In Memoriam Gert Voss: "Ich strebe nach Unvergessenheit"

In Memoriam Gert Voss: "Ich strebe nach Unvergessenheit"

Gert Voss, der große Charakterdarsteller des Wiener Burgtheaters, ist im Alter von 72 Jahren gestorben. In Memoraim an den großen Schauspieler das FORMAT-Interview aus dem November 2012. Er strebte nach Unvergessenheit - das ist ihm gelungen.

FORMAT: Ob mit hochrasierter Frisur als Richard III. oder, wie nun, mit Koteletten – Sie prägen mit jeder Rolle auch einen neuen Look. Wie wichtig ist diese optische Ebene?

Gert Voss: Wenn ich eine Rolle annehme, weiß ich überhaupt nie, wie sie ausschaut oder sich im Laufe der Probe körperlich entwickelt. Irgendwann denke ich plötzlich – das kann ich aber gar nicht rational begründen –, der müsste lange Haare haben oder kurz geschoren sein. Das ist mein Spaß. Wobei das Äußerliche oft so ist wie bei einem Hausbau: Es ist eine Art Gerüst, und daraus entsteht dann etwas. Was entsteht, hat naturgemäß mit mir und meiner Fantasie zu tun. Es sind ja Figuren, die man spielt. Ich trete ja nicht auf und sage: Ich spiele Hamlet und heiße eigentlich Gert Voss. Dass ich Gert Voss bleibe, ist naturgemäß.

Sind Sie eitel?

Voss: Ich denke, alle Schauspieler sind eitel. Zumindest kenne ich keinen einzigen, der das nicht ist. Ich finde Eitelkeit nur grauenhaft, wenn sie sich mit Dummheit paart, wenn sie sich selber gar nicht mehr infrage stellt oder nicht über sich lachen kann. Diese Art von Eitelkeit finde ich dann auch berufsgefährdend. Schauspieler, die diese Eitelkeit haben, sind jene, die dann auf der Bühne nur so sein wollen, wie sie das Publikum ihrer Meinung nach haben möchte.

Was ist die Initialzündung, eine Rolle anzunehmen?

Voss: Ich bin nie ein Schauspieler gewesen, der den Wunsch hatte, den Lear, den Hamlet oder den Othello zu spielen. Das wäre auch Dummheit, wenn man denkt, ich will den Hamlet spielen und genüge dafür. Man braucht einen ungewöhnlich guten Regisseur und ungewöhnlich gute Partner. Anders geht es nicht. Ich hatte immer das Glück, dass mich Leute wie Zadek, Peymann, Tabori oder Bondy gefragt haben. Erst von diesem Moment an habe ich mich mit einer Rolle intensiv beschäftigt, mich in die Rolle verliebt. Im besten Fall entdecke ich dann etwas, was meine Fantasie zum Blühen bringt. Auch die Rolle, die ich jetzt spiele, ist keine allein bühnenfüllende, sondern nur die eines Musikers in einem Orchester.

In einem Toporchester, dessen Mitglieder Ihnen Hymnen singen: Michael Maertens hat das gemeinsame Garderobenschild fotografiert, Nicholas Ofczarek gleich intensiver seinen Text gelernt …

Voss: Das berührt mich sehr. Man hat ja immer nur das Feedback des Publikums. Unter Kollegen findet normalerweise über die gegenseitige Einschätzung nicht viel Austausch statt. Aber natürlich ist das auch eine Verantwortung.

Was kann das Publikum heute noch in Tschechows „Onkel Wanja“ entdecken?

Voss: Es gibt mit Shakespeare oder Beckett Autoren, die große Geschichten oder Endspiele erzählen. Bei Tschechow ist alles irgendwie alltäglich, nie so dramatisch oder einzigartig, es entspricht den Grautönen unseres Lebens. Tschechow weiß präzise über Menschen Bescheid. Nicht umsonst hat er viele Autoren beeinflusst. Thomas Bernhard muss Tschechow verschlungen haben. Auch Filmemacher wie Michael Haneke dürften ihren Tschechow kennen.

Sich selbst wichtig nehmen, Jammern auf hohem Niveau – alles sehr heutig …

Voss: In der Technik haben wir enorme Fortschritte gemacht, im Zusammenleben hat sich kaum etwas verändert: dieselben Gewalttätigkeiten und Lieblosigkeiten wie vor 500 Jahren. Der Mensch ist da anscheinend nicht entwicklungsfähig. Sie geben sich immer ungeschützt der Leidenschaft des Spiels hin. Woher nehmen Sie immer noch die Kraft?

Voss: Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. So wie ich mich jüngst bei Felix Baumgartner gefragt habe, warum muss der das tun, frage ich mich auch beim Voss manchmal: Warum muss der das tun? Und wie lange will der das noch machen? Ich glaube, ich höre in dem Moment auf, wenn mich der Beruf anfängt zu langweilen und ich nicht mehr neugierig bin.

