Hitchcock: Psycho und Genie

Hitchcock: Psycho und Genie

Sir Alfred Hitchcock war einer der einflussreichsten Regisseure der Filmgeschichte. In "Hitchcock“ wird der "Master of Suspense“ nun selbst zum Filmgegenstand. Eine Denkmalpflege, trotz und wegen geheimer Obsessionen.

Was, wenn ich einen schrecklichen Fehler mache? Was, wenn der Film ein zweites ‚Vertigo‘ wird?“, greint Anthony Hopkins im Biopic "Hitchcock“ in einem Moment des Selbstzweifels vor sich hin. Der Waliser wurde unter eine ordentliche Schicht Latex gepackt, um die korpulente Regielegende Alfred Hitchcock zu spielen. Was der Hopkins-Hitchcock zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht weiß: "Psycho“, der Film, von dessen ökonomischem Triumph der "Master of Suspense“ nicht hundertprozentig überzeugt ist, wird sein kommerziell erfolgreichster Streifen werden.

Jetzt haben Filmproduktionen natürlich auch eine außerfilmische Ebene, die bei Filmbiografien besonders präsent ist. Verweist man auf die, wird es richtig treppenwitzig. "Vertigo“, einst bei Kritik und Publikum durchgefallen, wurde nämlich vergangenen August von der britischen Filmzeitschrift "Sight and Sound“ zum besten Film aller Zeiten gewählt.

Psycho

Zwar kann man nicht von später Anerkennung sprechen, dafür wurde Hitchcock, der 1899 im sinisteren Londoner East End zur Welt kam, zeitlebens zu sehr bewundert und verehrt. Aber dass sein Meisterwerk "Vertigo“ einst verkannt wurde, dürfte den Gruselmeister doch sehr gewurmt haben.

Zumindest legt das die Filmbiografie, die unter der Ägide von Sacha Gervasi entstanden ist, nahe. Basierend auf dem Sachbuchbestseller "Hitchcock und die Geschichte von Psycho“, den 1990 der US-amerikanische Drehbuchautor, Schriftsteller und Journalist Stephen Rebello recherchiert hat, pickt man sich gut 18 Monate aus dem Leben Alfred Hitchcocks heraus.

Der Film zeigt einen Regiemeister, der trotz großen Erfolgs seines letzten Films ("Der unsichtbare Dritte“) in eine künstlerische Sinnkrise taumelt und stur ein neues Projekt umsetzen will, das anders sein soll: die Verfilmung von Robert Blochs Roman "Psycho“, der von den schrecklichen Bluttaten des Serienkillers Ed Gein inspiriert ist. Allerorts rät man ihm davon ab, der sture Visionär macht es trotzdem.

Der fast klassisch angelegten Biopic-Rezeptur folgend, sieht man nun einen verwobenen Metaebenen-Mix, der erörtern soll, warum der Mann so unheimlich wichtig für die Filmkultur ist.

Larger than life

Aber auch sonst gibt Alfred Hitchcock einiges her. Wie kein anderer spielte der filmbesessene ehemalige Jesuitenzögling auf der Klaviatur menschlicher Ängste. Er wusste um die Kraft der Bilder, Effekte, Musik und Farben und involvierte sein Publikum dabei ins Geschehen - machte es zu Komplizen des Bösen, zu Voyeuren und Sympathisanten des Dunklen: Hitchcock, der Manipulator des (alltäglichen) Schreckens.

Zudem galt die gedrungene Gestalt vor allem auch als erfindungsreicher Kameramann und penibler, harter Regisseur, der seine Schauspieler über ihre Grenzen trieb. Ein Kontrollfreak, der einiges an psychischen Problemen und Mankos in seinen Filmen abarbeitete.

Hitchcock, von Wegbegleitern oft als sehr schüchtern und - aufgrund körperlicher Gegebenheiten (Gewicht, Glatze, Größe) - auch komplexbehaftet beschrieben, mied das Society-Parkett. Tauchte er dort auf, gab er aber auf Knopfdruck den klugen, witzigen Gesprächspartner, der sich selbst grandios vermarkten konnte. Wandelnde Widersprüchlichkeit also, nicht zuletzt, weil "Hitch“ abseits der Filmstudios ein fast schon zwanghaft in geordneten Bahnen verlaufendes Leben lebte. Sehr verdächtig, insbesondere wenn Gewalt, Sex und dunkle Begierde die Lebensthemen sind.

