Hört auf den Boss

Bruce Springsteen meldet sich zurück. Mit seinem 17. Studioalbum besinnt sich der Boss auf alte Qualitäten. Kritische Gesellschaftsbetrachtungen, verpackt in eingängige Melodien.

Es hat sich eingebürgert, dass Meilensteine der Popgeschichte gerne gefeiert werden. Mit aufpolierten Special-Edition-Boxes gute alte Zeiten hochleben zu lassen und in Erinnerungen zu schwelgen hat eben seinen Reiz. Unlängst etwa geschehen, als kollektiv der Erstveröffentlichung von Nirvanas „Nevermind“ gedacht wurde.

Jubiläen lassen sich aber auch leiser und kleiner angehen. Stöbert man etwa in der umfangreichen ­Diskografie von Bruce Springsteen, zeigt sich, dass der Amerikaner vor genau 30 Jahren mit „Nebraska“ laut eingefleischten Fans eines seiner besten Alben einspielte. Ein makaber-düsteres Lo-Fi-Werk, räudig mit Gitarre und Mundharmonika auf einem Vierspurkassettendeck aufgenommen. Solo, ohne E-Street Band. Im Titelstück besingt er in der ersten Person das Leben des Massenmörders Charles Starkweather, der auf seine Hinrichtung am elektrischen Stuhl wartet.

Er ergreift Stimme für die wackeren Arbeiter und ihre Träume und erzählt Geschichten. Geschichten wie jene vom „Highway Patrolman“ Joe Roberts,
der seinen nichtsnutzigen Bruder Frank ständig deckt und ihm ständig den Hintern rettet. Sean Penn ver­arbeitete den Stoff sogar zu seinem Regiedebüt „In­dian Runner“. So schwer, so reduziert und desperat hat man Springsteen, den rockenden Chronisten der Working-Class, bis dato nicht gehört. Und seine Karriere dauerte damals auch schon ein Jahrzehnt.
Das Magazin „Rolling Stone“ kürte „Nebraska“ zwar zum besten Album des Jahres, die Plattenverkäufe ließen jedoch zu wünschen übrig. Zu sehr verstörte Springsteen seine Fans mit dem musikalisch karg inszenierten Werk.

Unbequeme Hymnen

Dennoch: Der Boss – man verpasste ihm den Spitznamen, da er in den 70er-Jahren nach Gigs seine Musiker bar ausbezahlte – machte mit „Nebraska“ darauf aufmerksam, dass gefälligst auf die Feinheiten seiner Texte zu hören ist. Ein Befreiungsschlag, denn hinter seinen oft eingängigen Melodien, seinen Songs über Highways, die Weiten der amerikanischen Landschaft, Liebschaften, Herumkurven im Chevy, wird die dunkle Sozialromantik, die Solidarisierung mit dem hart arbeitenden Menschen und letztlich auch seine politische Kritik gerne überhört.
Wirklich genutzt hat es auf die Schnelle nicht, denn als Springsteen, Spross einer katholischen Arbeiter­familie aus New Jersey, zwei Jahre später mit „Born In The USA“ zum Weltstar wurde und am Platten­cover (fotografiert von Annie Leibovitz) mit dem Rücken zum Betrachter und Truckermütze in der Jeanstasche vor der US-Flagge posierte, wurde er von der Politik kurzerhand als anständiger und ordentlicher Patriot vereinnahmt. Sowohl Ronald Reagan als auch sein ­demokratischer Gegenkandidat Walter Mondale verwendeten die „Hymne“ in ihrem Wahlkampf. Ein Witz und Missverständnis, das Springsteen und sein Management gleich einmal unterbanden. Singt der Boss doch abseits des mantraartig wiederholten Refrains von den Folgen und der klaffenden Wunde, die zehn Jahre nach dem Ende des Vietnamkriegs noch immer in der amerikanischen Gesellschaft zu spüren waren.

Der Staatsfreund Nr. 1

Springsteen ist also alles andere als unpolitisch. So fand er in den Nullerjahren, als er sich entschloss, nach einigen Soloausritten seine E-Street Band wiederzubeleben, deutliche Worte gegen die Bush-Administration und engagierte sich im US-Wahlkampf für den Demokraten John Kerry.

Wer ein sakrosankter Rocknationalheld dieses Ausmaßes ist, kann und darf sich einiges erlauben. Der Boss hat schließlich immer Recht. Zudem gehen Pop und Politik in den USA seit jeher gerne Kurzzeit­symbiosen ein. Künstlerisch ist das – so viel Majestäts­beleidigung muss erlaubt sein – vor vier Jahren aber ziemlich ins Auge gegangen, als Springsteen mehr oder weniger absichtlich mit dem Album „Working On A Dream“ eine Art Soundtrack zur Wahl von Barack ­Obama schrieb.

Der 62-Jährige lieferte, getragen von Politeuphorie und Wendefreuden, durchgestylte Sound-Epen ab und sparte nicht mit musikalischem Kitsch. Tonnen an ­Saxofonen, Synthesizern, Gitarren und Gospelchören wurden aufgefahren. Schmalziger Höhepunkt: Sein Auftritt bei Obamas Inaugurationsfeier im Jänner 2009. Willkommen im neuen Zeitalter, Pop hat es ins Zentrum der Macht geschafft, und der Boss bekam Ende des Jahres von Obama auch noch den Kennedy-Preis, der jährlich an fünf Künstler für ihr Lebenswerk verliehen wird, zugesprochen.
Treuen Anhängern – insbesondere in Europa – war Springsteens letzte Platte ein wenig zu viel Pathos und Affirmation. Dem Boss selbst vielleicht auch. Deswegen wird im Vorfeld zur Veröffentlichung seines 17. Studioalbums „Wrecking Ball“, das Anfang März erscheint, gleich einmal gegengesteuert. Kurskorrektur nennt man solche Manöver in der Politik. Springsteen – so heißt es – beschäftigt sich wieder kritisch mit der amerikanischen Gesellschaft. Er hat mit Ron Aniello einen neuen Produzenten an Bord. Der setzt, so viel ist beim Vorabrelease „We Take Care Of Our Own“ bereits herauszuhören, auf eingängige Melodien. Und Springsteen gibt sich textlich dabei düster.

Dass wieder andere Töne angeschlagen werden, ­lassen auch Songtitel wie „Death To My Hometown“, „Shackled And Drawn“ oder „This Depres­sion“ vermuten. Und auserwählte Ohrenzeugen befeuern Blogs und Fan-Foren im Internet mit markigen Sprüchen. Der Boss – so der Tenor – habe ein richtig wütendes Album gemacht.

Dass Springsteen trotz Alterszorn nicht unversöhnlich bleiben wird, lässt sich ebenfalls sagen, denn unter die elf Songs, die am neuen Album drauf sind, mischten sich auch bereits zwei einschlägig bekannte Nummern. Das titel­gebende „Wrecking Ball“ und das live schon oft erprobte „Land
Of Hope And Dreams“. Hier fasst sich Springsteen nochmals ein Herz und spendet uns – wie gewohnt – Hoffnung.

– Manfred Gram

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