Interview: Ildebrando D'Arcangelo, Mozarts gefallener Engel

Ildebrando D'Arcangelo singt bei den Salzburger Festspielen erstmals den Schwerenöter Don Giovanni. Der Bassbariton im FORMAT-Interview über Rollenwahl, Image und Rampenlicht.

Interview: Ildebrando D'Arcangelo, Mozarts gefallener Engel

Ildebrando D'Arcangelo - diesen Namen muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Ein klingender Erzengel, wie geschaffen für die Musik. Im Salzburger Café schielen die Damen vom Nachbartisch neugierig herüber. Wildes Getuschel. Der Mann mit den dunklen Korkenzieherlocken und den vollen Lippen lächelt verlegen. Zum Glück wird er so gut wie nie erkannt. Man will es ihm zunächst nicht so recht glauben. Doch schnell wird klar: Der italienische Bassbariton, unschlagbar gut aussehend und doch frei von Macho-Gehabe, konzentriert sich tatsächlich auf das Wesentliche - die Musik. Ildebrando D'Arcangelo ist derzeit einer der besten Mozart-Sänger weltweit. Giovanni, Leporello, Guglielmo, Alfonso, Figaro und Conte - der italienische Bassbariton mit dem kräftig-dunklen Timbre hat sie in den letzten Jahren in den großen Häusern der Opernwelt zwischen Wien und London, Paris, New York und Mailand alle gespielt. In Salzburg sind in diesem Sommer alle Augen auf Ildebrando D'Arcangelo gerichtet: Er spielt hier den berühmtesten Schwerenöter der Musikgeschichte - Mozarts Don Giovanni.

FORMAT: Sie waren lange Jahre der gefragteste Leporello. Wie erklärt man den Damen und Herren in der Oper, dass man plötzlich lieber seinen Herrn spielen möchte?

Ildebrando D'Arcangelo: Mit sehr viel Überzeugungsarbeit! Denn was sich einmal bewährt hat, wird im Opernbetrieb gern weiter und wieder engagiert. Man war lange Zeit der Meinung, dass ich wegen meines komischen Talents der geborene Leporello bin, dabei habe ich mich immer danach gesehnt, den Don Giovanni zu singen. Außerdem ist es doch furchtbar langweilig, andauernd ein und dieselbe Rolle zu singen. Bei dieser Oper liegt die große Herausforderung natürlich darin, die ideale Paarung zu finden. Denn Giovanni kann nicht ohne Leporello und Leporello kann nicht ohne Giovanni.

Macht es mehr Spaß, den Bösewicht zu spielen?

D'Arcangelo: Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich immer in verschiedene Rollen schlüpfen kann. Wobei ich mir gar nicht mehr so sicher bin, ob ich Giovanni heute noch als Bösewicht bezeichnen würde. Das wäre viel zu oberflächlich. Giovanni ist ein faszinierender Mann, der Anziehungskraft und erotische Ausstrahlung besitzt. Natürlich ist er auf den ersten Blick ein notorischer Lügner, ein Sadist und ein Mörder.

Und auf den zweiten?

D'Arcangelo: Ich habe mich bisher immer mit dem psychologischen Aspekt der Figur beschäftigt. Warum handelt er so? Was treibt ihn dazu? Giovanni ist ein impulsiver Kerl, der im Moment lebt und nicht eine Sekunde lang an die Konsequenzen seines Handelns denkt. Er ist auf der Suche nach einem Glück, das er nie finden wird.

Aber gerade das macht doch einen rücksichtslosen Egoisten aus...

D'Arcangelo: Ja und nein. Man könnte ihn als Täter verurteilen, der die Frauen in emotionale Abhängigkeiten bringt. Gleichzeitig aber lassen sich die Frauen sehr bewusst auf eine Beziehung zu Giovanni mit allen Konsequenzen ein. Sie projizieren hier all ihre Wünsche und Sehnsüchte: Donna Anna sucht das Abenteuer und die romantische Liebe, die sie bei Don Ottavio nicht findet. Donna Elvira, der er die Ehe versprochen hat, folgt ihm trotz seines Verrats unter dem Vorwand, alle vor ihm warnen zu wollen. Man begreift sofort, welche Faszination von diesem Verführer ausgehen muss, man erliegt ihr ja selbst.

