Irving für alle

Irving für alle

In seinem neuen Roman "In einer Person“ greift John Irving tief in die Schatzkiste seiner drastischen, ausladenden Erzählkunst.

Der ehemalige Ringer in John Irving braucht nie lange, bis er zum Vorschein kommt. Da ist die tätowierte Ringermatte auf der Innenseite seines rechten Unterarms. Da ist seine Überzeugung, dass es am Anfang eines neuen Buchs immer null zu null stehe, und da sind Sätze wie "Man muss auf eine Geschichte zugehen wie auf einen Gegner“. Im März ist Irving siebzig geworden; vor fünf Jahren hat ihn der Prostatakrebs in die Knie gezwungen, doch der "Dickens der US-Literatur“ hat sich aufgerappelt und entschieden, noch ein bisschen länger auf Erden zu bleiben, vor allem, damit seine Söhne und seine Frau ohne ihn "nicht übers Ohr gehauen werden“.

Das Leben - ein Kampf! Das Schreiben wie der Sport - eine Frage von Disziplin und Wiederholung. Weniger eine Kunst als ein Handwerk. Ursachenforschung, Metaebene? Wen interessiert das? "Scheiß auf die Kausalität“, lässt Irving den Helden seines neuen Romans "In einer Person“ sagen. Die Figuren seiner Bücher bleiben in Bewegung, und das Leben bricht oft mit aller Gewalt über sie herein, beutelt sie durch und spuckt sie wieder aus. Wenn sie Glück haben. Ebenso oft sterben sie - wie in "In einer Person“ - bei verheerenden Autounfällen, pusten sich in der Badewanne mit einer Flinte den Hinterkopf weg, krepieren elendiglich an Aids oder sterben mit 73 an den Folgen einer Kneipenschlägerei mit vier Gegnern, weil sie "keinem Kampf aus dem Weg gehen“ können. Deutlicher und drastischer als Irving kann man kaum werden: bei Sex- genauso wie bei Gewaltszenen. Schwache oder abwesende Männer und dominante, eigensinnige Frauen bevölkern seinen Erzählkosmos. Es gibt jede Menge Schmerz und Trauer, Ergriffenheit und Sehnsucht, verborgene Geheimnisse und verheerende Familiendramen. Für jede Träne entschädigt ein ironischer Seitenhieb oder eine innige Umarmung, und immer, immer sind seine Helden am Ende nach langen Irrfahrten klüger, als sie es vorher waren. Von Irvings allmächtiger Erzählstimme begleitet, werden sie zu Siegern, die auf der Achterbahn des Lebens in die Lehre gegangen sind.

Aus dem Vollen geschöpft

Die kurze, prägnante Form ist nicht Irvings Sache. Seine Bücher sind dicke Wälzer aus der Kategorie Page-Turner. Der Erfolg hat Irving seit seinem Durchbruch 1978 mit "Garp und wie er die Welt sah“ nicht mehr verlassen. Es war schon sein vierter Roman, und bis dahin hatte er gedacht, es würde ewig so weitergehen: halbprofimäßig ringen, als Lehrer unterrichten und Romane schreiben, "die keiner lesen will“. Nun, nicht ganz.

Über zehn Millionen Bücher hat der arbeitswütige Haudegen der US-Literatur bis heute verkauft, von seinen zwölf Romanen - darunter die All-time-Klassiker "Hotel New Hampshire“, "Gottes Werk und Teufels Beitrag“ und "Owen Meany“ - sind fünf verfilmt worden. Kein Wunder, an dramatischen, farbenprächtigen, emotional aufgeladenen Szenen, die sich bestens fürs Kino eignen, herrscht bei Irving nie Mangel. Auch hier behielt Irving die Zügel stets in der Hand. Die Drehbücher hat er selbst geschrieben. Für sein Skript zu "Gottes Werk und Teufels Beitrag“ streifte er im Jahr 2000 auch noch den Oscar für die beste Drehbuchadaption ein. Auf Deutsch erscheint keines seiner Bücher unter einer Startauflage von 150.000 Stück. Es gibt keinen noch so entlegenen Bahnhofskiosk-Buchständer, auf dem nicht mindestens ein Irving-Roman zu finden wäre.

Das ist eine beeindruckende Karriere für einen ehemals stillen, legasthenischen Buben, der damit haderte, seinen leiblichen Vater nicht zu kennen, als Elfjähriger von einer älteren Frau missbraucht wurde - was er selbst allerdings deutlich milder "sexuelle Initiation“ nennt - und als Halbwüchsiger mit dem Ringen anfing, damit er nicht ständig eine auf die Schnauze bekam. Da war er 15. Zur selben Zeit begann er mit dem Schreiben. Charles Dickens’ Roman "Große Erwartungen“ gab dafür den Ausschlag.

Ein bewährtes Rezept

Bill, der Held in Irvings jüngstem Roman "In einer Person“, hat einiges mit seinem Erfinder gemein: Wie Irving wurde er im März 1942 geboren, wie bei ihm gibt es einen abwesenden leiblichen Vater und einen geliebten Stiefvater, und wie in seiner Kindheit sind es die Frauen im Haus, die das Sagen haben. Da ist die Laien-Schauspielbühne, die sowohl in Bills wie auch in John Irvings Jugend eine so große Rolle spielte, die Liebe zur Literatur und die Mutter als Souffleuse. Natürlich sind auch alle üblichen Motiv-Zutaten zu Irvings Erfolgsrezept vorhanden: Wien und die deutschsprachige Literatur, Ringkämpfe und Ringertrainer, die alle möglichen Lebensweisheiten auf Lager haben. Da ist Neuengland als Herkunftsort, die Sehnsucht nach dem Schreiben und die sexuelle Experimentierlust. Bill braucht einige Zeit, bis ihm klar ist, dass er bisexuell ist - und bis er feststellt, dass auch jeder Zweite in seiner Umgebung etwas anderes ist, als er vorgibt zu sein: ein Großvater im Fummel, eine umoperierte Bibliothekarin, Transvestiten und Schwule, Lesben und Serien-Monogamisten - dazwischen Irvings Held, der zwischen San Francisco und New York, Spanien und Vermont seinen Platz im Leben sucht und wie sein Erfinder Schriftsteller wird. Das ist Irvings Spielfeld für dieses Mal. Was im Buch ein Freund über einen von Bills Romanen sagt, könnte genauso gut auch für Irvings eigenes Schreiben gelten: "Dieselben alten Themen, nur besser in der Ausführung - Appelle um Toleranz werden nie langweilig.“

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