Hitch und die Frauen

"Hitchcock“ betont vor allem, dass viel vom Erfolg des alten Meisters von seiner Frau Alma Reville abhängig war. Helen Mirren spielt die Gattin im Hintergrund, die ihrem Mann stets mit Rat und Tat zur Seite steht. Sei es beim Drehbuchschreiben, im Schneideraum oder als ebenso scharfzüngige wie besorgte Beobachterin seines Gewichts.

Das Paar, das über 50 Jahre miteinander verheiratet war, bedingt einander. Ohne Alma läuft nichts. Sie überzeugt "Hitch“ davon, gegen alle Konventionen die weibliche Hauptfigur in "Psycho“ bereits in der ersten halben Stunde sterben zu lassen. Sie ist es, die will, dass in der berühmten Duschszene, in der das geschieht, die kurzen, hohen Geigenakkorde zu hören sind. Alma Reville war Geschmacksverstärker und Qualitätskontrolle in dieser Künstlerehe. Das würdigt auch Sacha Gervasis Film. Charles Champlin, Kritikerlegende des US-Kinos, merkte diesbezüglich gar einmal an: "Hitchcock hatte vier Hände, zwei davon waren die von Alma.“ Und als Hitchcock, der übrigens nie einen Regie-Oscar bekam, 1979 vom Amerikanischen Filminstitut (AFI) für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, dankte er, mehr als deutlich, seiner Frau. So weit, so romantisch.

Im Film selbst schlittert das Duo während der Dreharbeiten zu "Psycho“ in eine formidable Ehekrise. Hitchcock finanziert, sehr zum Missfallen seiner Frau, sein neues Projekt aus eigener Tasche, stellt 800.000 Dollar auf und arbeitet egomanisch an der Umsetzung. Fakten und Fiktion wechseln ab. Zudem hat man mit der lieben Eifersucht seine Not. Hitchcock goutiert es gar nicht, dass seine Frau viel Zeit mit dem Autor Whitfield Cook verbringt, um ein Nebenprojekt zu realisieren. Eine Affäre liegt in der Luft. Alma ihrerseits hat Hitchcocks Vorliebe für Blondinen, denen er sich sehr eigenwillig zu nähern pflegte, satt.

Blondinen bevorzugt

Seine meist blonden Hauptdarstellerinnen ("Hitchcock Blondes“) verehrte er wie Göttinnen, gleichzeitig drangsalierte und quälte er sie bis aufs Blut. Und es braucht nicht unbedingt ein Gender-Studies-geschultes Auge, um zu erkennen, dass Hitchcocks Werk und Leben von Frauenfeindlichkeit durchzogen war. Donald Spotos Biografie "Alfred Hitchcock: Ein Leben“, 1983 erstmals erschienen, gibt sehr deutlich über die sexuellen Obsessionen dieses Magiers des Schreckens Auskunft. Er will Frauen nach seinem Geschmack formen. Auch wenn die Kameras aus sind. Und auch Hitchcocks Beziehung zu seiner Mutter - mit der er bis er 27 war unter einem Dach lebte - kommt zur Sprache.

Das BBC/HBO-Dokudrama "The Girl“, das im Vorjahr im britischen und amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, beschäftigt sich sehr explizit mit diesen sehr dunklen Seiten des Regiegenies. Hitchcock, verkörpert von Toby Jones, peinigt mit boshafter Durchtriebenheit darin Tippi Hedren, gespielt von Sienna Miller. Sie, die Hauptdarstellerin von "Die Vögel“ und "Marnie“, wird symbolisch und real für Hitchcocks Kamera misshandelt. Raben zerkratzen ihr Gesicht, sie wird vor der Kamera vergewaltigt. Wie weit das alles stimmt, ist nicht gesichert. Kim Novak, eine andere Hitchcock-Blondine, verweist vieles davon ins Reich der Legenden.

Auch "Hitchcock“ spart das Thema der verworrenen Sexualität nicht aus. Man sieht etwa den Regisseur, wie er durch ein Loch in der Wand Vera Miles (Jessica Biel) in ihrer Garderobe beobachtet. Oder wie er jähzornig explodiert und demonstriert, wie auf Janet Leigh (Scarlett Johansson) unter der Dusche einzustechen ist. Aber das wirkt alles mehr wie die Schrullen eines von Perfektionswahn Getriebenen als die psychotischen Verhaltensweisen eines verhinderten Erotomanen. Als ob man ein Denkmal noch fester verankern wolle.

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