Im Doku-Fieber: Der neue Dokumentarfilm
ist subjektiv, parteiisch und hoch emotionell

Mit Werner Bootes Event-Movie „Plastic Planet“ setzt sich die hohe Präsenz von Dokumentarfilmen im heimischen Kinobetrieb fort. Der Doku-Boom hat verschiedene Gründe.

Auch ein Filmemacher kann einmal in Panik geraten. Dann droht entweder das Projekt zu platzen, oder dieser Zustand wird kalkulierter Teil der Erzählung. Der österreichische Regisseur Werner Boote hat die Dramaturgie seines globalisierungskritischen Dokumentarfilms „Plastic Planet“ geradezu auf dieses Gefühl aufgebaut. Die Angst vor Plastik, die sich im Lauf der Erzählung mit dem gefährlichen Industriestoff über sämtliche Schauplätze dieser Welt ausbreitet, wird zum Angelpunkt von Bootes emotional hoch aufgeladenem Film. Gedanken, in denen die Existenz der Menschheit in 500 Jahren ernsthaft infrage gestellt wird, sind dann nicht weit.

Subjektiv, parteiisch, emotionell
Dokumentarfilme im Kino spielen aber nicht nur in Österreich seit einigen Jahren eine bedeutende Rolle. Vor kurzem gingen die Filmfestspiele von Venedig über die Bühne, wo mit Michael Moore und seiner jüngsten Arbeit „Capitalism: A Love Story“ einer der Protagonisten der populären dokumentarischen Form im Wettbewerb vertreten war. Auch Hollywood-Exzentriker Oliver Stone erhielt für „South of the Border“, in dem er Venezuelas Präsident Hugo Chávez huldigt, heftigen Applaus. Beiden gemein ist, dass sie ihre Arbeiten sehr subjektiv, offen parteiisch und überaus emotional anlegen. Als Teil ihrer eigenen Inszenierungen treten sie entschieden für die Benachteiligten ein und blasen für ihr begeistertes Publikum zum Gefecht.

Bilder als Thesenuntermaurer
Die Doku­men­tarfilm-Blockbuster „We Feed the World“ und „Let’s Make Money“ des ­Österreichers Erwin Wagenhofer funktionieren nach ähn­lichen Prinzipien. Das Publikum wird als Konsument verstanden, dessen Bedürfnis nach Aufklärung, dessen grundsätzliche Rechte als Bürger wahrgenommen werden. In klugen Kampagnen werden die Ressour­cen von NGOs mit der Filmproduktion verschränkt. Der Werbespruch von „­Plastic Planet“: „Wenn Sie diesen Film gesehen haben, werden Sie nie wieder aus einer Plastikflasche trinken“, könnte auch von Global 2000 stammen. Die im Film konsta­tierten Gefahren – so soll Plastik hormonverändernde Stoffe freisetzen – bleiben freilich diffus.

Bedürfnis nach mehr Realität
Für den Erfolg dieser Arbeiten dürfte ein allgemein gestiegenes Bedürfnis nach mehr Realität in medialen Inszenierungen nicht unwesentlich sein. Diese Tendenz lässt sich im Fernsehen genauso ablesen wie im Kino oder auch in anderen Bereichen der Kunstproduktion. Dass ein subjektiver Ansatz einer solchen Wirklichkeitsproduktion zuwiderlaufen würde, stellt keinen Widerspruch dar, denn Realität wird in ­Dokumentarfilmen wie „Plastic Planet“ stark über emotionale Rezeptionsweisen zusammengesetzt. Gemeinsam ist den populär angelegten Dokumentarfilmen von Moore, Wagenhofer oder Nick Broomfield eine Idee, die nicht aus einer kinematografischen Vorstellung geboren wird, sondern einen selbst formulierten gesellschaftlichen Auftrag verfolgt, der, mal thesenhaft, mal gefühlsgeladen, in eine vorgefertigte Form gegossen wird. Die Bilder zum Film bestätigen dann jene Thesen. Sie visualisieren, arbeiten zu, verhalten sich wie unfreie Diener eines Herrn, denen dieser keine Selbständigkeit zutraut.

