Interview mit Elisabeth Orth: "Man erlebt Irrsinniges"

Burg-Doyenne Elisabeth Orth veredelt selbst jede Nebenrolle zum Bühnenereignis. Aktuell probt sie für die Salzburger Festspiele Karl Kraus’ Stück "Die letzten Tage der Menschheit“. Ein Gespräch über den Familienclan, Disziplin und Salzburg als historisches Pflaster.

Interview mit Elisabeth Orth: "Man erlebt Irrsinniges"

Format: Sie sind seit fast einem halben Jahrhundert Ensemblemitglied des Burgtheaters. Wie empfinden Sie die aktuelle Krise des Hauses?

Elisabeth Orth: Ich habe meinen Vertrag Weihnachten 1969 bekommen, und ich weiß gar nicht, wann wir seither keine Burgtheaterkrise hatten. Eine, die sich um Finanzen dreht, wurde früher allerdings nicht so sehr beachtet. Die Medien stürzen sich nun darauf. Die Sache ist bekanntlich gerichtsanhängig, und ich hoffe, dass sämtliche Beteiligte gut vertreten sind. Für uns im Haus gilt, zu tun, was wir immer tun: weiter arbeiten und nach vorne schauen.

War die Situation nicht prekärer als die Krisen, die Sie bisher erlebt haben?

Orth: Natürlich war das anders. Die Causa ist mit Silvia Stantejsky an einer Person festgemacht, die wir seit Jahrzehnten lieben, mögen und um Rat fragen. Sie war eine Vertrauensperson im besten Sinne. Umso größer war der Schock für den Großteil des Ensembles. An die künstlerische Substanz ist das alles aber nicht gegangen. Dazu sind wir zu sehr Berufsmenschen. Egal, was passiert, wir müssen am Abend oben stehen, das ist ehernes Gesetz, seit ich beim Theater bin. Der Vorhang muss hochgehen, ob es mir schlecht geht oder meinen Freunden. Selbst wenn Todesfälle auftreten, denkt man, man hat seine Arbeit. Das ist auch ein gewisser Lebenshalt.

Was hat sich denn am Beruf verändert, seit Sie ihn ausüben?

Orth: Die Medien sind durch die Lücken in das Haus gekrochen. Kein Vergleich zu früher! Da waren Zeitungsinterviews Seltenheit und Bekanntschaften mit Kritikern verpönt. Die jungen Leute brennen heute anders. Viele junge Kollegen nehmen den Beruf auf die leichte Schulter - man ist ja heute schnell ein Star - betreiben ihn als Lebensabschnittsberuf, den man wieder lässt, wenn man merkt, dass das doch Arbeit ist. Aber man muss brennen für den Job, an beiden Enden der Kerze.

Was macht denn das gewisse Etwas eines Schauspielers auf der Bühne aus?

Orth: Man merkt natürlich sofort, ob jemand eine gewisse Energie und Ausstrahlung hat, aber es gibt auch die Vorsprechkaiser, die alle überzeugen, und auf der ersten großen Probe ist dann vom Glanz nur mehr die Erinnerung da. Das muss man als Intendant wie Regisseur wissen. Mich begeistert, wenn ein Schauspieler neugierig ist und in der Neugier brennt.

Was lässt Sie für eine Rolle brennen bzw. was hat Sie bewogen, die vielen kleinen Rollen - vom Mariechen bis zur Frau Bachstelz - in den "Letzten Tagen der Menschheit“ anzunehmen?

Orth: Ich wollte eigentlich im Sommer Urlaub machen, dann kam unsere Neochefin Karin Bergmann zu mir und hat mich gefragt, ob ich mir die Produktion vorstellen könnte. In der Sekunde habe ich zugesagt und den Urlaub in dieser schwierigen Lage dem Haus geschenkt. Das Brennen für diese Rollen kam erst langsam. Bei mir muss der Jagdinstinkt erwachen, dann geht’s los. Diesmal habe ich ja gleich mehrere Fährten zu verfolgen: Ich kannte den Regisseur Georg Schmiedleitner gar nicht. Jetzt merke ich, er lässt mich von der Leine - das kokst die Kreativität hoch. Ich glaube, wir könnten diese schwierige Produktion schaffen, weil das ganze Team etwas nicht will: kein Kabarett und keine Betroffenheitsorgie.

