In seinem neuen Roman lässt Michel Houellebecq sich selbst ermorden

In seinem neuen Roman lässt Michel Houellebecq sich selbst auf bestialische Weise ermorden – und ist doch zurückhaltender als je zuvor. Frankreichs Skandalautor Nummer 1 bekam dafür den Prix Goncourt.

Mit 10 Euro dotiert, ist das Preisgeld des Prix Goncourt, des wichtigsten französischen Literaturpreises, rein symbolisch. Zu barer Münze lässt er sich trotzdem machen. Rund 400.000 Exemplare gehen im Durchschnitt vom Gewinnerbuch über den Ladentisch. Nicht, dass der letzte Preisträger eine Ankurbelung seiner Buchgeschäfte notwendig hätte. Er ist der meistgelesene Autor Frankreichs und einer der wenigen französischen Schriftsteller seiner Generation, die auch international als Stars gelten: Michel Houellebecq, 53.

Das Buch, für das Frankreichs Skandalautor Nummer 1 im vergangenen November mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, heißt „Karte und Gebiet“. Den Preis, an dem Houellebecq in früheren Jahren bereits zweimal nur knapp vorbeigeschrammt ist, hat der Roman zweifellos verdient. Auch wenn die Auszeichnung im Ruf steht, in einem Gemauschel zwischen Verlagen und Jury-Mitgliedern mehr oder weniger ausgehandelt zu werden. Es heißt, Houellebecqs Verlag Flammarion, von dem der Autor zuerst weggegangen und zu dem er nun für seinen neuen Roman zurückgekommen ist, sei für den Prix an der Reihe gewesen. Als Favorit galt er sowieso.

Und natürlich wäre es nicht Michel Houellebecq, wenn nicht auch sein neues Buch, das nach dem Erscheinen der französischen Originalausgabe im September 2010 nun am 16. März auf Deutsch herauskommt, von Gerüchten, Skandalen und Sensationsmeldungen begleitet würde. Nur, dass es diesmal nicht um die Vorwürfe geht, für die Houellebecq bereits notorisch berühmt ist.

Oversexed & underfucked

Kurzer Rückblick: In seinem Roman „Plattform“ (2002) hatte Michel Houellebecq den Sextourismus als Möglichkeit zur Verwirklichung einer positiven Utopie präsentiert und damit die Therapie jener Krankheit geliefert, die er der westlichen Gesellschaft in seinen ersten beiden Romanen „Ausweitung der Kampfzone“ (1994) und „Elementarteilchen“ (1998) attestiert hatte: Die sexuelle Befreiung, so Houellebecq, habe die Sexualität zu einem freien Markt gemacht – mit Unterprivilegierten, die nie zum Zug kommen, und ewig Begehrten, die am permanenten sexuellen Leistungsdruck scheitern. Quasi oversexed and underfucked verbringen alle ab 30 ihr Leben „in einem Zustand ständigen Mangels“. Als Heilsweg aus der Misere schlug Houellebecq in „Plattform“ den Sextourismus vor. Seither verbringt er als Meistgelesener und Meistgehasster sein Leben, lebt größtenteils in Irland und Spanien und hat auch gern noch einige Scherflein draufgelegt, indem er sich zu rassistischen, sexistischen, islamfeindlichen oder Angriffen ad personam verstieg.

Und dann ist da natürlich noch sein Ruf als Pornograf, Faschist, Saufkopf und Neurotiker. Gleichzeitig gilt Houellebecq als brillanter Stilist und scharfer Analyst der Ängste, Sehnsüchte und Frustrationen einer globalisierten, entwurzelten und desorientierten Generation, die am Wechsel vom 20. zum 21. Jahrhundert immer mehr vom realen Zwischenmenschlichen in virtuelle Räume und tiefe Einsamkeit abrutscht.

Mit seinem neuen Buch „Karte und Gebiet“ kann er sich nun auch noch einen weiteren Vorwurf an den Hut heften: den des Plagiats. Einige Passagen seines Buchs, so wurde aufgedeckt, sind beinahe wörtlich aus dem Internetlexikon Wikipedia übernommen, so zum Beispiel eine über das Reproduktionsverhalten von Fliegen. „Lächerlich“, findet Houellebecq. Als künstlerisches Stilmittel im Dienste der Schönheit seiner Bücher habe er immer schon Alltagstexte oder technische Beschreibungen in seine Texte eingearbeitet, und er berief sich dafür auf so berühmte Einflüsse wie Georges Perec oder Jorge Luis Borges.

Einzelgänger voller Menschenverachtung

Doch das eigentlich Verblüffende an „Karte und Gebiet“ ist etwas ganz anderes: Darin nämlich richtet der Autor, wie der „Independent“ formulierte, „seine giftige Feder gegen sich selbst“. Um genau zu sein: Michel Houellebecq lässt den Schriftsteller Michel Houellebecq, der in dem Roman eine wesentliche Nebenrolle spielt, auf die bestialischste Weise ermorden – nämlich erschießen, köpfen und anschließend mit einem Lasergerät in Hunderte kleine Teile und Streifen zerteilen. Das nennt man seinen Feinden den Wind aus den Segeln nehmen!

Damit nicht genug, zeichnet Houellebecq ein Porträt seiner selbst als erbärmliche, gebrochene, restlos vereinsamte Figur – zerlumpt, stinkend, freiwillig isoliert, dem Alkohol und einer seltsamen Obsession für Wurst-Ess-Exzesse ergeben. Als „Einzelgänger voller Menschenverachtung, der sogar Mühe hatte, ein Wort an seinen Hund zu richten“, erscheint der Buch-Houellebecq dem Romanhelden Jed Martin, einem jungen, äußerst erfolgreichen Maler und Fotografen, der den Schriftsteller besucht, um ihn um ein Vorwort für einen Katalog zu bitten. Jed Martin malt ein Porträt von Houellebecq, welches die Handlung in der Folge in Schwung bringen wird.

In „Karte und Gebiet“, das halb als Krimi, halb als Satire charakterisiert worden ist, haben auch Houellebecqs Schriftsteller-Freund Frédéric Beigbeder und eine Reihe französischer Medienpromis ihren Auftritt. Wie in allen Houellebecq-Romanen finden sich darin lange Passagen mit Betrachtungen über philosophische, politische oder sozialreformerische Themen und das fast schon verpflichtende Journalisten-Bashing. Dafür diesmal keinerlei Frauen- oder Islamfeindlichkeit und keinerlei ausführliche Sexszenen. Wie auch schon in „Plattform“ erlebt Houellebecqs Held Jed Martin – auch er ein eigenbrötlerischer, kontaktarmer, wenn auch supererfolgreicher Künstler – eine wichtige und sehr schöne Liebesbeziehung, die allerdings nicht von Dauer ist.

Es ist, als hätte Houellebecq sich ein wenig von seinen Dämonen befreit, als schlüge er nicht mehr ganz so unqualifiziert um sich, was dem Leser erlaubt, den Blick stärker auf die souveränen Qualitäten von Houellebecqs Schreiben zu richten. Vielleicht, denkt man sich, ist er doch mehr Moralist als Provokateur. Vielleicht spottet er aber auch nur – nicht zuletzt über sich selbst. Wie sagt der Buch-Houellebecq zu Jed über sein Leben: „Es hat interessante Momente gegeben, aber sie waren immer schwierig und haben fast immer meine Kräfte überstiegen.“

– Julia Kospach

Michel Houellebecq: Karte und Gebiet
DuMont, €23,70
Gesellschaftssatire um einen Maler, der zu Erfolg kommt und in Isolation versinkt. In einer Nebenrolle: Houellebecq selbst.

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