Empfindet Giovanni so etwas wie Schuld?

D'Arcangelo: Man weiß es nicht genau. Das ist eines der Geheimnisse dieses Stücks. Mich fasziniert vor allem der Aspekt des Todes. Nach außen hin tut Giovanni so, als wäre die Geschichte mit dem Mord längst vergessen, aber tief in seinem Inneren weiß er, dass es nicht vorbei ist. Der Komtur erscheint als mahnende Konsequenz von Giovannis Verhalten. Mit den Frauen tut er sich leicht, aber mit dem Tod? Da wird der Jäger plötzlich zum Gejagten.

Das Leitmotiv dieser Inszenierung lautet: "Viva la libertà!" Welche Freiheit ist damit gemeint?

D'Arcangelo: Keine Regeln! Im realen Leben halten wir uns doch alle an gewisse Konventionen. Manchmal brechen wir sie auch, vor allem in der Liebe, und fühlen uns dann schuldig. Giovanni hält sich an gar nichts. Nicht einmal unter Androhung der Hölle kann ihm das Handwerk gelegt werden.

Wir leben heute in einer Welt ohne Tabus und ohne Scham. Wie schafft man es, so ein Stück intelligent zu inszenieren?

D'Arcangelo: Indem der Regisseur das zeigt, was man nicht sieht.

Was muss ein guter Regisseur mitbringen?

D'Arcangelo: Intelligenz und Wissen. Wenn ich auf der Bühne stehe, brauche ich jemanden, der mir seine Vision überzeugend vermittelt. Schließlich geht es nicht um meine eigene Sichtweise des Charakters. Früher habe ich mich vor modernen Inszenierungen gefürchtet, heute finde ich sie bereichernd - solange man das Libretto und die Musik respektiert.

Wollen Sie Ihrem Kernrepertoire treu bleiben?<(i>

D'Arcangelo: Ich werde immer Mozart singen. Seine Musik ist überirdisch schön. Rossini gehört natürlich auch zu mir, er ist Teil meines Weges. Glücklicherweise tun sich bei mir jetzt jede Menge neue Türen auf. Ich singe zwei echte Bösewichte, nämlich den Mephisto aus Gounods "Faust" und jenen des Berlioz-Pendants. Außerdem kommt jetzt die Zeit für die großen Verdi-Rollen wie Attila, Simone Boccanegra und in ein paar Jahren hoffentlich auch Don Carlo. Das Operngeschäft ist heute so schnelllebig, da gehe ich es lieber langsam an. Manchmal lasse ich eine Rolle liegen und komme erst ein paar Jahre später wieder zu ihr zurück. Dabei versuche ich immer wieder neue Wege zu bestreiten und Platz für Spontaneität offen zu lassen.

Ich habe gelesen, dass Sie nach einer Vorstellung am liebsten durch den Hintereingang verschwinden würden.

D'Arcangelo: Ich bin schüchtern. Rote Teppiche sind einfach nicht mein Ding. Ich mag das Rampenlicht, aber nur im Theater. Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich alles, nur nicht Ildebrando. Dann stürze ich mich mit Haut und Haaren in die Rolle. Das kostet unheimlich viel Kraft. Divo sein hingegen interessiert mich überhaupt nicht. Ich will meine Arbeit möglichst gut tun und dann glücklich nach Hause gehen.

Klingt nach sehr viel Disziplin und ein wenig Einsamkeit.

D'Arcangelo: Als Sänger gebe ich mein Leben für die Stimme. Das Alleinsein ist natürlich schwierig. Wer seine Arbeit liebt, muss eben Opfer bringen. Aber keine Sorge, ich bin kein Heiliger.

Diesen Eindruck bekommt man auch nicht, wenn man sich Ihre Fotos ansieht. Die sind ziemlich verführerisch.

D'Arcangelo: Finden Sie? Ich sehe im Alltag doch auch so aus, mit Jeans, Hemd und Jacke. Bestimmt ist es heute wichtiger, ein gewisses Image verpasst zu bekommen, mit dem sich ein Produkt besser verkaufen lässt. Das Auge isst schließlich mit. Trotzdem geht es in erster Linie um die Musik. Die Oper ist kein Schönheitswettbewerb. Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Mir ist es eher unangenehm, wenn ich auf mein Äußeres angesprochen werde.

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