Sie haben den Thomas-Bernhard-Satz „Immer an der Grenze der Verrücktheit“ einmal als Berufsmotto genannt. Hätten Sie ohne Bühne Therapiekosten?

Voss: Ich halte mich aus meiner Perspektive nicht für verrückt. Ich halte mich für leidenschaftlich und enorm neugierig. Auch dass ich meinen Beruf aus einem Mangel im Leben mache, dass ich sozusagen sublimiere, habe ich noch nicht festgestellt. Wenn ich nicht spielen würde, gäbe es eine Menge anderer Dinge, die ich auch gerne täte.

Zum Beispiel?

Voss: Von meiner Kindheit an war es ein unstillbarer Wunsch, Filme zu drehen. Ich finde aber auch einen medizinischen Beruf wahnsinnig aufregend. Der Schauspielberuf ist nicht der einzige Beruf in diesem Leben.

Wie lernen Sie Text?

Voss: Das ist der höchst betrübliche Teil an dem Beruf. Ich muss absolute Ruhe haben, allein in einem Zimmer sitzen, darf durch nichts abgelenkt sein, und dann kann ich den Text kennenlernen, kann die Wörter ausprobieren. Da muss ich mir höchste Disziplin zulegen und mir mindestens drei Stunden am Stück verordnen. Ich gehöre zu den Schauspielern, die ihre Texte schon zur Probe können müssen. Denn ohne Text fällt mir überhaupt nichts ein.

In Ihrer Biografie nennen Sie den großelterlichen Rat als Leitmotiv: „Tue nie etwas, wodurch andere ihr Gesicht verlieren.“

Voss: Wie lässt sich das in diesem Beruf durchhalten? Ich finde jede Form von Aggressivität oder Missachtung von Menschen als totale Verarmung der Fantasie und der Seele. Gerade beim Theaterberuf, wo Menschen Blößen zeigen müssen, muss man einander das Gefühl lassen, dass man niemanden persönlich treffen will, sondern dass es immer um die Sache oder die Rolle geht. Natürlich nützen manche Leute ihre Macht über Gebühr.

Regisseure wie Peter Zadek sind gerne an die Grenze gegangen. Mit Claus Peymann sind Sie nach einer Zeit der Funkstille wieder versöhnt.

Voss: Das ist das Schöne am Theater, man will sich nicht, wie in der Politik, ermorden – obwohl man manchmal schon davon träumt, den anderen zu erschlagen. Ich glaube auch, dass manche Regisseure Angst haben, dass ihnen von den Schauspielern eine Art von Gewalt droht.

So wie Peter Zadek einmal meinte, Sie hätten ihn ermorden wollen …

Voss: … weil ich während einer Probe zu Strindbergs „Totentanz“ einen Aschenbecher vom Tisch stieß, der auf den Sitz neben ihm fiel. Er brach die Probe ab und sagte, du hast gerade versucht, mich zu töten. Später erzählte er dann, er wollte nur die Schrauben fester drehen, mich dahingehend provozieren, in der Rolle noch gefährlicher zu werden.

Haben Sie das als hilfreich empfunden?

Voss: Nein, denn wenn ich das gewusst hätte, hätte ich gedacht, ich prostituiere mich für Zadek. Andererseits hatte Zadek ein unglaubliches Gespür für Theatertöne. Ein Gottesgeschenk. Das hat ihm geholfen, nicht auf die tausend Tricks reinzufallen, mit denen Schauspieler Regisseure verführen, Fehler zu machen.

Wie ist die Arbeit mit Matthias Hartmann?

Voss: Eine der schönsten Arbeiten der letzten Jahre, weil Matthias eine große Gabe hat, Schauspieler „fantasielich“ zu entzünden.

Was muss Theater heute können, damit Sie es als gut empfinden?

Voss: Ich will das Kunststück sehen, dass Schauspieler so spielen, dass ich denke, die spielen gar nicht mehr. Das gibt es selten. Meistens weiß man Bescheid. Ich bin ein Liebender den Schauspielern gegenüber, aber unerbittlich, weil ich sehen will, wie weit sich einer öffnet und durchsichtig macht: Ich möchte entzündet werden, Herzklopfen bekommen. Wenn mir das Theater dieses Abenteuer nicht ermöglicht, langweile ich mich wahnsinnig und schlafe auch meistens gleich ein.

Auch Ihre Tochter Grischka Voss hat sich für den Beruf entschieden, agiert aber nicht an einem hoch subventioniertem Theater, sondern in der Off-Szene.