Ihre ehemalige Lebenspartnerin, Regisseurin Andrea Breth, betont gerne, dass es ihr um Stücke, und nicht Selbstverwirklichung in der Arbeit geht. Was suchen Sie in einer Rolle?

Orth: Etwas von mir, was ich noch nicht kenne. Und ich finde immer noch etwas und denke mir dann oft: Warum bin ich da nicht früher draufgekommen? Aber das hält einen neugierig. Solange da ein Reservoir ist, übe ich den Beruf aus.

Hat das auch einen therapeutischen Ansatz?

Orth: Wenn ich den Beruf nicht hätte, wäre ich weniger: als Person, als Frau, als Mensch, weil ich weniger erlebt hätte. Denn man erlebt Irrsinniges und muss die Zügel seiner selbst straff halten, dass man nicht überschlägt. Denn das tut dem Beruf nicht gut.

Nun spielen Sie bei den Salzburger Festspielen, die bereits seit drei Generationen von der Familie Hörbiger geprägt sind: Ihr Vater, Attila, war acht Saisonen der "Jedermann“, Mutter Paula Wessely machte den "Glauben“ zum Ereignis, Schwester Christiane Hörbiger war die "Buhlschaft“, Sie selbst die "Guten Werke“. Ihr Sohn Cornelius Obonya ist in der zweiten Saison der neue "Jedermann“ … ein Heimspiel?

Orth: Die Familiensage sagt, ich bin sogar dort gezeugt worden - klar spielt die Familienbande da immer mit hinein. Das ist historischer Boden für uns. Aber wir alle nehmen das nicht so wichtig, wie es die Medien tun. Ich sehe noch meine Mutter in "Jedermann“ als "Glaube“ mit einer gestärkten Nonnenhaube, die sie nicht mochte, weil der Wind sie ihr ins Gesicht trieb. Ich sehe meine Schwestern und mich, schön angezogen mit dem Vater - schon in Kostüm und Maske über den Platz gehend. Dann war er plötzlich weg und stand auf der Bühne. Und wir durften über die Brüstung schauen. Also wenn ich über den Domplatz gehe, betrete ich bei jeden Schritt ein Stück Familiengeschichte.

Kommt der ganze Clan heuer in Salzburg zusammen?

Orth: Nein, sicher nicht, das kommt nur ganz selten vor, bei Hochzeiten und Begräbnissen. Wir sehen uns alle gar nicht so oft. Ich freue mich schon, wenn ich meinem Sohn zwischen unseren unterschiedlichen Proben in Salzburg über den Weg laufe.

Sind Sie stolz auf ihn als "Jedermann“?

Orth: Ich bin ganz vorsichtig mit dem Wort stolz, aber ich freue mich von Kopf bis Fuß für und mit ihm. Ich war auch sehr gefasst bei der Premiere im Vorjahr. Er hat das wunderbar gemacht. Er überrascht mich immer wieder, schlägt neue Volten.

Sie waren ja sehr lange kritisch seinem Beruf gegenüber, haben ihm prophezeit, dass er erst ab 40 so richtig durchstarten würde. Eine harte Ansage.

Orth: So war es auch. Ich habe halt den gleichen Käse gesprochen wie meine Eltern. Er hat viel Lehrgeld gezahlt, wie wir alle. Aber er hat es durchgezogen. Ich bin ja in meiner Jugend um den Job eher wie die Katze um den heißen Brei gekreist. Das hat mich sicher zwei Jahre gekostet. Ich habe mich einfach nicht getraut. Ich war Regieassistentin beim "Hamlet“ an der Josefstadt, und der Oskar Werner hat damals zu mir gesagt: "Sei nicht traurig, so etwas wie dich muss es auch geben.“ Dann wollte ich es wissen und ging ins Reinhardt Seminar. Das war meine erste von ganzem Herzen getragene Emanzipation.