Mehr Antworten als Fragen
Dem Erfolg dieser „neuen“ Schule tut das freilich keinen Abbruch, warum auch? Filme wie diese sind auf eine gewisse ­Weise ihrer Zielgruppe besonders stark verbunden. Sie bemühen sich um mehr Antworten, als sie Fragen aufwerfen, es sei denn solche nach den Produktionsumständen an sich. So macht sich auch Werner Boote mit ähnlich naivem Aktionismus wie Michael Moore in „Bowling for Columbine“ auf, nicht um erschrocken festzustellen, dass ihm eine Bankfiliale ein Gewehr als Prämie in die Hand drückt, sondern dass Plastik Leben tötet. „Plastic Planet“ ist die Reise aus ei­nem unschuldigen Gefühlszustand: Homevideos aus der Kindheit zeigen Boote mit Plastikauto, Gummiboot und anderen Vorboten einer Welt, deren Gefahren er, nach zehnjähriger Recherche, erkunden wird.

Aus der ORF-Not geboren
Ob „Plastic Planet“ ähnlich viele Be­sucher in die Kinos locken wird wie einer seiner offensichtlichen Referenzfilme, „We Feed the World“, bleibt abzuwarten. Auf ein Potenzial von mehr als 70.000 hoffen die Produzenten des Films. Dass das Kino immer häufiger als Trägermedium des Dokumentarfilms zum Einsatz kommt, mitunter auch für Stoffe und Inszenierungen, die im Fernsehen besser aufgehoben wären, hat nicht unbedingt mit den Filmprojekten selbst zu tun. Schon lange bevor beim ORF das große Sparen ausgebrochen ist, fanden sich dort zunehmend weniger Abspiel­flächen für Programme, die nicht Quote ­versprechen. Die heimische Filmszene kann davon ein Lied singen. Nicht wenige Filmemacher wichen auf die Filmförderungen des Landes aus. Auch so ist es zu erklären, dass einerseits aus einer Not, andererseits aus einer Schaffensvielfalt Österreich, gemessen an der Anzahl der jährlich anlaufenden heimischen Filme, einen beträchtlich hohen Anteil an Dokumentar­filmen im Kinobetrieb aufweist. Nicht alle davon finden das von ihnen definierte Publikum, wären im Fernsehen besser aufgehoben. Etliche funktionieren hingegen gut und erzählen so auch von einem Reichtum des heimischen Filmschaffens.

Demnächst im Kino
Drei Arbeiten, die das bezeugen, werden in den nächsten Wochen in den Kinos zu sehen sein. „Little Alien“ erzählt von Flüchtlingen in Wien und Umgebung, ohne dass gleich Augen und Ohren zugeklappt werden müssten. Gegen übliche mediale Darstellungen positioniert Nina Kusturica ihr Bild von sehr vitalen, eigenständigen Menschen, und schafft das kleine Kunststück, ihre Protagonisten in keinem Moment zu viktimisieren. Einen Schritt weiter in Fragen der Repräsentation geht Sabine Derflinger, die für ihr Porträt „Eine von 8“ zwei an Brustkrebs erkrankte Frauen mit Kameras ausgestattet hat. In einem bewussten Schritt gibt sie damit die Kontrolle über die Bilder ab. Ein Stück verschütteter öster­reichischer Geschichte legt schließlich der Dokumentarfilm „Der Weg nach Mekka – Die Reise des Muhammad Asad“ frei. Georg Misch folgt den Spuren des vor 80 Jahren zum Islam konvertierten jüdischen Wieners Leopold Weiss und weiß Erstaunliches über die Bedeutung dieses Mannes in der arabischen Welt zu berichten.

Von Gunnar Landsgesell

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