: Er musste auf Einladung von Prince Charles zur Geburtstagsparty der Queen. Und gleich danach auf seine erste Promotiontour durch Europa, die den autodidaktisch ausgebildeten ehemaligen Schiffs-, Bar-, Club- und Bar-Mizwa-Pianisten in überfüllte Stadien verschlug. Ihm aber in rascher Abfolge – und Hand in Hand mit den damit einhergehenden medialen Superlativen – den British Jazz Award, den BBC-Award „Artist of the Year“ und Nominierungen beim Brit Award und beim Golden Globe für seine Musik zu Clint Eastwoods Film „Gran Torino“ eintrug.

Showman und Womanizer

Universal darf sich nachhaltig freuen, das Investment des Unterhaltungsmultis hat sich mehr als bezahlt gemacht: Fünf Jahre und über insgesamt fünf Millionen verkaufte CDs später spielt der nun 30-jährige smarte Multiinstrumentalist, den seine 137.000 Facebook-Fans wahlweise David Beckham oder Robbie Williams des Jazz nennen, zum Auftakt des diesjährigen Jazz Fest Wien: am 30. Mai im bereits seit längerem ausverkauften Austria Center Vienna. Einmal mehr werden Tausende kreischende (vorwiegend weibliche) Fans ob des wie ein Gummiball über die Bühne wirbelnden und unter, auf, neben und hinter seinem Piano tanzenden Sängers und des Repertoires der Songs unserer Großeltern und Eltern in schiere Verzückung geraten.

BH-Werfen inklusive

Und das, obwohl Cullum zu Beginn dieses Jahres standesgemäß das ehemalige Übergrößen-Supermodel („Elle“, „Harper’s Bazaar“, „Vogue“) Sophie Dahl, Kochshow-Frontfrau, Schriftstellerin und ­Enkelin des Bestsellerautors Roald, ehelichte. Und damit vergeben ist. Kein Zweifel: Der vibrierende Schimmer des Glamours breitet sich wieder über die Jazzszene. Das ist verständlich: Denn zum einen sieht der britische Entertainer – sein Vater stammt aus Israel, seine Mutter aus Burma – eher wie ein Popstar denn wie ein Jazzer aus. Zum anderen verhält er sich auch so: Ehe er etwa zu seiner jetzigen Welttournee aufbrach, nahm er von all seinen Freunden gebührend Abschied.

Dazu mietete er für 30.000 Pfund Londons Clapham Grand Club und gab einen Gratis-Farewell-Gig. In einer kleinen Rede teilte er seinen Gästen, darunter Kevin Spacey, Natalie Imbruglia, TV-Koch Jamie Oliver und natürlich Ehefrau Sophie Dahl, mit: „Nach diesem Abend werde ich viele von euch monatelang nicht sehen – das bezieht sich leider auch auf meine wundervolle Frau.“

Musiker mit Anstand

Ein Mann mit Manieren, samt professioneller Interaktion mit der Fanbase: „Live entriegelt Cullum versteckte Energien und kultiviert einen Spielwitz, der seinesgleichen sucht“, schwärmt etwa der heimische DJ Samir Köck. Die Musik, die er macht, klingt nicht zuletzt aufgrund seiner reifen und ausgeprägten Rockröhre ohnehin so, als würden Popmusiker ihren Hits ein jazziges Gewand geben. Was ja auch irgendwie der Fall ist. Denn ob Hendrix, U2 oder Beach Boys, ob Nat King Cole, Sinatra, Rihanna, ob Musicalhit, Jazz-Standard oder immer häufiger auch eigene Songs – bei Cullum findet die gecoverte Popgeschichte ihren kleinsten gemeinsamen Nenner, indem er, von jugendlichem Sturm und Drang beflügelt, das einschlägig bekannte Material clever aus seinem bisherigen Kontext löst und respektlos und spielerisch in fette Gute-Laune-Designs zwischen fröhlichen Swing und erdigen Reggae, hippen R&B und poppigen Folk zwängt. Partymix!

Hohes Niveau auch in den Charts

Cullums jüngstes Album, „The Pursuit“, schaffte es in Großbritannien unter die Top 20, in den USA in die Top 40 und in Österreich unter die Top 30. Verantwortlich für diese Erfolge sind natürlich auch Cullums Wegbegleiter wie Burt Bacharach, Guy Chambers (Robbie Williams, Kylie Minogue), Salaam Remi (Fugees) oder Stewart Levine (Simply Red). Aber auch ­Musikgefährten wie die Jazzkapazunder Toots Thielemans oder jene der Count Basie Band.

Crossover at it’s best. „Ich werde immer als Jazzmusiker beschrieben, und das ehrt mich natürlich. Aber ‚The Pursuit‘ ist meiner Meinung nach fast
ein Rockalbum. Anders gesagt: Wenn das Album eine Person wäre, wäre das Herz aus Jazz. Aber die Haut, die Knochen und die Organe sind aus Pop, Rock, Funk und Hip-Hop gemacht. Für mich sind diese Musikrichtungen nicht so weit vonein­ander entfernt, wie viele denken“, sagt Cullum über sein Musikverständnis. „Ich glaube schon, dass ich mit dieser Musik noch Neues schaffen kann und frisch klinge. Das heißt nicht, dass ich neue ­Instrumente erfinden muss oder neue Songs, das heißt, dass man seiner eigenen musikalischen DNA auf die Spur kommen soll und die eigenen Visionen von jenen Songs, die man liebt und mag, umsetzt.“

Wolfgang Lamprecht

Leben

Vinyl-Boom bringt Kult-Plattenspieler zurück

Kultur & Style

ePaper Download: Das Ranking der 500 wichtigsten Künstler Österreichs

Kultur & Style

★ David Bowie: Starman, Waiting in the Sky★