Sind nach all den Jahren noch Rollenwünsche offen?

Orth: Nein. Ich hatte auch nie eine Lieblingsrolle. Es ist immer die, die gerade in der Arbeit brennt.

Es scheint, als würden die Rollen für Frauen mit zunehmendem Alter spannender?

Orth: Die Ebbe liegt hinter mir. Wenn man sein Alter herzeigt, kann man den Beruf ziemlich lange ausüben. Das ist der Vorteil eines erstklassigen Ensembles.

Haben Sie heute noch Lampenfieber?

Orth: Natürlich. Obwohl ich es als unangenehm empfinde, würde mir ohne sogar etwas fehlen. Aber man kann es mit Disziplin bekämpfen: Man muss vor einer Vorstellung immer rechtzeitig im Theater sein, schauen, dass der Alltag draußen bleibt, und mit dem Text schon am Vormittag leben. Dann hat man das Gefühl, man hat nicht geschwänzt.

Wie geht es Ihnen mit dem Text Lernen?

Orth: Das ist die unfreundliche Seite dieses herrlichen Berufes. Schon mein Vater hat sehr schwer gelernt und sich Eselsbrücken ins Textbuch notiert. Am Anfang liegt das Textbuch überall und wird mit Leidenschaft weggeschoben, aber gelernter Text gehört zur Arbeit, schon vor Probenbeginn. Es ist wie in der Taferlklasse beim Gedichte auswendig Lernen: Das ist Training, Training, Training.

Die Salzburger Festspiele sind längst zur großen Eventmaschine geworden: eine zeitgemäße Form der Festspielidee?

Orth: Wenn ich gültige Antworten wüsste, hätte ich schon ein neues Festival auf die Beine gestellt. Begonnen hat es mit Richard Strauss, Toscanini, Hofmannsthal und Max Reinhardt, die Qualität für die Massen produzieren wollten. Heute sind die Salzburger Festspiele ein Riesenstaatsevent geworden, eine Krake, ein Wirtschaftsfaktor. Das Wort Umwegrentabilität spielt eine große Rolle. Manchmal denke ich mir, ein bisschen weniger davon und mehr Kunst wäre fein. Aber das ist leicht gesagt. Der Medienrummel um die Stars ist in Salzburg allerdings nichts Neues, wenn man an Herbert von Karajan denkt. Aber natürlich wird auch das heute stärker gepusht, um im Rennen zu bleiben.

Ihr Geburtshaus, die Villa in der Himmelstraße, wurde gerade verkauft. Das Zuhause einer Dynastie und vieler Erinnerungen. Macht das wehmütig?

Orth: Das ist für mich schon lange abgeschlossen. Ich habe zu meinen Schwestern gesagt: "Ich brauche das Haus nicht, ich habe es in mir.“ Ich kann fast das Türenknarren hören zu meines Vaters Zimmer oder die Schritte meiner Mutter auf der Treppe. Im Haus drehte sich natürlich immer alles ums Theater. In meinem Leben dreht sich viel, aber nicht alles ums Theater.

Zur Person

Elisabeth Orth wurde am 8. Februar 1936 als Tochter des Schauspielerpaares Attila Hörbiger und Paula Wessely geboren und debütierte ihrerseits 1965 am Burgtheater. Um nicht ganz als "Hörbiger“ vereinnahmt zu werden, nahm sie den Familiennamen der Großmutter mütterlicherseits an. Seit 1969 ist sie Ensemblemitglied an der Burg, wo sie nach vier Jahren an der Berliner Schaubühne jede noch so kleine Nebenrolle zum Ereignis veredelt. Zuletzt war sie etwa als "Ophelia“ in der "Hamlet“-Inszenierung ihrer ehemaligen Lebenspartnerin Andrea Breth zu sehen. Die Mutter von Cornelius Obonya setzt sich an vorderster Front gegen Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit ein.

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