Voss: Davor habe ich einen Riesenrespekt. Ich wäre dazu nicht bereit. Wie sie das mit ihrem Lebensgefährten Ernst Weigel macht, finde ich toll. Nach ihrer jüngsten Produktion „ACHT.zehn.EINHALB“ dachte ich wieder: Wunderbar, wie die mit so wenig Aufwand so viel in mir erzeugen können. Da habe ich eine stille Bewunderung. Grischka ist ja nicht nur Schauspielerin und schreibt die Stücke selber, sie ist auch eine leidenschaftliche Mutter. Jeweils Jobs, die eigentlich keinen anderen neben sich dulden. Ich bezweifle, ob ich diese Kraft hätte. Wenn ich eine große Rolle habe, bin ich für eine Zeit lang komplett darauf fokussiert. Das ist nicht immer einfach für das Privatleben.

Hatten Sie Bedenken gegen die Berufswahl Ihrer Tochter?

Voss: Ich habe ihr total abgeraten, und das hat sie mir auch ziemlich übelgenommen. Aber mit all dem, was ich über diesen Beruf weiß, würde ich niemandem dazu raten. Wenn man nicht ernst genommen wird oder die Arbeit nicht entsprechend gewürdigt wird, ist der Beruf unerbittlich und unbefriedigend. Ich hatte Glück. Man braucht das Feedback, um zu überleben.

Nehmen Sie Kritiken ernst?

Voss: Ich lese sie und bedaure das gleich wieder. Ich frage mich oft: Liest du das aus Eitelkeit oder weil du etwas erfahren willst? Ganz ehrlich? Ich lese es bestimmt nicht, um darin etwas Wissenswertes über meine Rolle zu finden. Also lese ich es aus purer Eitelkeit. Man lässt sich bestrafen oder loben. Typischerweise bleiben nur die schlechten Kritiken in Erinnerung. Die bohren in einem.

Sie haben mittlerweile eine über 25-jährige Beziehung zu Wien …

Voss: Es ist ja bekannt, dass ich gar nicht in diese Stadt wollte. Ich wollte es auch Claus Peymann ausreden. Ich hatte Vorurteile: Die verstehen unseren Witz nicht, die mögen uns nicht – und es gab ja auch Anzeichen dafür. Ich hatte Angst, dass wir am Burgtheater all das, was wir in Bochum und Stuttgart erworben hatten, verlieren – diese Starlosigkeit in gutem Sinne, jeder hat alles gespielt. Gut, wir gingen dann nach Wien. Ich spielte Richard III., und es kamen weitere wunderbare Angebote. Wir feierten, um mit Peymann zu sprechen, „Riesensiege“. Aber die Anfeindungen haben mir sehr viel ausgemacht. Peymann genoss es. Er liebte seine Feinde. Ich muss ehrlich gestehen: Ich kann meine Feinde nicht lieben.

Peymann ist wieder in Berlin. Sie blieben in Wien. Haben Sie sich an die Mentalität gewöhnt?

Voss: Natürlich merke ich manchmal, dass ich kein Einheimischer bin. Aber was die Zuwendung des Publikums betrifft, die ist überwältigend. Da kann man sich nur wohlfühlen. Ich habe zwischenzeitlich auch in Berlin gearbeitet. Ich kann nur sagen: Die Theater-Verliebtheit in Wien ist ungleich größer.

Was das Societyparkett betrifft, scheinen Sie nach dem Grundsatz zu leben: Willst du gelten, mach dich selten.

Voss: Das hängt mit meinem Naturell zusammen, weil ich mich nicht wohlfühle unter Leuten, die ich nicht kenne. Das Adabei-Getue geht mir auf den Wecker, meine Verkrampftheit wird dann apokalyptisch, und die Mundwinkel rutschen in Höhe der Augenbrauen von dem vielen Rumgrinsen. Schrecklich!

Sie sind mit Auszeichnungen überhäuft und in einem Stück verewigt worden – was wollen Sie hinterlassen?

Voss: Natürlich strebe ich wie die meisten Schauspieler nach einer Form von Unvergessenheit. Ich habe aber die größten Zweifel, dass das so ist. Wenn große Schauspieler sterben wie jüngst Susanne Lothar, wie lange hält das Gedächtnis vor? Ein, zwei Jahre? Filmschauspieler haben es da leichter. Mit Filmen hinterlässt man wirklich etwas. Die Erinnerung am Theater ist da nicht so nachhaltig.

Zur Person: Gert Voss, geboren 1941 in Shanghai und am Bodensee aufgewachsen, schrieb mit seinen Rolleninterpretationen Theatergeschichte. 1986 kam er mit Claus Peymann ans Wiener Burgtheater, wo er u. a. als Richard III., in „Ritter, Dene, Voss“ und als Shylock zu sehen war. Ab 1995 war er vier Sommer lang auch der Salzburger „Jedermann“. Seit 45 Jahren ist der Schauspieler mit der Dramaturgin Ursula Voss verheiratet.

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